Neue Gastro in der Stuttgarter City Mit diesem Konzept will das Capriccio punkten

Flavio Meli hat in seinem Capriccio viel selbst gestaltet. Foto: Matthias Ring

In der anhaltendenden Gastrokrise ist eine erste Neueröffnung 2022 zu verzeichnen. An der Ecke Dobel-/Hohenheimer Straße empfängt seit Montag das Capriccio seine Gäste. Das Konzept unterscheidet sich von vielen italienischen Lokalitäten der Stadt.

Lokales: Matthias Ring (mri)

Stuttgart - Zu Jahresbeginn blicken die meisten Gastronomen weiterhin mit großer Sorge in die Zukunft. Laut einer Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), an der sich in den ersten Januartagen mehr als 2400 Betriebe in Baden-Württemberg beteiligten, sehen sich knapp 62 Prozent der Gastronomen in ihrer wirtschaftlichen Existenz gefährdet. Demnach war im Dezember 2021 insgesamt ein Umsatzrückgang von 51 Prozent gegenüber dem Dezember 2019 zu verbuchen. Die Gründe: Einschränkungen durch die Coronaverordnungen (84,8 Prozent), Wegbrechen des Veranstaltungsgeschäfts (64,7 Prozent), fehlende Nachfrage (61,5 Prozent).

 

Trotz Aufgabe der Vorgänger ist der neue Pächter zuversichtlich

Und doch wagen manche mitten in dieser Krisenstimmung eine Investition, wie etwa Flavio Meli mit der ersten nennenswerten Neueröffnung 2022: dem Capriccio. Der 35-jährige Betriebswirt, der auch Erfahrung als Banker hat, vergleicht die Situation mit der an der Börse: „Das Risiko gehört immer dazu. Aber gerade wenn die Kurse schlecht stehen, muss man investieren.“ Vor anderthalb Jahren ist Meli aus Italien dauerhaft nach Stuttgart gekommen. Lange habe er nach einem passenden Objekt gesucht und auch viele Angebote bekommen – bis ihm das seit Beginn der Pandemie leer stehende Botti vermittelt wurde.

Das kleine Lokal mit 30 Sitzplätzen habe ihm zwar sofort gefallen, dennoch habe er sich eine Woche Zeit gelassen und mehrere Tage vom Auto aus das Stadtleben beobachtet. „Es gibt ein Theater hier, eine Stadtbahn-Haltestelle, und es laufen Leute ohne Ende vorbei“, sagt Meli über die schwierige Lage ohne Parkplätze und ohne Außenbereich an der Ecke Dobelstraße/Hohenheimer Straße, an der schon die Betreiber des Restaurants Tafelberg aufgeben mussten. Doch Meli lässt sich nicht von den Geschichten über die Vorgänger entmutigen. „Ich will kein Ristorante, sondern einen Treffpunkt für die Nachbarschaft plus. Hier soll jeder reinkommen können und sich wie zu Hause fühlen.“

Schon der Vater war Gastronom in Stuttgart seit 1962

Flavio Meli sagt: „Gastronomie ist mein Leben.“ In Catania hat er mit zwei Teilhabern eine riesige Location betrieben, später in Bologna eine deutlich kleinere. Schon sein Vater war Gastronom und in Stuttgart seit 1962 mit dem Piccola Roma und der Pizzeria Europa präsent, bis er nach 30 Jahren in die Heimat zurückkehrte. Das am Montag eröffnete Capriccio nun trägt den Untertitel „Cafè & Cucina da Bar“. Eine einfache Küche, das, was man in Italien auch als Arme-Leute-Küche kennt, soll es also geben wie etwa Pasta mit Bohnen und Muscheln. Auf der ersten kleinen Karte stehen Pinsa-Variationen, aber auch Frühstück mit Bauernbrot, Spiegeleiern oder Omeletts aus dem Ofen.

Angebot vom Frühstück bis zum späten Absacker

Meli muss zwar einräumen, dass Frühstück nicht unbedingt zur italienischen Lebensart gehöre. Aber er will eben für alle da sein: vom schnellen Espresso morgens für 1,80 Euro über den Mittagstisch bis zum abendlichen Absacker mit einem Negroni oder Americano. Das Interieur seiner Location hat er liebevoll zusammengestellt oder sogar selbst gemacht. Aus einem alten Kleiderschrank hat er eine Bar gebastelt, auf Flohmärkten hat er viele Bilderrahmen erstanden. Weil im Capriccio zum Kaffee auch Bücher serviert werden, hat Meli in den hinteren Raum neben einer alten Schirmlampe einen Oma-Sessel postiert. Und wenn sich das Amt für öffentliche Ordnung in der Pandemie einmal mehr kooperativ zeigt, soll es auch ein paar Tische draußen geben.

Der Dehoga-Sprecher in Baden-Württemberg, Daniel Ohl, bestätigt übrigens auf Nachfrage, dass es trotz der Krisenstimmung in der Gastronomie „genügend Betriebe mit relevantem Gästeaufkommen“ gebe. „Besonders im À-la-carte-Geschäft geht was“, also in Restaurants mit festen Sitzplätzen und mit großem Reservierungsanteil. Solche, die mehr auf spontane Besuche oder größere Gruppen angewiesen seien, täten sich deutlich schwerer. Ohl mahnt allerdings auch an, dass einzelne Betriebe, die unter diesen Bedingungen nicht wirtschaftlich arbeiten können und vorübergehend schließen, ebenso Anspruch auf Förderprogramme haben müssen. Die Überbrückungshilfe IV für den Zeitraum Januar bis März kann bereits beantragt werden.

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