Neue Medien Wenn immer etwas Neues passieren muss

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In unserer bunten Livetickertwitterwelt verändert der Zwang zur virtuellen Zuspitzung gelegentlich sogar den Gang der Realität. So war es diese Woche etwa im Edathy-Ausschuss zu beobachten.

Manchmal hält ein Liveticker nicht, was er verspricht – und verführt so leicht zu Zuspitzungen. Foto: AP
Manchmal hält ein Liveticker nicht, was er verspricht – und verführt so leicht zu Zuspitzungen. Foto: AP

Neue Medien, neue Kommunikationsformen sind für sich genommen weder gut noch schlecht. Die Menschen, die sie nutzen, entscheiden, ob technische Errungenschaften Last oder Segen sind. Soziale Netzwerke etwa, die Nachrichten in Echtzeit ohne das Fallbeil staatlicher Zensur viral in die Welt ausstoßen, sind für junge Freiheitsbewegungen in repressiven Staaten ein Segen. In gewachsenen Demokratien, deren politische Systeme nur selten spannende, meist komplexe, tendenziell ermüdende Momente produzieren, kann die Gier nach dem Dauerklick der User zum Problem werden. Wenn mit immer neuen Zuspitzungen der Wettlauf um Aufmerksamkeit gewonnen werden muss, darf auch dann nicht nichts passieren, wenn nichts passiert.

Der diese Woche tagende Edathy-Ausschuss ist ein gutes Beispiel. Interessant allein schon die Informationsbeschaffung einiger Kollegen. Manche füllten nämlich ihre Beobachtungslücken, die ihre andauernde Livetwittertickerpräsenz zwangsläufig mit sich brachte, indem sie die Twitterbeiträge ihrer Nachbarn studierten.

Die Sitzung selbst war nicht das Spektakel, als das es im Netz angekündigt worden war, sondern ein ermüdender Grabenkampf, bei dem keine Seite Geländegewinne verzeichnen konnte. Kritisch bleibt für die SPD, dass die Versionen von Parteichef Sigmar Gabriel und Fraktionschef Thomas Oppermann über den Zeitablauf des 17. Oktober 2013, an dem der Kinderporno-Verdacht gegen Edathy die SPD-Spitze erreichte, nicht deckungsgleich sind. Das führt dazu, dass Union und Opposition mutmaßen, Oppermann sei gar nicht von Gabriel, sondern von einer ominösen Person X über die Vorermittlungen gegen Edathy informiert worden. Da Gabriel schon in früheren Befragungsrunden und auch in dieser stets betonte, sich letztlich nicht mehr genau an die Zeitabläufe erinnern zu können, weil er an diesem Tag mit der Bildung der großen Koalition beschäftigt war, schließen sich Oppermanns und Gabriels Versionen aber auch nicht völlig aus. Man muss Gabriels schwache Gedächtnisleistung kritisch hinterfragen. Man darf sie aber nicht unterschlagen. Es bleiben Fragen, es fehlen Beweise.

Ab in den Onlinemixer

Das aber ist zu wenig in der neuen Medienwelt. „Spiegel Online“ tickerte deshalb: „Gabriel und Friedrich belasten Fraktionschef Oppermann“. Abgesehen davon, dass der Text völlig offen lässt, weshalb Friedrich genannt wird, suggeriert die Überschrift, dass Gabriel aktiv und überraschend Oppermann mit neuen Vorwürfen brüskierte, was nicht der Fall war. Andere twitterten, jetzt werde es richtig eng für Oppermann. Auch dies bewahrheitete sich nicht. Gabriel blieb bei seiner bisherigen Darstellung, die für Oppermann nicht angenehm sein mag, aber so lange beherrschbar bleibt, so lange seine Gegner nicht in der Lage sind, die Person X zu präsentieren. Die Zuspitzungen waren nur deshalb möglich, weil an Gabriels Aussagen nahezu ausschließlich die belastenden Passagen in den Onlinemixer gerieten, nicht aber die Verweise auf sein an dieser Stelle bemerkenswert schwaches Gedächtnis.

Bedenklich wurde das Schauspiel, als die ansonsten tadellos agierende Grüne Obfrau Irene Michalic den SPD-Chef mit der überdrehten Spiegel-Meldung über eine Veranstaltung konfrontierte, in der sie selbst eine der prägenden Figuren war. Sie ersetzte somit ihre eigene Interpretation der sie umgebenden Wirklichkeit durch deren verzerrende virtuelle Spiegelung.

Gabriel musste darauf reagieren, verlegte den Fokus auf die Darstellung der wahnwitzigen Taktung der Zeitabläufe in der Endphase einer Regierungsbildung, was seine schwache Erinnerung an diesen Tag erklären sollte. Dieser Strategiewechsel führte wiederum zu der virtuellen Zuspitzung: „Gabriel windet sich im Untersuchungs-Ausschuss“. Außerdem prägte dies die Einschätzung, Gabriel sei extrem schlecht vorbereitet gewesen. Kritiker dieser Ansicht wurden übrigens mit dem Hinweis konfrontiert, auch andere Kollegen fänden Gabriels Auftritt unterirdisch und hätten dies auch schon getwittert. Na dann.