Neue Heimat Donzdorf Stipendium: Flüchtling mit steiler Schulkarriere

Von Lena Hummel 

Vor dreieinhalb Jahren ist der heute 16-jährige Tony Alnasri aus Syrien geflüchtet. Eigentlich dachte er, dass seine Eltern und seine kleine Schwester schon bald nachkommen werden. Bislang ist das nicht passiert.

Tony Alnasri und seine Tante Rona wohnen bei Walter Nothelfer (rechts). Auch Rona heißt heute Nothelfer. Sie und Walter Nothelfer sind inzwischen verheiratet. Foto: StZ
Tony Alnasri und seine Tante Rona wohnen bei Walter Nothelfer (rechts). Auch Rona heißt heute Nothelfer. Sie und Walter Nothelfer sind inzwischen verheiratet. Foto: StZ

Donzdorf-Winzingen - Tony Alnasri spricht Deutsch, als hätte er nie etwas anderes getan. Dabei ist der 16-Jährige erst vor dreieinhalb Jahren nach Deutschland gekommen. Gemeinsam mit seiner Tante ist der Syrer aus seiner Heimatstadt Homs geflohen – über den Libanon, die Türkei, den Balkan und Österreich nach Deutschland. Einen Monat war er unterwegs. Der Grund für seine Flucht: „Wegen der besseren Schulbildung und, ganz einfach, wegen des Friedens“, sagt er. Kaum in Deutschland angekommen, hat er sich mithilfe von Youtube das Alphabet beigebracht. Leicht war es nicht, denn im Flüchtlingslager in Meßstetten auf der Alb gab es kein Internet.

Lange sind die beiden dort nicht geblieben. Sie zogen nach Leonberg, dann nach Waldenbuch (Kreis Böblingen), Donzdorf und schließlich in den Ortsteil Winzingen. Währenddessen besuchte der Syrer verschiedene Vorbereitungsklassen und Gemeinschaftschulen, in Waldenbuch auch ein Gymnasium. Allerdings nur für einen Tag. „Ich bin da einfach hingegangen, weil ich Unterricht gesucht habe“, sagt er. Dass er in der achten Klasse kein Wort verstanden hat, kümmerte ihn nicht. Mit den Mitschülern sprach er Englisch. „Wir sehen uns morgen“, hätten sie zum Abschied gesagt. So weit kam es nie. Weil Alnasris Deutsch zu schlecht war, durfte er dieses Gymnasium nicht länger besuchen.

Heute arbeitet er als Schüler des Donzdorfer Rechberg-Gymnasiums trotzdem auf das Abitur hin. Dabei hat ihn Walter Nothelfer, ein ehemaliger Beratungslehrer des Erich-Kästner-Gymnasiums in Eislingen, unterstützt. „Ich habe Tony im Café Asyl in Donzdorf kennengelernt“, sagt der 77-Jährige. Das war im Frühjahr 2016. Nothelfer und Alnasris Tante sind inzwischen verheiratet, die beiden Syrer bei ihm eingezogen. Nothelfer sei sofort der Ansicht gewesen, dass Tony das Abitur schaffe. Die Bürokratie sei zwar eine Hürde gewesen, wegen alter Kontakte habe es „auf dem kleinen Dienstweg“ dennoch geklappt, Tony auf dem Gymnasium anzumelden.

Die Vorbereitungen für das Abitur laufen

Dass Nothelfer mit seiner Einschätzung richtig lag, hat Alnasri inzwischen mehrfach bewiesen: Der Schüler wurde nicht nur als einziger Flüchtling in die Junior Science Academie des Landes Baden-Württemberg aufgenommen, er hat wegen seiner herausragenden Leistungen auch ein Stipendium von „Talente im Land“, einem Programm der Baden-Württemberg Stiftung und der Robert-Bosch-Stiftung, erhalten. Für Letzteres „müssen aber nicht nur die Leistungen gut sein, es müssen auch besondere Erschwernisse vorliegen“, erklärt Walter Nothelfer.

Dreieinhalb Jahre ohne die Familie

Und daran mangelt es dem jungen Syrer nicht. Alnasri ist im Sommer 2015 in der Annahme geflüchtet, dass seine Eltern und seine kleine Schwester bald nachkommen könnten. Bis heute, dreieinhalb Jahre später, ist das nicht passiert. Das Problem: Der 16-jährige hat bei seiner Anhörung vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nur den sogenannten subsidiären Schutz erhalten, seine Tante dagegen den Flüchtlingsschutz. „Rona hätte ihre Angehörigen also sofort nachholen können“, sagt Nothelfer, während Alnasris Familiennachzug bis Sommer 2018 ausgesetzt wurde. Für Nothelfer ist diese Ungleichbehandlung völlig unverständlich. Schließlich seien die beiden gemeinsam nach Deutschland gekommen. „Aber Rona ist einfach drei Monate früher bearbeitet worden. Und dann sind die Leute auf einmal alle umgepolt worden auf den subsidiären Status“, sagt er.

1000 pro Monat

Zwischenzeitlich „ist der Familiennachzug von engsten Familienangehörigen zu subsidiär Schutzberechtigten wieder möglich“, erklärt das BAMF auf seiner Webseite. „Allerdings für ein begrenztes Kontingent von 1000 Personen pro Monat.“ Aber wer sind diese 1000, und wie werden sie ausgewählt? Diese Fragen hat sich auch der pensionierte Lehrer gestellt.

Inzwischen stehen die Chancen für die Familienzusammenführung gut. Denn: „Ich habe in Berlin nachgefragt, und man hat mir gesagt, dass die Minderjährigen beim Nachzug primär berücksichtigt werden sollen“, so Nothelfer. Bis es soweit ist, hält der 16-Jährige über Whatsapp Kontakt zu seiner Familie. „Per Videoanruf“, sagt er. Nothelfer hat derweil die Wohnung im Erdgeschoss seines Hauses für den Nachzug reserviert. Er ist optimistisch, dass die Familie noch in diesen Jahr nach Deutschland kommen kann, weiß aber auch: „Wer niemanden hat, der sich in der Materie auskennt, der hat nicht diese Chance.“




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