Neue Gemeinschaftsschulen Ausbau mit gebremstem Tempo

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Die Anzahl der Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg wächst kontinuierlich, aber langsamer als bisher. Für das kommende Schuljahr sind 62 neue Schulen genehmigt. Die Lehrer hoffen auf Unterstützung.

Die Schüler in der Heinrich-Schickardt-Schule in Bad Boll  haben schon Übung mit dem neuen pädagogischen Konzept Foto: Horst Rudel
Die Schüler in der Heinrich-Schickardt-Schule in Bad Boll haben schon Übung mit dem neuen pädagogischen Konzept Foto: Horst Rudel

Stuttgart - Die Zahl der Gemeinschaftsschulen im Land wächst seit vier Jahren stetig. Für das Schuljahr 15/16 haben 62 weitere Standorte den Zuschlag bekommen. Dann wird es in Baden-Württemberg 271 Gemeinschaftsschulen geben. In den beiden Vorjahren waren noch jeweils mehr als 80 Schulen genehmigt worden. Der Ausbau wird wohl mit gedrosseltem Tempo weitergehen. Kultusminister Andreas Stoch (SPD) erwartet, dass in den kommenden Jahren jeweils zwischen 50 und 60 neue Standorte hinzukommen werden.

Auch bei der aktuellen Genehmigungstranche gehen die meisten neuen Gemeinschaftsschulen aus Haupt- und Werkrealschulen hervor. Acht künftige Gemeinschaftsschulen sind gegenwärtig Realschulen. Zwei weitere Realschulen werden laut Stoch Schulverbünde mit einer Gemeinschaftsschule eingehen. In Weissach im Tal (Rems-Murr-Kreis) wird die Werkrealschule Gemeinschaftsschule und bildet zusammen mit dem Gymnasium und der Realschule einen Ganztagsschulverbund.

Sechs wurden abgelehnt

Stoch zufolge sind sechs Anträge abgelehnt worden, acht Gemeinden hätten ihre Bewerbung zurückgezogen. Stärker als bisher sei das Genehmigungsverfahren nun mit der regionalen Schulentwicklung verknüpft. Die Schulen müssen nachweisen, dass sie in den kommenden Jahren stabil mindestens zwei Klassen pro Jahrgang einrichten können, also mit mindestens 40 Schülern pro Jahrgang rechnen können. Die pädagogische Konzeption bleibe ebenso ein entscheidendes Kriterium. Für Stoch ist die Gemeinschaftsschule inzwischen „endgültig im Land angekommen“. Das sieht die Opposition anders.

Georg Wacker (CDU) spricht unverändert von einem Umwandlungsprogramm von Haupt- und Werkrealschulen. Die Städte und Gemeinde hätten in der Regel keine Alternative zur Einrichtung einer Gemeinschaftsschule. Dafür mag sprechen, dass die Nachfrage in Großstädten verhalten ist. Dort gibt es meist keine Probleme mit der Standortsicherung.

Wacker hält es für „völlig abwegig zu glauben, dass die Kommunen von der Pädagogik der Gemeinschaftsschule überzeugt wären“. Wacker trat Befürchtungen entgegen, die CDU würde im Fall einer Regierungsübernahme Gemeinschaftsschulen umgehend schließen. „Diese Angst ist völlig unberechtigt“, teilte der bildungspolitische Sprecher der Landtags-CDU mit. Allerdings würde es mit der CDU auch keinen weiteren Ausbau geben, sagte Wacker.

Kritik am Lieblingsprojekt von Grün-Rot

Timm Kern, der Bildungsexperte der FDP-Fraktion im Landtag, betrachtet die vierte Genehmigungsrunde seit 2012 als deutliches Zeichen des „Scheiterns des ideologisch festgezurrten Lieblingsprojekts von Grün-Rot“. Nur acht Realschulen und kein Gymnasium seien bereit sich umzuwandeln. Die FDP verlangt wie die CDU, dass auch Gemeinschaftsschulen leistungsorientierte Kurse anbieten dürfen.

Ungeachtet der Kritik haben die Gemeinschaftsschulen nach Einschätzung des Kultusministers im Land gut Tritt gefasst. Das ist Stoch zufolge in erster Linie „das Verdienst der vielen engagierten Lehrerinnen und Lehrer“. Diese leisten Pionierarbeit, fühlen sich aber häufig zu wenig unterstützt, klagt der Verband Bildung und Erziehung (VBE). Auch hätten die Vorkämpfer für das pädagogische Konzept der Schulart teilweise unter Anfeindungen der Anhänger des seitherigen Schulsystems zu leiden. Entlastung und mehr Fortbildungen könnten Abhilfe schaffen, findet der VBE.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht die Regierung in der Pflicht, die Schulen bei der Entwicklung neuer pädagogischer Konzepte besser zu unterstützen. Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz erwartet zum Beispiel Coaching für die Lehrer. Sie betont: „Über die Akzeptanz und den Erfolg von Gemeinschaftsschulen entscheidet nicht deren Anzahl sondern deren Qualität und pädagogische Attraktivität“.

Während Moritz zu bedenken gibt, dass beispielsweise die Dokumentation der Lernentwicklungsgespräche über jedes einzelne Kind in der Arbeitszeit der Lehrer gar nicht berücksichtigt werde, zeigte sich Dieter Maucher ganz beseelt von der Arbeit an der Gemeinschaftsschule. An der Seite des Kultusministers lobte der preisgekrönte Lehrer von der Biberacher Mali-Gemeinschaftsschule das Klima, die Arbeitszufriedenheit und die hohe Wertschätzung von Eltern und Schülern an Gemeinschaftsschulen. Die Lehrer würden von der Teamorientierung profitieren, nicht jeder müsse alles selbst vorbereiten. Das mache längere Anwesenheitszeiten an der Schule wett. Die Schulleitungen seien aber gefordert, die „Work-life-balance“ herzustellen.

Der Kultusminister will die Gemeinschaftsschullehrer „unterstützend begleiten“. Lernmittel sollten allgemein zugänglich werden. Entsprechende Online-Plattformen stufte Stoch als „ausbaufähig“ ein. Ein Gesamtkonzept zur Fort– und Weiterbildung will Stoch „demnächst“ vorstellen.

Zwei neue für Stuttgart

In der Landeshauptstadt kommen zu den bestehenden vier Gemeinschaftsschulen im Schuljahr 2015/16 zwei weitere dazu. Die Schickhardt-Realschule in Heslach und die Realschule Weilimdorf haben die Genehmigung erhalten. Im gesamten Regierungsbezirk Stuttgart werden im kommenden Schuljahr 28 neue Gemeinschaftsschulen eingerichtet.

Die ersten Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg gingen im Schuljahr 2012/2013 an den Start, sind also inzwischen in der Klassenstufe sieben angelangt. Unter den 41 Pionieren der neuen Schulart waren 2012 beispielsweise Sindelfingen, Bad Boll und Korb.

A
n den Gemeinschaftsschulen werden Schüler aller Leistungsniveaus auf die unterschiedlichen Schulabschlüsse vorbereitet. Unterrichtet wird nach den Bildungsstandards von Gymnasium, Haupt- und Realschule. Sitzenbleiben ist nicht vorgesehen, Ziffernnoten auch nicht. Gemeinschaftsschulen sind Ganztagsschulen. Es ist bei ausreichender Schülerzahl möglich, gymnasiale Oberstufen einzurichten.

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