Neue Kinderbücher Bauernhoftiere sind Helden – und Opfer

Von Andrea Kachelrieß 

Ein Schwein ermittelt, Schafe grenzen aus: Wir stellen vier Kinderbücher vor, in denen Tiere die Hauptrolle spielen – nicht nur als Helden, sondern auch als Opfer, die auf Tellern enden.

Wie sieht der Alltag von Bauernhoftieren aus? Kinderbuchautorin Lena Zeise hat sich auch im Schweinestall umgeschaut. Foto: /Klett-Kinderbuch/Lena Zeise 5 Bilder
Wie sieht der Alltag von Bauernhoftieren aus? Kinderbuchautorin Lena Zeise hat sich auch im Schweinestall umgeschaut. Foto: /Klett-Kinderbuch/Lena Zeise

Stuttgart - Gütersloh, Gärtringen und sicherlich kommt schon bald ein neuer Ort dazu, an dem der quälerische Umgang mit Tieren zum Alltag gehört und eine neue Schreckensmeldung produziert. Regelmäßig lösen die Enthüllungen von Tierschützern Empörung aus. Während die Verbraucher noch ihr Verhalten überdenken, erobern Tiere, die für uns auf Bauernhöfen schuften, gerade die Kinderbücher. Den Helden der vier Bücher, die wir hier vorstellen, ist die Empathie der jungen Leser sicher – und vielleicht hilft die Lektüre ja dabei, das Handeln von morgen zu beeinflussen.

Blick hinter die Bauernhof-Kulissen

„Alles lecker“ heißt ein 2012 erschienenes Buch aus dem Verlag Klett-Kinderbuch, das vor gut einem Jahr Opfer eines Shitstorms wurde: Landwirte hatten sich geärgert, dass darin die Themen Tiertransporte und Massentierhaltung ihrer Meinung nach falsch dargestellt seien. Das war dem Verlag Anregung zu einem neuen Buch: Es heißt „Das wahre Leben der Bauernhoftiere“, Lena Zeise geht darin der Frage nach, wie deren Alltag heute aussieht – jenseits von Kinderbuchromantik und Tierschützerhysterie. Herausgekommen ist eine Bestandsaufnahme, die wissen will, welches Leben Pfeffer-Salami und Putenbrust-Filet vor ihrem Auftritt im Supermarkt geführt haben.

In ehrlicher, fotorealistischer Manier zeigt Lena Zeise, wie sich die Arbeit der Landwirte im Lauf der Zeit verändert hat. Versorgte ein Bauernhof vor siebzig Jahren zehn Menschen, sind es heute 140. Was das für die Tiere bedeutet, malt und schreibt Lena Zeise sachlich auf. Die Schweine, die dem Leser neugierig die Rüssel entgegenrecken, hört man fast grunzen, so gut sind sie getroffen. Gut getroffen ist leider auch ihr Stall: klein, eng, mit einem armseligen Pflichtspielzeug ausgestattet. Nach draußen kommen die meisten erst auf dem Weg zum Schlachthof. Bevor sie zur leckeren Pfeffer-Salami werden, langweilen sie sich lebenslänglich. „Dann beißen sie einander in den Schwanz. Damit das nicht passiert, werden ihnen die Schwänze gekürzt“, notiert Lena Zeise.

Auch über andere Tiere und das leidige Thema Schlachthof erfahren junge Leser mehr, als ihnen vielleicht lieb ist. So kann sich jeder unabhängig von der Agrarlobby eine Meinung bilden. Am Ende wirkt der Exkurs zur Biolandwirtschaft wie der Blick ins Paradies. Mehr Achtsamkeit im Umgang mit dem, was auf unseren Tellern landet – das könnte eine Reaktion auf diese Lektüre sein, an deren Ende Lena Zeise die Frage stellt: „Wie haben wir darüber mitentschieden, dass es genau so entstanden und zu uns gekommen ist?“

Pauline Schnüffel mischt sich ein

Dass Schweine intelligente, lebenslustige Wesen sind, wissen wir nun. Uli Leistenschneider macht in ihrem Tierkrimi „Pauline Schnüffel – Ein Schwein mischt sich ein“ ein besonders gewitztes Exemplar sogar zum Titelhelden – inspiriert von einem Freund, der tatsächlich mit einem zahmen Wildschwein aufwuchs. Andere gehen mit Hunden Gassi, die Familie Pott führt also ein Borstenvieh an der Leine. Das hatten sie im Wald als verlassenen Frischling gerettet. Jetzt muss Pauline mit ihrer tollen Spürnase rausfinden, ob der seltsame Gestank im Garten etwas mit der sich verbreitenden üblen Laune von Leonie, Julian und dem Rest ihrer Familie zu tun hat. Beim Buddeln kommt die tierische Detektivin Mobbing, Vorurteilen und sogar einem Fall von Versicherungsbetrug auf die Spur. Das ist lustig und spannend erzählt. Ein paar Klischees nimmt man dafür in Kauf. Aber dass ausgerechnet Leberwurst die Lieblingsspeise eines Wildschweins sein muss? Dieser Fall von Kannibalismus lässt sich im zweiten Band bestimmt ändern.

Wie wir Tiere besser verstehen

Ein besseres Verständnis zwischen Menschen und Tieren hat sich der Verhaltensbiologe Karsten Brensing zum Ziel gesetzt. Vielleicht lässt sich auf diesem Weg ja mehr Mitgefühl für unsere Mitkreaturen entwickeln. Egal wie: Sein neues Buch „Wie Tiere sprechen und wie wir sie besser verstehen“ ist eine Wissensfundgrube für Leser jeden Alters, auch mit den Grundbegriffen der Kommunikation macht er vertraut. Dass Erdmännchen eine Art Arbeitsteilung betreiben und über ein reiches Vokabular verfügen, ist eine der Informationen, die man neugierig aus einem der kurzweiligen Infokästen herauspickt. So können sie einander vor Feinden warnen und mitteilen, ob sich die Gefahr aus der Luft oder am Boden nähert und wie weit sie noch entfernt ist. Dass Delfine eine Kunstsprache lernen und sogar Adverbialbestimmungen verstehen können, dass der Bonobo Kanzi das „Pacman“-Spiel und eine Bildersprache beherrschte: Karsten Brensing verblüfft mit vielen Einblicken in tierische Fähigkeiten. Da ist zum Beispiel die Gorilla-Dame Koko, die sich in einer speziellen Gebärdensprache verständigen konnte und auf die Frage, wohin Tiere nach ihrem Tod gehen, das Folgende antwortete: „Gemütlich – Höhle – Auf Wiedersehen“. Brensing geht es aber nie darum, Tiere zu vermenschlichen. Seine ungewöhnlichen Geschichten öffnen eher die Augen für die kleinen Wunder in der tierischen Kommunikation.

Schaf in Seenot

Im Kinderbuch funktioniert die Verständigung von Tier zu lesendem Mensch schon perfekt – auch in diesem: „Eine Wiese für alle“ ist eine Fabel, die mit tierischem Personal das Thema Flucht auf eine einfach verständliche Ebene bringt. Hans-Christian Schmidt erzählt von einer Herde Schafe, die auf einem idyllischen Küstenhang weidet, als plötzlich ein Boot in Seenot auftaucht. Das dunkle Schaf darin ruft um Hilfe, und ihm wird ein Eimer gereicht, doch soll man ihm an Land helfen? Am Ende ist es ein Wolf im Schafspelz? Über diesen Bedenken steigt das Wasser auf eine kritische Höhe, oben halten die Mütter schon den Lämmern die Augen zu – und Illustrator Andreas Német findet für diesen Moment der Ohnmacht ein Bild von großer Symbolkraft. Junge Leser werden von diesem Buch so verblüfft sein, dass es sicherlich viel Gesprächsstoff liefert. Das ist auch seine Absicht: Der Gewinn, den „Eine Wiese für alle“ hoffentlich einspielt, geht an Menschen, die sich im Osten Deutschlands für eine offene Gesellschaft einsetzen.

Infos

Lena Zeise: Das wahre Leben der Bauernhoftiere. Verlag Klett-Kinderbuch. 40 Seiten, 16 Euro. Ab 7

Uli Leistenschneider: Pauline Schnüffel – Ein Schwein mischt sich ein. Verlag Fischer-KJB. 128 Seiten, 12 Euro. Ab 7

Karsten Brensing: Wie Tiere sprechen und wie wir sie besser verstehen. Loewe-Verlag. 192 Seiten, 16,95 Euro. Ab 9

Hans-Christian Schmidt, Andreas Német (Ill.): Eine Wiese für alle. Verlag Klett-Kinderbuch. 40 Seiten, 14 Euro. Ab 4




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