Neue Praxis am Rotebühlplatz Run auf „Rex“-Filiale: So tickt Stuttgarts Tierarzt für Millennials

Szene aus der neuen Tierarztpraxis Rex in Stuttgart: Ärztin Alina Härle untersucht Mopshündin „Kiwi“. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Beruhigende Düfte, Leckerli-Stationen, App-Termine: Am Rotebühlplatz will ein Start-up den Tierarztbesuch neu erfinden – stressfrei für Tiere und Halter. Ein Praxis-Besuch.

Digital Desk: Jonas Schöll (jo)

Der erste Eindruck erinnert eher an ein Boutique-Hotel als an eine Tierarztpraxis. Es riecht nicht nach Hund, nichts wirkt steril. Stattdessen warme Holzwände, indirektes Licht, Grünpflanzen, ein aufgeräumter Empfang. Durch die breite Glasfront spiegelt sich der Stadttrubel am Rotebühlplatz – draußen Fahrräder, Lieferverkehr, Passanten; drinnen gedämpfte Stimmen und wartende Vierbeiner.

 

Eine Wellness-Oase für Tiere mitten in Stuttgart? Nicht ganz. In der Sophienstraße 41, nur wenige Meter von S-Bahn und U-Bahn entfernt, hat das Berliner Tierarzt-Start-up Rex vor Kurzem seine elfte Filiale in Deutschland eröffnet.

Hinter dem Design steckt ein neues Konzept – die Tierarztpraxis 2.0. Oder wie Rex-Gründer Jonathan Loesing es ausdrückt: „Der Arztbesuch muss so unkompliziert sein wie ein Friseurtermin.“ Die Praxis möchte vor allem ein junges, urbanes Publikum ansprechen.

Die Online-Akte für den Mops

Mitten in Stuttgart: Die neu eröffnete Rex-Tierarztpraxis am Rotebühlplatz Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das Konzept trifft in Stuttgart offenbar einen Nerv: „Wir hatten vor dem Start über 700 Anfragen – mehr als in Hamburg oder Düsseldorf“, sagt Praxis-Managerin Anna Unglaube. Mehr als 16.000 Hunde sind heute in der Stadt gemeldet. Die Nachfrage sei groß, der Druck auf Praxen steige bundesweit. Rex verstehe sich daher nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung.

Praxismanagerin Anna Unglaube präsentiert das Katzen-Wartezimmer. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Was Rex anders mache: Termine werden per App gebucht, wo auch die komplette digitale Patientenakte liegt. Laborwerte, Voruntersuchungen, Rezepte sind abrufbar, an Impfungen werden Tierhalter per Pushnachricht erinnert. Auch Online-Sprechstunden sind möglich. Das junge Unternehmen will eine Branche digitalisieren, die lange analog arbeitete.

Helles Holz und warmes Licht: Die tierischen Patienten und ihre Halter sollen sich wohlfühlen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Schon am Empfang erinnert wenig an klassische Klinik-Atmosphäre. Leckerli-Stationen stehen bereit, Hunde- und Katzenbereiche sind strikt getrennt. Katzen warten hinter einer Glastür in ruhigerer Umgebung, in Steckdosen verströmen Duftstecker synthetische Pheromone, für Menschen nicht riechbar, für Samtpfoten beruhigend. Ziel ist es, Stress zu reduzieren – kein Bellen im Katzenraum, kein Fauchen im Flur.

Kiwi, acht Jahre, ein Auge – und voller Lebensfreude

Im Behandlungszimmer steht Mops-Hündin Kiwi auf dem Tisch. Schwarzes Fell, weiße Härchen im Gesicht, nur ein Auge. Sie wurde 2021 von einem anderen Hund gebissen, das verletzte Auge musste entfernt werden. „Sie kommt gut zurecht“, sagt Tierärztin Alina Härle, 27, während sie mit dem Stethoskop abhört, Puls fühlt, Temperatur misst.

Tierisch tapfer: Mopshündin Kiwi hat eine Spritze bekommen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Kiwi wiegt 7,7 Kilo – Idealgewicht ist bei Plattnasen wichtig. „Sie haben ohnehin Atemprobleme, da darf kein Gramm zu viel drauf“, erklärt Unglaube. Medizinerin Härle bereitet die Tollwutimpfung vor, eine tiermedizinische Fachangestellte hält Kiwi locker. Die Spritze sitzt, Kiwi zuckt kaum – und verteilt Sekunden später wieder Küsschen.

Alina Härle ist eine der Tierärztinnen in der Stuttgarter Rex-Filiale. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Besitzer Marcel Haas ist bewusst hierhergekommen. „Mit der U-Bahn bin ich schnell da. Den Termin habe ich per App gebucht.“ Ihm ist wichtig, dass Kiwi „in guten Händen ist.“

Murmel spuckt – und knurrt ihre Meinung

Ein Zimmer weiter liegt Katze Murmel auf dem Tisch. Auch sie hat nur noch ein Auge. In den vergangenen Tagen musste die Samtpfote immer wieder spucken. Besitzer Simon Lietz, 30, steht daneben, streicht ihr beruhigend über den Kopf.

Härle tastet den Bauch ab, hört Herz und Lunge ab, kontrolliert den Puls. Murmel lässt alles über sich ergehen, knurrt leise. „Sie sagt ihre Meinung“, sagt Lietz und lächelt. Murmel bekommt ein großes Leckerli, muss zur Kontrolle am nächsten Tag noch einmal kommen.

Szene aus dem Behandlungsraum: Tierärztin Alina Härle untersucht Katze Murmel. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Tierärztin Härle hat ihr Studium 2024 abgeschlossen, war zunächst in einer Klinik. Bei Rex schätze sie als Angestellte geregeltere Zeiten. „Ich kann mich auf das konzentrieren, was ich liebe: die Arbeit mit den Tieren.“

Hasen im Hundewagen

Die Eingangstür geht auf, herein rollt ein Kinderwagen – genauer: ein zum Hasenwagen umfunktionierter Hundebuggy. Darin sitzen die zwei Kaninchen Missi und Cookie. Yaneli Salcedo aus Stuttgart-Nord schiebt sie herein. „Das sind meine Babys“, sagt sie lachend.

Eigentlich habe sie die Kaninchen für ihre Töchter gekauft. „Jetzt kümmere ich mich – aber ich liebe es.“ Es ist nur ein Kontrolltermin mit Impfung und Wiegen. „Ich habe überall angerufen, sogar in Ludwigsburg. Kein Termin, weil es kein Notfall war.“ Hier habe sie schnell einen bekommen.

Kerngesund: die zwei Kaninchen Missi und Cookie beim Kontrolltermin Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Zwar spezialisiert sich Rex auf Hunde und Katzen, doch „einen Hasen weisen wir nicht ab“, sagt Praxismanagerin Unglaube. Vögel oder Reptilien werden nicht behandelt – neulich kam dennoch jemand mit einer sterbenden Meise vorbei. „Wir haben sie eingeschläfert“, sagt Härle leise.

Was sich hinter der Tür „Nur für Personal“ abspielt

Hinter einer Tür beginnt der klinische Bereich: Steri, Röntgenraum, OP, Inhouse-Labor. In einer beheizbaren Box liegt Kater Carlo. Er trägt eine Halskrause, ein Infusiomat regelt die Tropfgeschwindigkeit.

Kater Carlo hat Probleme mit der Blase. Jetzt wird der Samtpfote geholfen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Carlo konnte nicht mehr urinieren. „Er hat Struvitsteine“, erklärt Härle. Ein Katheter wurde gelegt, die Blase gespült. Nun soll eine spezielle Diät helfen. „Wenn er morgen nicht selbst pinkeln kann, müssen wir operieren.“

Blick in einen der Behandlungsräume der Stuttgarter Rex-Praxis. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Solche Fälle gehören zum Alltag. Und dann sind da die kuriosen Momente. „Ein Hund hat eine Handvoll Cannabis gefressen“, erzählt Praxis-Managerin Unglaube. 24 Stunden später kam er apathisch in die Praxis. Mit Infusionen und Medikamenten wurde die Substanz ausgespült. „Es ging gut aus“, lächelt Tierärztin Härle.

Mopshündin Kiwi springt vom Tisch, Katze Murmel verschwindet im Korb, die Hasen rollen Richtung Ausgang. Die große Glastür geht wieder auf. Der nächste Patient wartet schon.

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