Neue Intendantin der Stuttgarter Philharmoniker, Carolin Bauer-Rilling Wegkommen vom „Schlösschen-Denken“

Carolin Bauer-Rilling Foto: Stadt Stuttgart/Julia Nguyen

Die Kultur-, Musik- und Erziehungswissenschaftlerin beerbt nun als neue Intendantin der Stuttgarter Philharmoniker das Chef-Duo Michael Stille und Tilmann Dost. Eine Begegnung mit Carolin Bauer-Rilling im Siegle-Haus.

Stuttgart - Sie ist noch sehr neu hier. Wenn Carolin Bauer-Rilling „wir“ sagt, dann meint sie noch das Team, in dem sie zuletzt sieben Jahre lang – als Produktionsleiterin im Künstlerischen Betriebsbüro der Züricher Tonhalle – gearbeitet hat. Aber so engagiert, wie die neue Chefin im Gustav-Siegle-Haus seit Anfang Oktober in die Fußstapfen des Intendanten-Duos Michael Stille/Tilmann Dost tritt, ist zu erwarten, dass das neue „wir“ nur eine Frage der Zeit ist. Vielleicht auch der verstreichenden Corona-Zeit, denn zurzeit gibt es bei den Stuttgarter Philharmonikern keine Aufführungen, keine Proben in großer Besetzung und auch keine langen Planungssitzungen mit dem Chefdirigenten Dan Ettinger. Aber schon jetzt, bei einem ersten Treffen an ihrer neuen Arbeitsstätte, betont die 37-Jährige, wie wichtig ihr die Arbeit im Team ist. Oder, wie sie es gerne formuliert: die gemeinsame Sprache.

 

Carolin Bauer-Rillings Geburtsstadt ist Neckarsulm, studiert hat sie (Kultur-, Musik- und Erziehungswissenschaften) in Tübingen, und vor ihrer Arbeit in Zürich war sie auch schon mal Praktikantin bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen. Man versteht also gut, dass sie sich im Schwäbischen zu Hause fühlt. Außerdem sei, sagt sie, in Stuttgart „so vieles im Umbruch“. Das reizt sie – ganz besonders mit einem „jungen, sehr wandlungsfähigen, sehr dynamischen Orchester“ an der Seite. Die Stuttgarter Philharmoniker will Bauer-Rilling „in der Stadt noch wahrnehmbarer machen“ – zum einen. Zum anderen: den Austausch mit den zwei anderen großen Orchestern der Stadt, dem SWR-Symphonieorchester und dem Staatsorchester, intensivieren: „rauskommen aus der vermeintlichen Konkurrenzsituation“ und „schauen, wie wir uns gegenseitig stützen können“.

Plädoyer für ein neues, offenes Konzerthaus in Stuttgart

Klar also, dass die neue Intendantin, die demnächst Unterstützung durch eine Verwaltungs- und Finanzfachfrau bekommt, bereits Gespräche mit der Konzerthausinitiative geführt hat: „Die Liederhalle“, sagt sie, „ist ein guter Konzertort, aber es wird Zeit, dass wir hier noch eine zweite Lokalität eröffnen, die transparenter ist und offener – auch für Kinder-, Jugend- und Subkultur.“ Um diese Offenheit zu erreichen, müsse man bereits bei der Architektur neu denken: Es gelte, das „Schlösschen-Denken“ aufzugeben, „sonst arbeitet jeder weiter einzeln vor sich hin, und das können wir uns nicht mehr leisten“. Womöglich könne man am neuen Konzerthaus ja eine Wand für Graffiti-Sprayer zur Verfügung stellen? Oder den Innenhof für Kita-Gruppen öffnen? In jedem Fall müsse das Gebäude so transparent sein, dass sich miterleben lasse, wie Kunst entsteht.

Im Siegle-Haus, zugegeben, sind Transparenz und ein barrierefreier Zugang zur Kultur nicht möglich. Aber auch für die Heimstatt der Stuttgarter Philharmoniker will Carolin Bauer-Rilling „noch mehr Angebote schaffen, die zeigen, wie lebendig es hier zugeht“, und so „die riesige Hürde überwinden, die nebenan die achtspurige Straße schafft“. Außerdem würde sie gerne die Angebote für Schulen verstärken, „um so die Lücken im Musikunterricht ein wenig zu schließen“.

„Was können wir noch besser machen?“

Ins Konzertprogramm selbst, das sie wegen der langen Planungsvorläufe erst ab der Saison 2022/23 mitgestalten kann, möchte die Intendantin mehr unbekanntes Repertoire einbringen. Zum Beispiel Werke von Komponistinnen oder Stücke aus Ländern jenseits des mitteleuropäischen Raums. Und insgesamt müsse das Orchester noch agiler und kreativer werden – vor allem im Umgang mit der großen Herausforderung der Zukunft: einerseits die Abonnenten zu halten und andererseits „mit neuen Formaten und Inhalten an die Lebensrealität jüngerer Besucher anzuknüpfen, um auch für sie relevant zu bleiben“.

Das Coronavirus bremst die neue Intendantin noch aus. Eine verlässliche Planung ist zurzeit nicht möglich – stattdessen verwirft man, stellt um, kürzt, strukturiert neu und kommuniziert mit den Abonnenten. Immerhin will das Orchester, das nicht in Kurzarbeit ist, im November „mediale Inhalte“ schaffen, zum Beispiel für die sozialen Medien, womöglich aber auch (als Ersatz für die ausfallenden Konzerte) für die Stuttgarter Schulen. Ob Adventsmusik im Dezember möglich sein wird, steht noch in den Sternen. Dennoch lässt sich die Mutter einer fünf Monate alten Tochter ihren Schwung nicht nehmen: „Ich versuche“, sagt sie, „mit meiner ganzen Frische und Naivität in meine Arbeit hineinzugehen und zu fragen: Was können wir noch besser machen?“

Das Orchester

Stuttgarter Philharmoniker Das Konzertorchester der Landeshauptstadt, 1924 gegründet, erspielte sich nach 1945 unter Chefdirigenten wie Hans Zanotelli, Wolf-Dieter Hauschild, Carlos Kalmar, Jörg-Peter Weigle und Gabriel Feltz zunehmend auch überregionale Beachtung. 1994 erhielt das gut 80-köpfige Orchester mit dem Gustav-Siegle-Haus eine eigene Proben- und Spielstätte. Seit 2015 ist Dan Ettinger Künstlerischer Leiter.

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