Neue Mobilitätsformen im Kreis Esslingen Die Klimawende startet nebenan

MobiQ-Aktion in Stuttgart-Rot Foto: MobiQ

Das Projekt MobiQ der Hochschule Nürtingen-Geislingen setzt auf Mobilitätskonzepte mit, durch und für die Menschen vor Ort.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Sie wollen Bewegung in die Mobilitätswende bringen. Mit einem total lokalen Ansatz – vor der Haustür, nahe am Menschen, Netzwerken vor Ort. Der Name ihres Projekts ist Programm. MobiQ steht für Mobilität im Quartier, und damit möchte ein sechsköpfiges Team aus Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen auch von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen neue Mobilitätsformen in die Wohnviertel bringen.

 

Den Menschen etwas überstülpen oder aufzwingen – das geht gar nicht, führten Mitarbeitende von MobiQ im Rahmen der Sommertour der Stuttgarter Wissenschaftsministerin Petra Olschowski und des Verkehrsministers Winfried Hermann (beide von den Grünen) aus. Darum wollen die Wissenschaftler den Bürgern eine Stimme geben. Drei Standorte unterschiedlicher Größe, Lage, Sozialstruktur und Einwohnerzahl haben sie für ihre Realexperimente ausgewählt – Geislingen im Kreis Göppingen, Walburg in der Nähe von Ravensburg und den Stuttgarter Stadtteil Rot im Bezirk Zuffenhausen mit seinen etwa 10 000 Einwohnern.

Dialog mit den Einwohnern

Vor Ort suchten die Projektmitarbeiter Kontakt zu denen, die bei Mobilitätsfragen eben nicht immer in der ersten Reihe stehen. Über Vereine, die Medien, Besuche auf Wochenmärkten, Kirchen oder Bürgerstiftungen wurde das Gespräch mit Einwohnern gesucht, führte Projektmitarbeiter Julian Bansen aus. Etwa 90 Minuten dauerten die Interviews über persönliche Formen der Mobilität, Probleme damit und Wünschen dazu. Nach den Befragungen wurden Bürgerwerkstätten zur Ausarbeitung konkreter Projektideen an allen drei Standorten anberaumt. Mit sehr gutem Erfolg: Bis zu 40 Besucher kamen und machten mit.

Die Ergebnisse dieser Vorarbeiten waren nach Darstellung von Sven Kesselring vom MobiQ-Team mehr als Seifenblasen und Luftnummern. Lastenfahrräder zum Mieten, ein Einkaufsshuttleservice, Fahrdienste oder Fahrgemeinschaften entsprangen aus den Bürgerwerkstätten. In Stuttgart-Rot, so legten Barbara Hefner und Professorin Christina Simon-Philipp aus dem Projektteam dar, dominiere das Auto den öffentlichen Raum. Daher wurde während der Stuttgarter Mobilitätswoche im September 2022 und des IBA-27-Festivals im Juli ein 110 Meter langer Abschnitt für den motorisierten Individualverkehr gesperrt und für mehrere Tage mit Aktionen zu nachhaltiger Mobilität und sozialer Interaktion bespielt. Es gab Informationsstände, Spiele, Mitmachangebote oder eine Beförderungsmöglichkeit mit einem Fahrradtaxi: „Es wurde gezeigt, wie die Platzverteilung und Fortbewegung auf Straßen sozial verträglicher und gerechter gestaltet werden können.“

Handbuch zur Mobilität

Neben den Realexperimenten vor Ort möchte das Projektteam ein Handbuch mit dem Titel „In zehn Schritten zum Mobilitätsgestalter“ erstellen, das Mitte nächsten Jahres herauskommen soll. Das Druckwerk soll sich an die Bürger richten, auch online abrufbar sein und beim Umsetzen der Mobilitätswende helfen. Die Kapitel handeln von Themen wie „Probleme erkennen“, „Ideen gemeinsam entwickeln“ oder „Projekte gemeinsam bewerten und verbessern“.

Auch Mobilitätsprojekte werden mit Geld in Bewegung gebracht. MobiQ startete 2021 mit finanzieller Unterstützung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Die Fördergelder laufen Mitte 2024 aus, doch eine Verlängerung um zwei Jahre wäre möglich. Im Herbst werde darüber entschieden, verkündete Ministerin Petra Olschowski. Die Grünen-Politikerin kritisierte nach vielem Lob an der bisherigen Projektumsetzung, dass die Verwaltungen mehr mit ins Boot geholt werden müssten.

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