Stuttgart - Nicht erst seit der Pandemie wird über einen massiven Rückgang der Besucherzahlen in den Innenstädten geklagt. Dieser Trend könnte sich jedoch nach der Pandemie verstärken. Die Verödung der Innenstadt ist in diesem Zusammenhang zum geflügelten Wort geworden. Armin Dellnitz, Stuttgarts oberster Touristiker und Marketing-Chef, bringt es auf den Punkt: „Die Innenstadt steht vor dramatischen Veränderungen, die sich erst in der Nach-Corona-Zeit zeigen werden.“ Um aber die Auswirkungen auf die Innenstadt proaktiv begleiten zu können, hat sich Dellnitz mit drei weiteren Partnern verbündet. Zusammen mit Citymanager Sven Hahn, Wirtschaftsförderin Ines Aufrecht und IHK-Präsidentin Marjoke Breuning geht die Stuttgart-Marketing GmbH nun das Projekt „Vitale Innenstadt“ an, um diesem Strukturwandel eine positive Richtung zu geben.
Wie tickt der Stuttgart-Besucher?
Wer jedoch wissen will, wo er zuerst anpacken muss, braucht eine verlässliche Ausgangsposition. Diese hat sich die Vierer-Allianz nun beschafft. Das Institut für Handelsforschung (IHF) befragte im vergangenen Herbst deutschlandweit in 107 Städten insgesamt 57 863 Passanten, um Erkenntnisse über die empfundene Standortattraktivität und das Kaufverhalten in der City zu bekommen. Um es vorwegzunehmen: Stuttgart hat in vielen Bereichen bessere Werte als viele andere Städte. „Aber es kristallisierten sich auch Herausforderungen heraus“, sagt Citymanager Hahn und nannte die Kritikpunkte Veranstaltungsangebot und Bequemlichkeit, die von den Befragten in der Landeshauptstadt als weniger gut empfunden werden. Interessant sind auch die reinen Fakten. Zum Beispiel über die Besucherstruktur: Der Anteil auswärtiger Besucher liegt in Stuttgart bei 47,2 Prozent und damit zehn Punkte über dem Wert, den die Großstädte mit über 500 000 Einwohnern im Schnitt (37,2) erzielen. Auch der Anlass für einen Stuttgart-Besuch unterscheidet sich teilweise deutlich von anderen Städten: Auf Rang eins wird Einkaufsbummel/Shopping mit 63,5 Prozent genannt (Ortsgrößendurchschnitt 60,4 Prozent). Danach folgt die Gastronomie mit 45,7 Prozent (30,4). Mehr als die Hälfte der Besucher (52 Prozent) kommt mit den Öffentlichen in die Innenstadt, 32 Prozent mit dem Auto. Beim Einkaufsverhalten zeigt sich, dass 62 Prozent aller Befragten trotz Online-Shopping die Stadt als Einkaufsort schätzen. Im Deutschlandvergleich sind es nur 49,3 Prozent. Auch bei der Dauer des Aufenthalts liegt Stuttgart über dem Schnitt: 58,8 Prozent gaben an, sich mehr als zwei Stunden in der Innenstadt aufzuhalten. Der Schnitt lag hier bei knapp 50 Prozent.
Wo könnte die Stadt ansetzen?
„Damit können wir unsere Handlungsoptionen herausfiltern“, erklärte Wirtschaftsförderin Ines Aufrecht und sieht „Nachholbedarf“ bei der Erreichbarkeit der City, der Sauberkeit und den Parkplätzen. Allein damit scheint Marjoke Breuning von der IHK nicht zufrieden zu sein. Denn der Hauptgrund für einen Besuch der Stadt, der Handel und die Gastronomie, droht durch die Folgen der Pandemie einzubrechen: „Alleine im Bereich Hotel/Gastro steht jeder Siebte vor der Insolvenz.“ Auch im Handel rechnet sie künftig mit weniger Verkaufsfläche: „Mehrgeschossige Häuser wie Kaufhof wird es nicht mehr geben“, sagt Breuning. „Wir dürfen den drohenden Leerstand nicht nur verwalten, wir müssen schauen, dass er erst gar nicht entsteht.“ Zusammen mit dem Citymanager fordert sie daher, den Handel zu stützen. Etwa mit Gratis-ÖPNV an Samstagen und mit verkaufsoffenen Sonntagen. „Wir brauchen jetzt ein aktives Management bei der Stadt, vielleicht auch eine Imagekampagne“, so die IHK-Chefin: „OB Nopper muss dies zur Chefsache machen.“ Unterstützung erfährt Breuning in dieser Hinsicht von Armin Dellnitz: „Wir müssen die Innenstadt mit einer ganz anderen Brille betrachten.“ Damit meint er auch künftige Investitionen, die zur Verschönerung und einer gesteigerten Attraktivität führen: „Da dürfen wir nicht sagen, es ist zu teuer. Denn wenn die Innenstadt nicht mehr funktioniert, können wir einpacken.“
Was könnte den Handel ersetzen?
Sven Hahn gibt dieser Diskussion über den Transformationsprozess der Innenstadt noch eine besondere Note: „Ich warne davor, bei diesem Prozess den persönlichen Geschmack zum Leitmotiv des Handelns werden zu lassen.“ Damit spricht er den Aspekt der Freizeitindustrie an, die schon jetzt nach Handelsflächen schielt. Die Boulderhalle im Metropol-Gebäude sei da aus kulturhistorischer Sicht zwar eine Ausnahme, aber grundsätzlich dürften Yogastudios oder andere Freizeitdienstler eher zum Stadtbild gehören. „Damit unsere Stadt auch nach der Coronapandemie lebendig und belebt sein wird, braucht es eine gemeinsame Kraftanstrengung aller relevanten Akteure“, sagt Dellnitz und ergänzt: „Ich bin stolz darauf, dass es uns gelungen ist, einen wichtigen Schritt in diese Richtung zu gehen. Dabei hat uns die Umfrage sehr geholfen, und wir werden das Ergebnis sehr ernst nehmen.“