Hilfe für Magersüchtige Hier lernen Erkrankte wieder ohne Panik essen
Viele Magersüchtige werden rückfällig. Das liegt auch an der fehlenden Nachsorge nach Therapien. Eine Studie soll das nun verbessern. Eine Betroffene war dabei und berichtet.
Viele Magersüchtige werden rückfällig. Das liegt auch an der fehlenden Nachsorge nach Therapien. Eine Studie soll das nun verbessern. Eine Betroffene war dabei und berichtet.
Tübingen - Als Christina endlich wieder essen wollte, konnte sie es nicht mehr. „Es war, als hätte ich es verlernt.“ Jahrelang hatte die 33-Jährige gehungert, bis ihr Körper ausgezehrt war, ihr Denken nur in eingeschränkten Bahnen verlief. „Es war paradox“, sagt sie. „Obwohl sich meine Gedanken nur noch ums Essen drehten, hatte ich keine Ahnung, was man so den Tag über zu sich nimmt.“ Es war, als hätte die Magersucht dieses überlebenswichtige Bedürfnis komplett überspielt.
Im vergangenen Herbst wies sich Christina selbst in die Uniklinik Tübingen ein. Da hatte sie einen Body-Mass-Index von 13. Das ist in etwa so viel, wie wenn eine 170 Zentimeter große Frau nur noch 38 Kilo wiegt. Heute gilt Christina zwar immer noch nicht als geheilt, aber als stabil. Mit ihrer Erkrankung geht sie offen um. „Ich habe kein Problem damit, wenn ich auf mein Gewicht angesprochen werde.“ Noch immer ist die junge Frau viel zu dünn. Aber die Chancen stehen gut, dass sie die Krankheit überwindet.
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Das ist nicht selbstverständlich: Denn trotz der hohen Qualität der stationären Therapien ist die Rückfallquote bei Magersüchtigen extrem hoch. Fast die Hälfte der behandelten Patientinnen entwickelt wieder eine Magersucht, belegen Studien. Derzeit arbeiten Psychotherapeuten und Ärzte der Uniklinik Tübingen daran, die Erfolgschancen der Behandlung dauerhaft zu erhöhen – mithilfe eines Nachsorgeprogramms, an dem Christina sowie rund 190 weitere Patientinnen im Rahmen einer Studie derzeit teilnehmen.
Acht Monate wurde die junge Frau im Anschluss ihres stationären Aufenthalts professionell begleitet – in rund 20 Therapiesitzungen, die auf die jeweiligen Bedürfnisse der Teilnehmerinnen zugeschnitten werden können. „Für mich war das ein Glück“, sagt Christina. In der Klinikhatte sie wie in einer Blase gelebt. Sie hatte rund um die Uhr Ansprechpartner. „Doch wenn man zu Hause ist und einen das normale Leben wieder einholt, merkt man, wie hilflos man sich doch fühlen kann.“ Da erscheint die Versuchung jedoch zu groß, wieder in alte Verhaltensmuster zu verfallen. Gab ihr die zwanghafte Kontrolle über Gewicht und Essverhalten doch ein Gefühl von Sicherheit, wenn privat oder beruflich Probleme aufkamen.
Diese Angst kennt auch die Expertin für Essstörungen Katrin Giel, die die Studie entwickelt hat: „Viele Patientinnen, die in der Klinik an Gewicht zugelegt haben und ihr Essverhalten verändern konnten, haben zu Hause Schwierigkeiten, diese Veränderungen im Alltag umzusetzen“, sagt die Leiterin des Arbeitsbereichs Psychobiologie des Essverhaltens am Uniklinikum Tübingen. Das Problem sieht sie vor allem in der Versorgungslücke zwischen stationärer Therapie im Krankenhaus und der Behandlung vor Ort im Anschluss. „Viele haben kaum die Chance, zeitnah eine ambulante Psychotherapie zu bekommen.“ Das Programm der Sustain-Studie soll diese sensible Phase des Übergangs so gut wie möglich abfedern. Es wird nicht nur in Tübingen getestet: So nehmen bundesweit neun weitere Kliniken an der Studie teil, die vom Bundesforschungsministerium gefördert wird. „Das Ziel ist, dass wir das Programm in die Regelversorgung aufnehmen können“, sagt Giel. Christina hat die Teilnahme an der Studie bald abgeschlossen: Es habe ihr Spaß gemacht – „aber es war mit viel Arbeit verbunden“. Pro Woche gab es eine Therapiesitzung – meist per Video. Weil Christina anfangs an Gewicht verlor, lag der Fokus vor allem darauf, wie die junge Frau besser auf ihre Mahlzeiten achten kann. „Gemeinsam haben wir Strategien entwickelt, die ihr geholfen haben, konstanter zu essen“, sagt Ye-Si Shin-Junghanß, die Christina als Ärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Uniklinik Tübingen begleitet hat. Auch musste Christina Ernährungsprotokolle führen.
Doch nicht nur das Essverhalten hat sich verändert: „Ich habe gelernt, die Anorexie nicht mehr als einzigen Lebensinhalt anzusehen“, sagt Christina. Auch der Umgang mit Problemen – sei es Stress am Arbeitsplatz oder ein familiärer Konflikt – hat sich geändert. „Ich weiß jetzt, dass ich darauf anders reagieren kann als mit Essensverzicht.“ So verändere die Krankheit Betroffene auch in ihrem Sozialverhalten, ergänzt die Therapeutin Shin-Junghanß. „Viele ziehen sich zurück, richten ihr Leben rund um das Thema Essen aus.“ Der Gedanke, wer ist man eigentlich ohne die Essstörung, werde da von vielen als bedrohlich wahrgenommen.
Ihre Essstörungsstimme sei mit der Zeit leiser geworden, sagt Christina. Sie ist stolz, dass sie Lebensmittel nicht mehr nach der Kalorienanzahl aussucht, dass sie an Geschäftsessen ohne Panik teilnehmen und sich mit Freunden und ihrer Familie treffen kann, statt sich zu Hause zurückzuziehen. „An schlechten Tagen denke ich an die Zeit von vor einem Jahr, als die Magersucht mein Leben im Griff hatte“, sagt sie. „Dann weiß ich: So soll es nie wieder werden.“
Wo Betroffene Hilfe finden
Studie
Die Sustain-Studie richtet sich an erwachsene PatientInnen mit Magersucht, die eine Gewichtszunahme in der stationären oder teilstationären Akuttherapie erreicht haben und mindestens einen BMI von 15 haben. Es können nur PatientInnen teilnehmen, die die stationäre oder teilstationäre Therapie in einem der beteiligten Behandlungszentren erhalten haben. Einen Überblick gibt es im Netz: www.medizin.uni-tuebingen.de/de/sustain. Wer Interesse an der Studie hat, kann sich per E-Mail melden: sustain@med.uni-tuebingen.de
Magersucht
Die Magersucht beginnt meist schleichend, ohne dass es den Betroffenen bewusst wird. Sie hadern trotz ihrer sehr schlanken Figur mit ihrem Äußeren, fühlen sich zu dick. Sie kontrollieren ihr Gewicht streng, indem sie genau planen, wann und wie viel sie essen. Sie treiben oft sehr viel Sport, um die zugeführten Kalorien möglichst schnell abzubauen. Teils nehmen sie Abführmittel ein oder erbrechen. Je eher die Erkrankung behandelt wird, umso größer sind die Chancen auf Heilung.
Hilfe
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) bietet eine Datenbank mit Adressen von Beratungsstellen für Essstörungen: www.bzga-essstoerungen.de. Die Datenbank wurde in Zusammenarbeit mit dem Bundesfachverband Essstörungen e. V. überarbeitet und wird ständig aktualisiert.