Stillen ist für viele Mütter ein Lernprozess. Foto: Imago/YAY Images
Die neue, umstrittene Stillleitlinie empfiehlt, Säuglinge sechs Monate zu stillen. Eine Expertin des Universitätsklinikums Tübingen erklärt, warum sie die Leitlinie begrüßt.
In Deutschland gibt es erstmals eine evidenzbasierte deutsche Leitlinie, wie lange Frauen idealerweise stillen sollen. Diese deckt sich mit den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO): Demnach sollten Säuglinge die ersten sechs Monate voll gestillt werden, anschließend wird geraten, die Babys noch mindestens bis zu ihrem ersten Geburtstag begleitend zur Beikost weiter zu stillen. Die Leitlinie wurde von 26 Fachgesellschaften und Fachverbänden herausgegeben. Kritik daran übte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland, der einen zu großen Druck auf Mütter befürchtet. Sarah Schäffler, die im Universitätsklinikum Tübingen als Advanced Practice Nurse für die Beratung von Eltern im Wochenbett zuständig ist, erklärt, warum sie die Stillleitlinie befürwortet.
Frau Schäffler, wie viele Frauen wünschen sich während der Schwangerschaft, dass sie nach der Geburt ihr Baby stillen können?
Nach den Daten der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts möchten fast 90 Prozent der Frauen in Deutschland ihr Kind stillen. Die Studie erfasst sowohl die Stillintention als auch das tatsächliche Stillverhalten – und zeigt deutlich: Die große Mehrheit geht mit einem starken Stillwunsch in die Geburt. Im weiteren Verlauf spiegeln die Zahlen jedoch ein anderes Bild wider. Viele Frauen stillen zwar weiterhin, aber längst nicht mehr so, wie sie es ursprünglich geplant hatten. Das weist klar darauf hin, wie entscheidend gerade die ersten Tage nach der Geburt für einen stabilen, langfristigen Stillprozess sind. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren intensiv mit Stillberatung und sehe aus nächster Nähe, welche Fragen Eltern besonders am Anfang beschäftigen – und wie schnell Unsicherheit entsteht, wenn Empfehlungen widersprüchlich sind oder grundlegende Informationen fehlen. Umso wichtiger ist es, ihnen die physiologischen Grundlagen der Milchbildung verständlich zu vermitteln und sie in dieser sensiblen Phase verlässlich zu begleiten.
Sie sagen, die Zahlen spiegeln später ein anderes Bild wider. Was bedeutet das konkret?
Die große Mehrheit der Mütter plant, ihr Kind mindestens einige Monate zu stillen. In Deutschland liegt die durchschnittliche Stilldauer bei rund siebeneinhalb Monaten. Etwa 58 Prozent der Mütter stillen in den ersten vier Monaten ausschließlich, und rund 40 Prozent tun dies bis zum Ende des vierten Monats. Deutlich geringer ist jedoch der Anteil der Frauen, die eine exklusive Stilldauer von sechs Monaten erreichen. Obwohl viele dieses Ziel anstreben, stillen tatsächlich nur etwa 13 bis 22 Prozent der Mütter sechs Monate ausschließlich. Damit bleibt die Umsetzung der WHO-Empfehlung einer exklusiven Stilldauer von sechs Monaten weiterhin hinter den Erwartungen zurück.
Sarah Schäffler unterstützt Eltern im Wochenbett. Foto: privat
Das passt zu der bisherigen offiziellen Empfehlung in Deutschland, nach der man ab dem vierten Monat mit Beikost starten kann, oder?
In Deutschland wird die Einführung der Beikost häufig ab dem fünften Monat empfohlen, also zwischen dem vierten und sechsten Monat, was von der internationalen Empfehlung abweicht. Die deutsche Empfehlung basiert auf der Einschätzung, dass eine spätere Einführung das Risiko für Allergien erhöhen könnte, jedoch gibt es keine überzeugende Evidenz für einen gesundheitlichen Vorteil einer früheren Einführung bei gesunden, termingeborenen Säuglingen.
Nun ist die Empfehlung der neuen Stillleitlinie aber klar: Müttern wird empfohlen, sechs Monate ausschließlich und danach noch zusätzlich zur Beikost mindestens bis zum ersten Geburtstag des Kindes zu stillen. Was halten Sie davon?
Die Leitlinie, die auf aktuellen Forschungsergebnissen basiert, bietet aus meiner Sicht eine verlässliche Orientierung. Sie richtet sich an medizinisches Fachpersonal und ermöglicht eine individuelle Beratung von Frauen auf Grundlage der besten verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz. Deutschland ist dabei über viele Jahre keinen Sonderweg gegangen, sondern hat sich den Empfehlungen der europäischen Fachgesellschaft European Society for Paediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition sowie der European Food Safety Authority angeschlossen. Beide empfehlen, Beikost zwischen der 17. und 26. Lebenswoche einzuführen – also frühestens zu Beginn des fünften Monats und spätestens zu Beginn des siebten Monats. Eine Einführung vor dem vierten Monat wird ausdrücklich als potenziell schädlich bewertet. Die neuen Stilleitlinien greifen die aktuelle Evidenzlage auf und sprechen sich dafür aus, Beikost idealerweise ab dem sechsten Monat einzuführen. Damit stehen sie im Einklang mit der seit langem vertretenen Position der WHO, die eine exklusive Stilldauer von sechs Monaten empfiehlt.
Jede Frau hat natürlich das Recht, individuell zu entscheiden, ob sie stillen möchte oder nicht und wie lange. Doch wenn der Wunsch zu stillen bei so vielen Müttern da ist, verwundert es doch, wenn so viele nach recht kurzer Zeit abbrechen.
Wenn eine Mutter sich entscheidet, nicht weiter zu stillen, verdient dieser Wunsch immer Respekt. Die Daten zeigen zudem, dass die meisten Mütter nach vier Monaten nicht vollständig abgestillt haben, sondern dass das ausschließliche Stillen seltener wird. Gleichzeitig deutet vieles darauf hin, dass Mütter deutlich mehr Unterstützung benötigen, um ihre Stillziele zu erreichen. Internationale und nationale Studien zeigen seit Jahren, dass Stillabbrüche häufig nicht auf fehlenden Willen, sondern auf unzureichende Beratung, Schmerzen, Erschöpfung oder widersprüchliche Empfehlungen zurückgehen. Umso wichtiger ist die angekündigte Erweiterung der Leitlinie. Sie soll klarer herausarbeiten, welche Maßnahmen die Stillbeziehung stärken können – von einer besseren Versorgung in den ersten Tagen nach der Geburt bis hin zu verlässlicher, kontinuierlicher Stillberatung
Bei der Generation der Babyboomer war es eher verpönt, lange zu stillen. Deshalb erhalten junge Mütter immer noch ungebetene Kommentare, bis wann sie stillen sollten. Was macht das mit den Frauen?
Beim Thema Stillen haben erstaunlich viele Menschen eine Meinung – von der Schwiegermutter über die Nachbarin bis hin zum Postboten. Was dabei jedoch häufig fehlt, ist fundiertes Wissen. Für Mütter kann das sehr verunsichernd sein. In unserer Gesellschaft scheint es ohnehin schwer, als Mutter „alles richtig“ zu machen: Wer nicht stillt, wird kritisiert, und wer länger stillt, ebenfalls. Die Bewertung der Stilldauer ist nur ein Beispiel von vielen. Nahezu alle Fragen rund um Erziehung und frühe Kindheit polarisieren stark. Sie werden oft emotional geführt und nur selten auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse. Für Eltern entsteht dadurch ein Spannungsfeld, in dem gut gemeinte Ratschläge schnell zu Verunsicherung statt zu Unterstützung führen.
Brustkrebsrisiko sinkt bei stillenden Müttern
Was sind denn – basierend auf den wissenschaftlichen Studien, die der Leitlinie zugrunde liegen – die Vorteile des Stillens in dem empfohlenen Zeitraum?
Das Immunsystem der Babys wird gestärkt und sie haben eine geringere Wahrscheinlichkeit für Durchfallerkrankungen und Mittelohrentzündungen, auch die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Asthma ist geringer. Außerdem sinkt das Risiko für Brustkrebs bei Frauen, die mindestens zwölf Monate gestillt haben. Bisher lag der Fokus eher bei den positiven Auswirkungen direkt nach der Geburt, nämlich dass Frauen, die stillen, eine verminderte Blutungsgefahr haben. Die Gebärmutter kann sich bei stillenden Müttern schneller wieder zurückbilden.
Allerdings gibt es auch, wie Sie schon erwähnten, die Allergie-Leitlinie, die empfiehlt, ab dem fünften Monat mit Beikost zu starten. Ist das nicht ein Widerspruch, der zu Verwirrung bei den Eltern führen kann?
Die Allergie-Leitlinie gibt ja nur ein Zeitfenster ab dem fünften Monat an, in dem mit Beikost angefangen werden kann. Es ist ja ohnehin nicht so, dass jedes Baby mit auf den Tag genau sechs Monaten plötzlich morgens aufwacht und bereit für die Einführung von Beikost ist. Kinder entwickeln sich ganz unterschiedlich. Und wenn ein Baby mit fünf Monaten der Mutter das Brot aus der Hand klaut, es kaut und schluckt, dann ist es offensichtlich schon beikostreif und dann ist das auch okay. Doch wenn man die empfohlenen sechs Monate voll stillt, steht das nicht im Widerspruch zur Allergie-Leitlinie.
Auch wenn das Stillen noch so gut für das Baby sein mag, klappt es bei vielen Frauen nicht, beispielsweise weil sie starke Schmerzen haben. Was raten Sie diesen Frauen?
Schmerzen sind immer ein Warnsignal. In diesem Fall läuft etwas nicht ganz richtig und die Frau braucht mehr Unterstützung. Es gibt verschiedene typische Ursachen, auf die man relativ schnell einwirken kann mit den richtigen Maßnahmen. Die häufigste Ursache für Schmerzen beim Stillen ist, dass Frauen gar keine Chance mehr haben zu sehen, wie es aussehen sollte, wenn das Kind optimal angedockt ist. Die wenigsten Frauen haben viel Erfahrung im Umgang mit Neugeborenen. Stillen ist zwar etwas natürliches, aber auch ein Lernprozess. Deshalb hängt viel davon ab, wie gut man begleitet wird. Allerdings sind Zeit und Personal nicht gerade das, was in unserem Gesundheitssystem in ausreichendem Maß zur Verfügung steht.
Können Sie noch Tipps geben, was Mütter direkt nach der Geburt machen können, um die Stillbeziehung zu fördern?
Das Stillen kann aus wissenschaftlicher Sicht durch mehrere evidenzbasierte Maßnahmen gefördert werden. Die wichtigsten Faktoren sind früher Haut-zu-Haut-Kontakt, Raum-in-Raum-Unterbringung und früher Beginn des Stillens innerhalb der ersten Stunde nach Geburt. Diese Maßnahmen erhöhen signifikant die Wahrscheinlichkeit für exklusives Stillen bis zum sechsten Monat. Eine umfassende Stillberatung und edukative Interventionen, sowohl individuell als auch in Gruppen, steigern die Rate des exklusiven Stillens und verlängern die Stilldauer. Die WHO empfiehlt gezielte Beratung und Unterstützung während Schwangerschaft und nach der Geburt, was durch systematische Reviews als wirksam bestätigt wurde. Die American Academy of Pediatrics betont die Bedeutung der Umsetzung der „Baby-Friendly Hospital Initiative“, insbesondere das Vermeiden von nicht medizinisch notwendigen Formulazugaben, das Stillen nach Bedarf und die Unterstützung nach Entlassung. Daneben darf aber auch nicht vergessen werden, dass der Bildungsgrad der Mutter, das Nichtrauchen, und das Vermeiden von Mutter-Kind-Trennung direkt nach der Geburt einen erheblichen Einfluss nimmt. Psychosoziale Unterstützung, Einbindung von Partnern und Familien sowie gesellschaftliche und strukturelle Maßnahmen wie bezahlter Mutterschutz und flexible Arbeitsbedingungen sind ebenfalls entscheidend. Daher sind die heute so gefragten Familienzimmer nach der Geburt viel mehr als nur ein Modetrend.