Personalchefs der EnBW haben es mit der Kunst. An Bernhard Beck, der sich vor wenigen Tagen als Vorstand für Recht und Personal in den Ruhestand verabschiedet hat, ging knapp ein Schauspieler verloren – den Platz an der Schauspielschule hatte er schon. Bei seiner Nachfolgerin Colette Rückert-Hennen verhinderte die Vernunft nur knapp die Musicalkarriere. Sie genoss jahrelang Gesangs- und Tanzunterricht, stand immer wieder auf der Bühne der Schul-Theater-AG und hatte ehrgeizige Pläne. „Irgendwann habe ich mich dann doch gefragt, ob ich es tatsächlich bis zur Hauptrolle in Hollywood schaffe“, erzählt sie amüsiert, „und mich lieber für einen seriösen Beruf entschieden“ – den der Juristin.
Rückert-Hennens Karriere führte sie von einer Anwaltskanzlei in verschiedene Führungspositionen in der Tourismusbranche, wo sie schließlich zur Geschäftsführerin der Thomas Cook Services AG mit 1500 Mitarbeitern und Sitz im schweizerischen Pfäffikon aufstieg. Als ihr das ständige Leben aus dem Koffer zu viel wurde, tauschte sie die Reisebranche gegen die Erneuerbaren Energien – und kehrte damit ins Rheinland zurück. Bei Solarworld fungierte Rückert-Hennen als Vorstand Personal, Marke und IT, als das Unternehmen 2017 Insolvenz anmelden musste. Es folgte ein gutes Jahr bei Ejot – einem Mittelständler im südwestfälischen Rothaargebirge. Und nun, mit 58 Jahren, der Vorstandsposten bei der EnBW mit gut 20 000 Mitarbeitern.
Sie Juristin, er Kunsthistoriker
Frauen, die eine solch steile Karriere hinlegen, sind häufiger Single und häufiger kinderlos als erfolgreiche Männer. Nicht so Rückert-Hennen. Sie und ihr Mann haben mit dem traditionellen Rollenmodell gebrochen: „Er hat immer gesagt: Jeder von uns soll tun, womit er sich wohlfühlt und entwickeln kann – das war unsere gemeinsame Überzeugung.“ Für sie hieß das Karriere, für ihren Mann, den Kunsthistoriker, bedeutete es eine eigene Galerie in Leverkusen-Opladen. „Wenn er gefragt wurde, ob er es schwierig fände, mit einer erfolgreichen Frau verheiratet zu sein, antwortete er: ,Um Himmels willen, je erfolgreicher sie ist, desto besser! Desto unabhängiger bin ich!’“
Auch Rückert-Hennen selbst musste sich mit Stereotypen herumschlagen und sich als Rabenmutter bezeichnen lassen. Eines Tages kam gar eine der Töchter aus dem Ethikunterricht nach Hause und berichtete, eine Lehrerin habe gesagt, wenn ihre Mutter Vollzeit arbeite, könne sie sie nicht lieb haben. „Darüber haben wir viel reden müssen.“ Bis vor kurzem wohnte sie mit ihren Töchtern (21 und 27) „in einer WG“. Ihr Mann ist bereits vor sieben Jahren gestorben. „Und aus der WG bin jetzt ich – die Mutter – ausgezogen. Das ist verkehrte Welt“, sagt sie und lacht.
Kampf gegen Vorurteile
Nun ist Rückert-Hennen nach Karlsruhe umgesiedelt und freut sich hörbar, noch einmal Gas geben zu können. Die ersten vier Monate haben sie und ihr Vorgänger Beck für eine fließende Übergabe genutzt. Rückert-Hennen hat sich den Konzern genau angesehen, verschiedene Standorte besucht und mit Mitarbeitern gesprochen – und dabei Menschen getroffen, die in der dritten Generation für das Unternehmen arbeiten. „Eine so starke Bindung und Identifikation finde ich ganz erstaunlich und sehr positiv – erst recht in einem Konzern.“
Das Thema Frauenförderung ist ihr natürlich ein Anliegen – auch vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen. Sie selbst sei damals beispielsweise schon acht Wochen nach der Geburt an den Schreibtisch zurückgekehrt – „das müssen Sie heute nicht mehr, um Karriere zu machen“. Heute könne jede für sich entscheiden, was am besten passt. „Es gibt immer noch viele sehr unterschiedliche Vorurteile in diesem Zusammenhang“, sagt sie und zitiert eine Studie, der zufolge Frauen, die in ihrer Bewerbung zwölf Monate Erziehungszeit angäben, deutlich bessere Chancen auf ein Bewerbungsgespräch hätten als solche, die nach der Geburt nur zwei Monate Pause einlegten. „Frauen, die nur kurz beim Baby bleiben, werden laut dieser Studie eher als egozentrisch und wenig teamfähig wahrgenommen.“
Bei der EnBW ist für Frauen noch einiges zu tun
Bei Männern sei die Dauer übrigens gleichgültig gewesen. „Und das zeigt, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben. Die Vorurteile sind nicht weniger geworden.“ Gerade beim Thema Frauenförderung sprudelt Rückert-Hennen förmlich über vor Studien, die sie zum Thema studiert hat. „Ich lese alle. Das ist ein sehr emotionales Thema, und das möchte ich gerne auf eine sachliche Ebene bringen.“ Bei der EnBW ist für die neue Personalchefin in dieser Hinsicht noch einiges zu tun: Im Vorstand ist sie die erste Frau, im Topmanagement, berichtet sie, gibt es bisher noch keine Frau, und im oberen Management sind es 15,1 Prozent. Und von den 9,4 Prozent Teilzeitkräften unter den EnBWlern seien 82,2 Prozent weiblich.
Wie sie reagiere, wenn Männer klagten, dass sie die nächste Karrierestufe nicht erreichen könnten, weil nun Frauen bevorzugt würden? Da kämen ihr nicht unbedingt die Tränen, so die lebhafte Rheinländerin. „Frauen waren früher generell chancenlos, wenn es um Aufstieg und Karriere ging. Diese Ungerechtigkeit müssen wir jetzt dringend korrigieren. Wir haben in den Top 100 Unternehmen in Deutschland gerade erst die Zehn-Prozent-Marke in Bezug auf Frauen im Vorstand geknackt. Da ist noch viel Luft nach oben.“
Der Personalbedarf ist immens
Aber es wartet noch eine weitere wichtige Aufgabe in Karlsruhe auf Rückert-Hennen: EnBW-Chef Frank Mastiaux hat auf der Bilanzpressekonferenz in diesem Jahr angekündigt, dass der Energiekonzern bis Ende 2021 voraussichtlich 3600 neue Mitarbeiter einstellen werde – unter anderem auch, weil viele Beschäftigte sich in den Ruhestand verabschieden. Dafür muss die Personalabteilung ein Anwerbekonzept entwickeln. „Wir sind gerade dabei, die DNA der EnBW herauszuschälen und wollen uns damit als der attraktive Arbeitgeber zeigen, der wir sind“, sagt Rückert-Hennen und schwärmt davon, Bilder zu finden, die das vielfältige Gesicht des Konzerns spiegelten – auch emotional – und damit eine Generation anzusprechen, die vor allem zweierlei im Beruf suche: Spaß und Sinnhaftigkeit, wie die Managerin aus einer Untersuchung weiß. In Zeiten des Fachkräftemangels spielt das eine Rolle.
Rückert-Hennen hat noch einiges vor im Konzern, und weiß auch schon, was man einmal sagen soll, wenn sie in Rente geht: „Es war gut, dass sie da war. Sie hat einen Unterschied gemacht.“