Am Südhang der Stadt, oben thront der Fernsehturm, geben Gründerzeithäuser und Kopfsteinpflaster den Ton an. Manche sagen, die Gegend rund um den Marienplatz, mit dem nahen Lehenviertel und dem angrenzenden Heusteigviertel, sei der schönste Fleck der Stadt. Neue Pilatesstudios, Cafés mit mehr als vier verschiedenen Matcha-Arten, Secondhandläden und Conceptstores – hier, mitten im Süden und gerade noch mit genug Abstand zum echten Leben in Heslach, haben sich die Straßenzüge in den vergangenen Jahren in einen Themenpark für junge Frauen transformiert, die ihre Fantasien von einem privilegierten Dasein in vollen Zügen ausleben.
Bist du ein Marienplatz-Girl?
Wer sind sie und warum scheint es so, als würden sie Stuttgart so viel mehr genießen als alle anderen um sie herum? Marienplatz-Girls scheinen perfekt manikürte Nägel zu haben, nicht wenige tragen eine Yogamatte unterm Arm, der durch ihre beeindruckende Pilates-Routine ziemlich gut trainiert ist. Sie arbeiten in Agenturen, machen Marketing, sind gerade Werkstudentin und kurz vorm Abschluss. Sie haben meistens hellbraune Haare. Wo sie politisch stehen, kann man nicht sagen. Marienplatz-Girls wirken auf jeden Fall eher unpolitisch. Sie sind konventionell gesehen schön. Sie haben nicht wenige Freundinnen und selbst ihr Datingleben ist perfekt strukturiert. Wenn sie Mamas sind, tragen sie auffällige Taschen des Labels Studio Noos, Birkenstock-Clogs und schieben einen Babyzen Yoyo vor sich her. Sie treffen sich gleich zum Babycoaching, gehen brunchen oder setzen sich mit einem Girl-Snack (ein Flat White im Recup, ein Protein-Granola-Bällchen) auf das Mäuerchen am Marienplatz.
Alle sehen mehr oder weniger gleich aus
Der Hang zur Gruppenidentität ist wohl bei kaum einer anderen Alterskohorte – ausgenommen beigefarbenen Rentner:innen – ausgeprägter, als bei jungen Frauen zwischen 25 und 35. Sind die fehlenden Individualitätsbestrebungen ein Rezessionsindikator? Suchen uniformierte Marienplatz-Girls mit ihren modischen Entscheidungen sozialen Halt und Schutz vor Isolation in einer Zeit, die wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch im ständigen Krisenmodus zu sein scheint? Ist die Krise bei ihnen überhaupt schon angekommen?
Sophie, Anika und Celina sitzen an einem Mittwochmorgen im Sonnenschein vorm Café Condesa. Sie haben noch 15 Minuten bevor ihre Jivamukti -Yogaklasse startet. Die drei kennen sich vom Studium, Celina macht gerade ein Erasmussemester in Mailand. Nach dem Yoga wollen die drei noch in den Schmuckladen ums Eck weil das Eternity-Bracelet von Sophie gestern aufgegangen ist. Sophie ist 24 und wohnt hier ums Eck im Lehenviertel. Celina und Anika würden auch gerne rund um den Marienplatz wohnen. „Vielleicht nach dem Studium“, sagt Anika, die gerade noch in einem WG-Zimmer in Bad Cannstatt wohnt, wo sie sich aber selten aufhält. „Ich komme eigentlich immer wenn es geht in den Süden“, sagt die 23-Jährige mit dem streng nach hinten gebundenen Pferdeschwanz. Ob sie auch gerne hier wohnen würde? „Ja, aber momentan kann ich mir das nicht leisten“, so die junge Frau.
Laut dem Immobilienportal Immoscout liegen die Quadratmeterpreise für Mietwohnungen in Süd im ersten Quartal 2025 bei 15,96 Euro pro Quadratmeter und haben sich im Vergleich zum Vorjahr um etwa 5,47 Prozent erhöht. Im Vergleich: In Hedelfingen, Mühlhausen und Münster liegt die durchschnittliche Kaltmiete nur bei 13 Euro pro Quadratmeter. Aber dort gibt es eben auch keine neapolitanische Pizza, kein Pilatesstudio und schon gar keinen Specialty Coffee.
Jeder will die „Main-Character-Energie“
Wir gehen weiter vom Marienplatz ins Internet. Hier scheint dieses schöne Leben, das die sich ähnelnden Influencer-Reels auf Tiktok und Instagram zeigen, so zugänglich. Der grün leuchtende Matcha im Glas, die farblich abgestimmten Sportklamotten, die vormittäglichen Kaffeedates mit Freundinnen, das Stück Pizza und der kleine Kerzenhalter aus dem Conceptstore, der sich super als Gastgeschenk für die nächste Dinnerparty eignen würde. Der Reiz dieser Darstellungen liegt in der „Main-Character-Energie“, die man anscheinend in den gezeigten Vierteln bekommt, weil sich das ganze zunehmend wie ein Filmset anfühlt. Die Ironie dabei ist natürlich: Wenn jede:r eine Hauptdarsteller:in ist, ist es dann überhaupt jemand?
In welchem Stuttgart lebst du?
Auch die bekannte Stuttgarter Travel- und Lifestyleinfluencerin Yules wirbt in den sozialen Medien für ihr „Lieblingsviertel“, das sie als den Stadtteil Stuttgart-Süd umreißt, welches aber auch Orte in Mitte beinhaltet. Condesa, LA Signorina, Karlshöhe, Sitt Wein, Galao, Delphi und noch ein paar andere Spots werden in aller Kürze vorgestellt. Der Clip ist als Werbung der Stuttgart Marketing GmbH gekennzeichnet und am interessantesten daran sind die Kommentare. Ein User beschreibt, welche Art von Stadt hier als Werbefläche dient: „Ich komme aus Cannstatt und immer wenn ich deine Videos sehe, hab ich das Gefühl du lebst in nem anderen Stuttgart als ich.“
Die Hauptdarsteller:innen beziehungsweise Main Characters einer dynamischen Modernisierung sind eben nicht nur Investor:innen und Stadtplaner:innen, sondern auch Influencer:innen, die Viertel und Stadtteile mit ihren Videos aufblasen. Nur die Mieten spielen eben nicht (mehr) für alle mit. Und da wären wir schon bei der Gentrifizierung und der Antwort auf die Frage, warum die vielen Marienplatz-Girls so ähnlich aussehen.
Hallo, ich bin es, die Gentrifizierung!
Im Süden Stuttgarts lässt sich Gentrifizierung besonders in langfristigen städtebaulichen Entwicklungen beobachten. Maßnahmen zur Aufwertung des öffentlichen Raums – etwa am Marienplatz oder in der Tübinger Straße – steigern die Attraktivität der angrenzenden Viertel immens. In der Folge steigen die Mieten, was dazu führt, dass Menschen mit geringerem Einkommen aus ihrem gewohnten Umfeld verdrängt werden. Dadurch verlieren diese Orte ihre soziale Durchmischung, und verschiedene gesellschaftliche Gruppen haben kaum noch Berührungspunkte im urbanen Alltag.
Geht das Besondere langsam verloren?
Wo gibt es jetzt noch den vermeintlich echten Süden ohne Matcha, ohne Yoga und Conceptstores? Carola, die eigentlich anders heißt, wohnt seit knapp 30 Jahren eine Querstraße vom Marienplatz entfernt. „Es ist nicht das erste Mal, dass eine neue Generation diesen Vierteln ihren ganz eigenen Stempel aufdrückt“, sagt die 51-Jährige. Für alteingesessene Bewohner:innen wird es eben zunehmend schwerer, in bestimmten Lokalen noch einen Platz ohne Reservierung zu bekommen, erzählt sie lachend. Aus Kneipen werden hippe Bars, zum Glück sei ihr Lieblingsitaliener noch nicht von Foodinfluencer:innen entdeckt worden, sagt sie grinsend. „Früher war hier mehr Nachbarschaft, entweder man hat sich beim Kiosk ums Eck getroffen oder am Abend im Raucherbereich des Lehens. Man lief auch nicht in Trainingsklamotten durch die Stadt, sondern machte sich schon ein wenig schick.“
Geht das Besondere langsam verloren? Carola muss nachdenken. Ironischerweise ist das vermeintlich Authentische oft kaum älter als eine Generation, so die Stuttgarterin. Ein Hinweis darauf, wie wandelbar urbane Räume sind. Städte reagieren auf gesellschaftliche Veränderungen und befinden sich in einem ständigen Prozess der Neuerfindung. Ihre Teenagertochter sei auch so ein richtiges Marienplatz-Girl. „Sie liebt all die neuen Cafés und Shops, scrollt regelmäßig durch Tiktok und hält mich auf dem Laufenden“, so Carola. Aber statt Yogapants trägt sie seit Neuestem Baggy-Bermudas. Für eine Neueröffnung Schlange zu stehen, findet sie aber genau so blöd wie ihre Mutter.