Neue politische Bücher Was ist hier schon gerecht?
Ein Klassiker der liberalen politischen Philosophie von John Rawls und Bücher zur Welt nach der Pandemieund zur demokratieschädigenden Leistungsgesellschaft sind erschienen.
Ein Klassiker der liberalen politischen Philosophie von John Rawls und Bücher zur Welt nach der Pandemieund zur demokratieschädigenden Leistungsgesellschaft sind erschienen.
Stuttgart - Zu Beginn dieser Woche, am 21. Februar, wäre der Philosoph John Rawls hundert Jahre alt geworden, gestorben ist er 2002. Als Sohn eines Rechtsanwalts in Baltimore geboren, studierte er in Princeton, war Infanterist im Pazifikkrieg, erhielt unter anderem ein Stipendium in Oxford und wurde 1962 zum Professor in Harvard berufen, wo er 30 Jahre lang lehrte. An seinem Hauptwerk, „Eine Theorie der Gerechtigkeit“, die er später noch einmal um eine politische Philosophie ergänzte, führt auch heute noch kaum ein Weg vorbei in philosophischen oder politikwissenschaftlichen Zirkeln. Erschienen ist das Buch 1971, vor nunmehr 50 Jahren.
Der Reclam-Verlag macht sich diese historische Konstellation zweier Gedenktage produktiv zunutze und verweist mit einer von Corinna Mieth und Jacob Rosenthal in sehr schönes, flüssiges Deutsch gebrachten Erstübersetzung auf jenen Aufsatz von 1958 (Rawls schrieb am Anfang seiner Karriere am liebsten Essays), der seiner umfänglichen „Theorie der Gerechtigkeit“ zugrunde liegt und geistig vorangeht. „Justice as Fairness“ („Gerechtigkeit als Fairness“) heißt dieser Urtext, der bei Reclam zweisprachig erscheint. Es geht darin um die Gerechtigkeit gesellschaftlicher und politisch-sozialer Ordnungen beziehungsweise um Teilhabe. Rawls versucht auf der Grundlage eines fiktiven Urzustandes zu denken: Wie, fragt er, würden wir Gerechtigkeitsfragen einschätzen, wenn wir noch nicht wüssten, wer wir später einmal sein werden? Dabei kümmert ihn weniger, ob die Handlungen eines Einzelnen im Sinne einer Tugendlehre als gerecht einzustufen sind, sondern Gerechtigkeit im Wechselspiel zwischen Individuum, Familie, Verbandsorganisationen oder politischen Institutionen. Ein Gedankenspiel also.
Obwohl dies ein Aufsatz ist, der prinzipielle Erwägungen anstellt, wird Rawls manchmal verblüffend konkret, wenn er feststellt, dass die Wettbewerbsgesellschaft eben eines nicht ermögliche: fairen Wettbewerb. Wer persönlich was geworden sei im Ranking, verdanke seine Stellung, laut Rawls (als Sohn reicher Leute wusste er das), zumeist einer „Lotterie der Natur und Gesellschaft“, wie das analytische Nachwort zu diesem Band feststellt. Damit aber wollte sich Rawls gedanklich nicht abfinden: In einer Welt, die seiner Idealtheorie folgte, stellten Interessenvertreter, also Parteien, stattdessen immer wieder die Frage, ob die vom Staat weitgehend paternalistisch vorgegebenen Praktiken tatsächlich fair sind – vor allem, wenn der gesellschaftliche Gesamtnutzen hauptsächlich auf Kosten Nichtpriviligierter geht.
Den Vorwurf, es handle sich bei diesen idealistischen Prinzipien um realitätsferne Überlegungen, die im Rahmen einer politischen Philosophie keine praktischen Lösungsvorschläge anböten, lässt sich – und heute zumal – schwer entkräften. Jüngere Forscherinnen wie zum Beispiel Katrina Forrester, die derzeit in Harvard lehrt, kritisieren nicht von ungefähr, dass der Geist der Gerechtigkeit, den Rawls akademisch auf die Reise schickte, mittlerweile als „Untoter“ durch die Arkaden läuft, während in der Wirklichkeit, draußen, manifeste Gerechtigkeitsprobleme verdrängt werden. Andererseits grundiert der Aufsatz, der in Rawls’ Hauptwerk aufgeht, bis heute viele Debatten nicht zufällig. Warum? Auf subtile Art und Weise sorgt er, in dieser schlackenlosen Frühfassung erst recht, dafür, dass Leserinnen und Leser ihr Gerechtigkeitsempfinden überprüfen und, wenn es gut geht, dieses neu justieren.
Wo John Rawls, vorwiegend seinem Wolkenkuckucksheim verhaftet, die Freiheit des Individuums als Abstraktion feierte, opponierte Michel J. Sandel, der ebenfalls in Oxford studierte, ehe er 1980 in Harvard als Lehrender begann: eine Art Wachablösung. Anfang der neunziger Jahre wurde Sandel explizit: Er kritisierte Rawls’ Hauptwerk und die Vorstellung, dass man von einem „ungebundenen Selbst“ ausgehen könne. Sandel hingegen war und ist davon überzeugt, dass der Mensch nur in Zusammenhängen denkbar ist, die sich praktisch am Gemeinwohl orientieren.
Dass es darum, vornehmlich in den USA, nicht gut bestellt ist, daran lässt der sehr deutliche deutsche Titel „Vom Ende des Gemeinwohls“ (im Original: „What’s become of the Common Good?“) keinen Zweifel. Tatsächlich ist Michael J. Sandel nicht grundpessimistisch, kritisiert jedoch vehement und detailliert jene Eliten (auch und gerade in Harvard), die soziale Verhältnisse etabliert hätten, in deren Rahmen einfache, ehrliche Arbeit substanziell wenig geachtet wird. Kurzum: Sandel opponiert gegen die „Tyrannei der Leistung“, deren Idealisierung unter Ronald Reagan eingesetzt und sich noch bei Brack Obama niedergeschlagen habe: „You can make it, if you try!“ war einer von dessen Redebausteinen, die am häufigsten benutzt wurden. Sandel ist Kommunitarist – also das, was Trump, den er nebenbei analytisch demontiert, nicht gewesen ist: Er steht für den (skeptischen) Glauben an eine kapitalistische Gesellschaft, in der gleichwohl nicht nur das Leistungsprinzip gelten soll. Ob dieser Wunsch mit den Prämissen ebendieser kapitalistischen Gesellschaft vereinbar ist, bleibt dahingestellt, wie Sandel überhaupt in einigen Widersprüchen gefangen bleibt. Zumindest aber bricht er seine eigene Filterblase entschlossen auf. Das ist nicht wenig.
In der Reihe X-Texte bietet der Bielefelder Transcript-Verlag eine Denkplattform „für und wider die Zeit“. Mutig haben sich die Herausgeber Bernd Kortmann und Günther G. Schulze dieses Motto beim Ende letzten Jahres erschienenen Buch „Jenseits von Corona“ zu eigen gemacht. Ein Corona-Buch? Was könnte schneller inhaltlich überholter sein als das? Erfreulicherweise haben sich die meisten Aufsätze sehr gut gehalten und inhaltlich fast nichts eingebüßt in den letzten Wochen.
Das beginnt mit der Frage des Leipzigers Psychoanalytikers Kai von Klitzing nach der „Kindheit in Zeiten von Corona“. Von Klitzing erörtert Probleme, die uns gesamtgesellschaftlich noch Jahrzehnte beschäftigen werden, nämlich zum einen, wer die Kinder im Diskurs derzeit eigentlich vertritt, und zum anderen, wer ihnen demnächst antwortet, wenn sie die Schuldenlast (und etliches mehr an Problemen) zu schultern haben.
Abgesehen von einigen persönlich motivierten Texten, die tendenziell immer zuerst altern, wird in „Jenseits von Corona“ der Buchtitel sehr ernst genommen. Dass es künftig, international gesehen, auf einen geopolitischen Systemwettbewerb zwischen den USA, der EU und China hinauslaufen werde, erörtert der Bonner Philosoph Markus Gabriel im Zusammenhang mit einem Entwurf möglicher postcoronialer Ordnungen.
Schließlich bettet der Historiker Jürgen Osterhammel die Pandemie in einen globalen Krisenkontext ein und spricht, was seine Generation betrifft, nach der Dekolonisation, dem Zusammenbruch der Sowjetblocks, dem Aufstieg des Internets und dem Wiedererstarken Chinas vom „fünften Makroprozess globaler Reichweite und welthistorischer Bedeutung“. Insgesamt 30, vorwiegend sehr differenzierte Aufsätze stehen zur Auswahl.