Ein „Klärungsgespräch zwischen zwei Generationen“ über die Folgen des Klimawandels, wie die Diskutanten Luisa Neubauer („Fridays for Future“) und Bernd Ulrich (stellvertretender Chefredakteur der „Zeit“) ihren 250-Seiten-Dialog „Noch haben wir die Wahl“ ankündigen, ist tatsächlich sehr nötig. Der Essener Ulrich ist Jahrgang 1960, war früh Mitglied der Grünen, wechselte dann jedoch auf die journalistische Seite. Neubauer ist 1996 in Hamburg geboren und hat zuletzt den Band „Vom Ende der Klimakrise veröffentlicht“.
Wer Ulrichs vor zwei Jahren erschienenes Buch „Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie“ (Verlag Kiepenheuer und Witsch) gelesen hat, wundert sich kaum über die Konstellation. „Alles wird anders“ war eine ehrliche Bestandsaufnahme auch eigener Verfehlungen auf dem Weg, ein nachhaltigerer Mensch in einer nachhaltigeren Gesellschaft werden zu wollen, von Selbstgerechtigkeit nicht immer, aber meistens doch recht weit entfernt. „Noch haben wir die Wahl“ lässt sich gedanklich als Fortsetzung begreifen. Neubauer und die jüngere Generation insgesamt schließlich müssen ausbaden, was ihnen unter anderem auch die Zögerlichkeit der Grünen und grünen Ideen nahe stehender Menschen eingebrockt haben: Ulrich gehört, keine Frage, dazu.
Gerichtsurteile sind natürlich noch keine Politik
Seinen Ausgangs- und direkt Kulminationspunkt hat die Unterhaltung, der man manchmal anmerkt, dass sie nachträglich inhaltlich ein wenig dynamisiert worden ist (so druckreif denkt kein Mensch), durch das Bundesverfassungsgerichtsurteil vom April, das die Klimafrage in den Rahmen der Generationengerechtigkeit eingebettet hat: Die Rechte junger Menschen in der Zukunft müssen heute schon geschützt werden. Aber Urteile sind, wie die beiden Diskutanten zurecht feststellen, noch keine Politik.
Während Ulrich anfangs kritisiert, dass Aktivisten wie Neubauer „innerpolitische Sachzwänge“ negierten, muss er sich und seinesgleichen (also den Medien) vorwerfen lassen, die Klimadiskussion zu sehr zu personalisieren und Sachthemen zu vernachlässigen. Ulrich erinnert derweil an das Urtrauma der Grünen, die 1990, als die gesamtdeutsche Frage anstand, einen reinen Ökowahlkampf veranstalteten. Prompt flogen sie aus dem Bundestag.
Auswirkungen der damaligen Zeit merke man bis heute, sagt Ulrich. Wie oft in diesem Gespräch findet Neubauer eine gleichermaßen lakonische wie entwaffnende Antwort: „Wie viele Jahrzehnte braucht ihr denn so im Durchschnitt, um eure Traumata zu überwinden?“ Sich in „trügerischer Sicherheit“ gewähnt zu haben, weil sie sich politisch auf der „richtigen“ Seite befand, räumt indes auch Neubauer ein, die erst nach der Flüchtlingskrise 2015 eine Art Erweckungserlebnis hatte.
Erfreulicherweise werden Fehler zugegeben
Dass man die Klimakrise des 21. Jahrhunderts nicht mehr mit den diplomatischen Methoden des 20. Jahrhunderts lösen könne, darüber besteht in diesem Gespräch rasch Einigkeit. Leise Differenzen ergeben sich bei der Einzelbetrachtung der Parteien und der Einschätzung ihrer jeweiligen Wandelbarkeit angesichts unstrittig dramatischer Herausforderungen.
Mehr als an abstrakten Fragen (Wissenschaftsgläubigkeit, ökologische Moral etc.) ist das Buch interessiert an der persönlichen Haltung der Diskutanten, die sich erfreulicherweise nicht heiliger und fehlerloser geben, als sie sind. Indirekt fühlt man sich meistens am Gespräch beteiligt. Entsprechend sind eigene Antworten und Weiterüberlegungen gefragt.
Jahresbücher haben eine gewisse Sogwirkung. Über den geschilderten Zeitraum hinaus erkennt man womöglich die mitunter epochenprägende Bedeutung von zwölf Monaten.
Beim Schweizer Historiker Philipp Sarasin steht das Jahr 1977 im Mittelpunkt einer „kurzen Geschichte der Gegenwart“, die man gewissermaßen als Folie zu Neubauer/Ulrich lesen kann. 1980 wurden die Grünen gegründet, fast unmittelbar nachdem der Deutsche Herbst zu Ende gegangen beziehungsweise der Personal Computer erfunden war. Fünfmal nimmt Sarasin in seinem Buch einen Anlauf, Geschichte lebendig werden zu lassen. Fünfmal resümiert er Biografien, die 1977 zu Ende gehen – darunter die des Philosophen Ernst Bloch, die des Politikers Ludwig Erhard und die der Schriftstellerin Anais Nin.
Begleitet von der Erfindung des Punk
Fünfmal beginnt, flankiert von der Erfindung des Punk wie der Entdeckung der Individualität, jenes „Zeitalter der Singularitäten“, auf das der Soziologe Andreas Reckwitz im gleichnamigen Buch zurückgekommen ist.
Das Ende des Glaubens an die „Machbarkeit von Geschichte“ (Sarasin) und der nahezu unbemerkte Anfang einer neoliberalen Phase haben ihren Preis – mit dessen Folgen wir gesellschaftlich heute schwer zu kämpfen haben: Das Freiheitsversprechen der Moderne, konstatiert Sarasin, werde nach 1977 zwar teilweise eingelöst, die „Räume des Gemeinsamen“ würden gleichzeitig aber auch geschleift, „multiple Welten bei rapide blasser werdenden Gemeinsamkeiten“ entstünden. Die Klimakrise, konzediert Sarasin, mache es jetzt vielleicht möglich, „die Einsicht in die Notwendigkeit gemeinsamen Handelns“ wieder zu fördern.
Infos
Luisa Neubauer und Bernd Ulrich: Noch haben wir die Wahl.
Ein Gespräch über Freiheit, Ökologie und den Konflikt der Generationen. Tropen/Klett-Cotta. 240 Seiten, 18 Euro.
Philipp Sarasin: 1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart.
Suhrkamp Verlag. 502 Seiten, 32 Euro.