Neue Musik im Theaterhaus „Kann Eclat überleben, Frau Fischer?“
An diesem Mittwoch beginnt das Stuttgarter Eclat-Festival für Neue Musik. Aber kann es trotz schwerer Kürzungen durch die Stadt noch lang überleben? Die Festivalchefin im Interview
An diesem Mittwoch beginnt das Stuttgarter Eclat-Festival für Neue Musik. Aber kann es trotz schwerer Kürzungen durch die Stadt noch lang überleben? Die Festivalchefin im Interview
Die Kürzungsbeschlüsse der Stadt Stuttgart bei den Haushaltsberatungen Ende Dezember 2025 haben das strahlkräftige „Festival Neue Musik“ namens Eclat in besonderer Weise getroffen. Wie geht die Intendantin des Festivalveranstalters Musik der Jahrhunderte, Christine Fischer, damit um, und was steht bei Eclat 2026 im Mittelpunkt?
Frau Fischer, sind die Kürzungen der Stadt Stuttgart für Eclat und für Musik der Jahrhunderte schon beim diesjährigen Festival zu spüren?
Wir hatten die Möglichkeit, 2025 noch einiges so zu justieren und vor allem auch vorzufinanzieren, dass das Festival 2026 immer noch dieselbe Reichhaltigkeit hat wie in den Vorjahren. Allerdings habe ich alles, was noch in der Schwebe war, durch Projekte ersetzt, die schon andernorts gezeigt wurden. Es wird also weniger Uraufführungen geben. Aber es gibt trotzdem jeden Tag für das hiesige Publikum sehr viel Neues zu entdecken. 2027 wird sich das allerdings massiv ändern. Womöglich werden wir Eclat dann von fünf auf vier Veranstaltungstage reduzieren müssen.
Warum treffen Sie die städtischen Kürzungen besonders hart?
Bei der letzten massiven Kürzung der Kulturausgaben 2009 wurde der Etat für unser Festival von unserem Basisetat abgetrennt. Jetzt hat man beschlossen, gerade die städtischen Festivalförderungen überproportional zu kürzen, nämlich um 20 Prozent. Das ist verständlich, weil man die kulturelle Basisarbeit nicht gefährden wollte, die gleichzeitig nur um gut sechs Prozent reduziert wird. Für uns ist aber gerade das Festival die Basis. Unter dem Jahr haben wir ein sehr aufmerksames, aber kleineres Publikum. Bei Eclat hingegen erreichen wir viele, können internationale Projekte präsentieren und die Neue Musik in Kontexte stellen. Vor allem darauf arbeiten wir hin – und künstlerische Arbeit ist ja nicht momenthaft, sondern entsteht in langen Prozessen. Die Reduzierung von Basis und Festival bedeutet für uns unterm Strich ein Minus von über zehn Prozent. Wir haben 71 000 Euro weniger; das ist der Gegenwert mehrerer Projekte oder eines ganzen Musiktheaters. Eclat ist ein Ganzjahresbetrieb und bildet in der Landeshauptstadt Stuttgart das Fundament der Neuen Musik. So gesehen, ist die Neue Musik in Stuttgart also überproportional gekürzt worden.
Haben die städtischen Kürzungen Auswirkungen auf weitere Förderungen?
Ohne Eigenbeteiligung bekommt man auch keine Förderung an anderer Stelle. Ich muss je nach Förderer etwa zwanzig Prozent eines Projektes selbst finanzieren. Dass unser Festival interessant ist, liegt also nicht nur an unseren 180 000 Euro Produktionsetat, sondern daran, dass ich diese Mittel seit jeher durch Anträge und Kooperationen vervielfältigt habe.
Können Sie dadurch die Streichungen kompensieren?
Die Fördergelder werden weniger. Seit der Pandemie hat sich, auch durch die damals geflossenen Mittel von Bund und Land, die Zahl der künstlerisch tätigen Akteure vervielfacht. Das Publikum dagegen ist etwa gleich groß geblieben und hat heute sogar etwas weniger Geld auf dem Konto und weniger Zeit für Kultur, weil es sich stärker in den sozialen Medien bewegt. In der Folge fragmentieren wir die Aufmerksamkeit und das Konzertleben: Es gibt viele kleinere Veranstaltungen, und wir teilen uns alle miteinander die eher schwindenden Mittel zum Beispiel von Stiftungen. Eine Herausforderung an uns alle – so toll das vielfältige Kulturleben auch ist.
Was genau macht Eclat besonders und wichtig?
Kulturinteressierte Menschen erleben bei Eclat, was Neues in der Musik passiert und welche gesellschaftlichen Diskurse wir aufgreifen. Dass es vielen Menschen essenziell wichtig ist, diese Positionen in ihrer ganzen Heterogenität zu erleben, zeigt sich auch daran, dass unsere Festivalpässe, die zum Eintritt in sämtliche Veranstaltungen berechtigen, inzwischen fast ausverkauft sind. Auch Künstlerinnen und Künstler schätzen es sehr, sich bei uns zu zeigen, denn wir setzen nicht auf Erwartbares, sondern gehen Risiken ein, und das Nebeneinander des Unterschiedlichen im Festival bringt ihnen wie dem Publikum Inspiration. So etwas kann nur ein Festival leisten. Wir haben eine sehr kulturinteressierte Bürgerschaft in unserer Stadt. Und in Stuttgart wendet sich das Publikum traditionell auch dann nicht ab, wenn mal etwas künstlerisch scheitert, sondern lässt sich dadurch anregen. Unser Interesse als Veranstalter muss es sein, diese Gruppe zu erweitern – und darüber hinaus Menschen zu erreichen, die wir bisher nicht erreicht haben. Man muss sich also paradoxerweise mit weniger Mitteln noch mehr ins Zeug legen.
Was steht beim diesjährigen Festival, das am Mittwoch im Stuttgarter Theaterhaus startet, im Zentrum?
Eclat gibt ja nie ein Thema vor, sondern wir entwickeln in Künstlergesprächen, was gerade relevant ist – zum Beispiel die hoch spannenden „Balkan Affairs“ mit Künstlern aus sieben ex-jugoslawischen Ländern. Komponierende wollen nicht für eine Masse komponieren, die bequem auf der Zuschauertribüne sitzt, sondern möchten die Menschen einbeziehen. Deshalb findet die Musik oft mitten zwischen ihnen statt wie bei „Future Forest“, „Hear it Coming“ oder „Noise is a queer Space“. Austausch und gemeinsames Erleben stehen im Vordergrund. Das hat auch eine politische Dimension: Allen ist bewusst, dass wir jetzt gemeinsam ins Wahrnehmen und Handeln kommen müssen, um den Giganten, die gerade die Welt unter sich aufteilen, unsere Kraft entgegenzusetzen.
Festival
1997 bekamen die 1980 gegründeten Tage für Neue Musik Stuttgart den Namen „Eclat“ – das französische Wort für „Splitter, Knall, Glanz“. Trägerin ist die Institution Musik der Jahrhunderte (MdJ), die auch das Management der Neuen Vocalsolisten verantwortet, mit Sitz im Stuttgarter Theaterhaus. Christine Fischer ist seit 1985 Geschäftsführende Intendantin von MdJ, seit 2014 auch künstlerische Leiterin des Festivals.
Auftakt
Mit Francesca Verunellis „Songs and Voices“ wird das Festival an diesem Mittwoch, 4. Februar, um 19 Uhr eröffnet. Anschließend folgt als Uraufführung Hans Thomallas „Nachtmusik“.
Highlights
Die Neuen Vocalsolisten haben ihr Projekt „Balkan Affairs“ weiterentwickelt (Samstag, 19 Uhr). Mit dem Preisträgerkonzert des Stuttgarter Kompositionspreises endet Eclat am Sonntag um 18 Uhr.
Nachwuchs
Erstmals findet parallel zum Festival von Freitag bis Samstag ein „Kinder Eclat“ mit drei Nachmittagsveranstaltungen statt.
Jetztmusik
Unter diesem Titel ergänzt der SWR das Programm mit Konzerten des SWR Symphonieorchesters (Freitag, 20 Uhr) und des SWR-Vokalensembles (Sonntag, 15.30 Uhr).
Alle Infos
unter www.eclat.org.