Bei Mommies Kitchen Gang und Mala Town schmeckt es tatsächlich wie daheim. Dilan Kurucu und Jiantong Wei haben Erfolgsrezepte aus Anatolien und Peking nach Stuttgart geholt. Die beiden Gründer stammen eigentlich aus ganz anderen Branchen.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Thea Bracht (tab)

Döner Kebab und Ente süßsauer gelten als Erfindungen aus Deutschland. Aber wenn Hausfrauen kochen, kann das Ergebnis nur authentisch sein: „Man muss die Küche kennen, ihre Gewürze, die Zubereitung der Speisen“, sagt Dilan Kurucu. Ihre Mommies Kitchen Gang bietet die besten Voraussetzungen dafür, denn lauter Mütter, die ihre Wurzeln in der Türkei haben, stehen bei dem neuen Imbiss und Cateringservice in der Küche. Wen das Fernweh packt, muss nur in ihr kleines Lokal am Marienplatz. Für Globetrotter ist auch Mala Town im Westen eine gute Adresse: In der Reuchlinstraße bietet Jiantong Wei, der aus dem Nordwesten Chinas stammt, neuerdings seine Leibspeise an.

Was bei der Familie auf den Tisch kommt

Dilan Kurucu hat das Gefühl, eine Lücke geschlossen zu haben. Was gemeinhin als türkisches Essen gelte, habe oft nichts mit dem zu tun, was bei ihrer Familie auf den Tisch kam und kommt. Döner und „türkische Pizza“ zählten nicht dazu, aber die aus Bulgurteig bestehenden Köfte, der Bohneneintopf Kuru Fasulye oder die Miniravioli Manti. „Für viele Gäste sind unsere Speisen wie eine kulinarische Reise“, sagt die Firmengründerin. Das hat sie selbst überrascht, schließlich sei „die türkische Community seit Jahrzehnten in Stuttgart etabliert“. Restaurants würden ihr Angebot jedoch dem westeuropäischen Gaumen anpassen oder die Gerichte vereinfachen, um mehr Menge produzieren zu können.

Von Hugo Boss in die Küche

Von den Mommies hat jede ihre Spezialität: Meryem Gözde ist für Köfte und Manti zuständig, Emine Kasal macht Baklava und Su Börek, Nazan Ünver hat das Feingefühl für Sarmas (Rouladen), Dolmas (gefülltes Gemüse) und Sigara Böreks. Ihre Mitarbeiterinnen akquirierte Dilan Kurucu über Netzwerke von Landsfrauen. Nach ihrem Master-Abschluss in Anglistik und Sprachwissenschaften war sie bei Hugo Boss tätig. Doch mit dem zweiten Kind kam der Wunsch nach Veränderung und die Idee, für Mütter mit weniger Ausbildung Arbeitsplätze zu schaffen. Alles bis auf den Filoteig werde von der Kitchen Gang selbst gemacht, versichert die Chefin. Und die Kundschaft – zu 80 Prozent deutsch, alternativ, hip, vegetarisch oder vegan – würde „die Hausmannskost ohne Chichi“ feiern.

Zutaten aus der Kühltheke selbst holen

Ins Mala Town führen ein paar Stufen hinab. Getränkekisten stehen auf dem Boden, es gibt nur wenige Hocker, kleine Tische und eine offene Kühltheke, vor der sich eine Schlange gebildet hat. Unter den Gästen sind Chinesen, Koreaner und junge Leute, die sicher schon mit dem Rucksack in den entlegensten Ecken dieser Welt unterwegs waren und hier ihr Süppchen löffeln. Was in Stuttgart wie ein Schritt in eine andere Welt wirkt, ist in China weit verbreitet: Malatang heißen die Restaurants, was „Scharfer Hotpot nach Wahl“ bedeutet. Wie das Prinzip funktioniert, wird auf einer zweisprachigen Karte mit Zeichnungen erklärt. Man nehme eine Plastikschüssel und suche sich seine Zutaten in der Kühltheke aus. Es gibt unter anderem Wasserspinat, Brokkoli, Tofu, Pilze aller Art, Garnelen, Dumplings und diverse Sorten Nudeln. Dann geht es mit der gefüllten Schüssel an die Theke, wo alles abgewogen wird, 100 Gramm kosten 2,38 Euro. Nun heißt es: „Suppenbasis und Scharfgrad wählen“. Mehrere Brühen stehen zur Auswahl. Von der Variante Grüner Pfeffer, die mit drei Chilischoten gekennzeichnet ist, rät die Mitarbeiterin ihren europäischen Gästen aber dringend ab. Wenn die Zutaten gekocht sind, können sie mit Knoblauch, Frühlingszwiebeln und anderen Toppings garniert werden.

Der Betreiber studierte Informatik

„Die Suppen gehören zu meinem Lieblingsfood“, sagt der Betreiber Jiantong Wei, der weder Koch noch Kellner gelernt hat, sondern wie Dilan Kurucu ein akademisch gebildeter Quereinsteiger ist. Der 31-Jährige studierte in Hannover Informatik, lebt seit 2017 in Stuttgart und arbeitet bei Daimler. Die Suppenküche ist eine Art Hobby, „ich habe ja 30 Tage Urlaub im Jahr!“, lautet seine Erklärung dafür. In seiner Heimat ließ er sich für den Nebenjob in der Zubereitung von Brühen schulen. Gerade eröffnete er sogar ein zweites Lokal in Bochum. Das Konzept sei nicht kompliziert, das schafften seine Mitarbeiter auch ohne ihn, meint der Teilzeitgastronom.

Nur die Preise sind für Europa angepasst

„Wenn es die Suppe für drei Euro wie in Asien gäbe, würde ich nie mehr selbst kochen“, meint ein junger Mann am Nebentisch. Im Stuttgarter Westen werden eher um die zehn, elf Euro für den Hotpot fällig. Er hält aber lange die Erinnerung an Fernreisen wach, weil nicht nur die Grüne Pfeffer-Variante auf der Zunge brennt, sondern auch die klassische Brühe nicht für die deutschen Gäste abgeschwächt wurde, sondern auf Chili und Sichuanpfeffer basiert.

Auf jeden Fall authentisch bleiben

Obwohl die Mommies Kitchen Gang erst im Sommer loslegte, denkt auch Dilan Kurucu bereits an den Ausbau des Geschäfts. Das Catering laufe auf Hochtouren, berichtet sie, die Nachfrage weckt ihren Ehrgeiz. Sie würde gerne einen Brunch anbieten, Süßes wie den Grieskuchen Rivani und weitere Gerichte. „Es gibt so viele Speisen, die ich den Leuten nicht vorenthalten will“, sagt sie. Den Schritt will sie allerdings nur gehen, wenn sie weitere Mommies für die Küche gewinnen – und damit authentisch bleiben kann.