Neue Regeln für Freibad und Schule Beim Nichtraucherschutz geht es nicht um ein Verbot, sondern um Rücksicht
Wer beim Thema Nichtraucherschutz auf die Grünen schimpft, hat nichts kapiert, kommentiert unser Reporter Eddie Langner.
Wer beim Thema Nichtraucherschutz auf die Grünen schimpft, hat nichts kapiert, kommentiert unser Reporter Eddie Langner.
Der Marlboro-Mann sieht in seiner Badehose gar nicht mal so cool aus – das denkt vermutlich die genervt dreinschauende Mutter, die am Kinderplanschbecken steht und dabei sehen und riechen kann, wie eine Wolke von Zigarettenrauch ihr badendes Kind umhüllt.
Solche Szenen sollen künftig der Vergangenheit angehören. Grund dafür ist das novellierte Landesnichtraucherschutzgesetz, das am Montag in Kraft tritt. Das Gesetz dehnt den Nichtraucherschutz auf Außenbereiche wie Bushaltestellen, Kinderspielplätze und eben auch Freibäder aus. In öffentlich zugänglichen Innenräumen wie etwa in Schulen gelten ebenfalls verschärfte Regeln. Das Verbot betrifft nicht nur Zigaretten und Cannabis, sondern auch elektronische Zigaretten, Tabakerhitzer und andere Dampfgeräte.
Wie das Statistische Bundesamt zum Weltnichtrauchertag an diesem Sonntag mitteilt, raucht in Deutschland fast jeder fünfte Mensch ab einem Alter von 15 Jahren. Besonders bedenklich ist der, wenn auch nur leichte, Anstieg bei 15- bis 24-Jährigen. Die Hersteller helfen hier kräftig nach. Sie verkaufen Vapes mit Fruchtaroma oder mit Nikotin angereicherte Zahnstocher und Mundbeutel, um damit ganz gezielt junge Menschen anzufixen. Diese miese Masche hat ja schon bei Alkopops bestens funktioniert.
In den sozialen Medien wird das Rauchverbot so aufgeregt diskutiert, dass man denken könnte, jemand hätte einen Haufen nervöser Kettenraucher in ein Zimmer gesperrt und ihnen die Kippen weggenommen. Schuld sind, man ahnt es, natürlich wieder die Grünen und alle, die sie gewählt haben.
Zwischen Raucherhusten und Schnappatmung geht allerdings der eine oder andere Punkt ein bisschen unter. Zum Beispiel hat die CDU als Koalitionspartner die neue Regelung mitbeschlossen. Außerdem hat hier erstmals ein Bürgerforum aktiv an der Gesetzgebung mitgewirkt. Offenbar fand dabei eine Mehrheit, dass man die Nichtraucher im Land noch besser schützen müsste.
Unterschlagen wird in der tabakerhitzten Debatte zudem gerne, dass in eigens ausgewiesenen Raucherzonen weiter gequalmt werden darf. Eine solche Zone gibt es zum Beispiel auch im Sindelfinger Freibad. Allerdings bräuchte es dort eine bessere Ausschilderung und vielleicht auch noch mehr solcher Zonen. Dann stünden Eltern nicht vor der misslichen Wahl zwischen dem Stillen ihrer Nikotinsucht und dem beruhigenden Gefühl, dass ihre Kinder keine unbeabsichtigten und unbeaufsichtigten Tauchrekorde im Nichtschwimmerbecken aufstellen.
Überhaupt muss man ganz klar feststellen: Wer beim Thema Nichtraucherschutz auf die Grünen, die Regierung oder „die da oben“ schimpft, der hat etwas ganz Entscheidendes nicht kapiert. Es geht hier nämlich nicht um ein Verbot, sondern vor allem um Rücksicht auf andere Menschen. Es geht um Empathie. Aber diese Fähigkeit scheint uns immer mehr abhanden zu kommen.
Was stimmt nicht mit unserer Gesellschaft, dass so viele sich nicht mehr in andere einfühlen können oder wollen? Sei es die stillende Mutter, die wegen ein paar Rauchern neben ihr den Schattenplatz im Freibad aufgeben muss, sei es die Seniorin in der S-Bahn, die sich vom Handylärm ihres ignoranten Gegenübers gestört fühlt – solche Momente erleben wir fast tagtäglich und nehmen sie schulterzuckend zur Kenntnis.
Aber wo kommen wir denn hin, wenn wir uns alle zu empathielosen Egoisten entwickeln? Zur Antwort genügt ein Blick auf die Weltpolitik. Die können wir vielleicht nicht ändern. Aber wir können die Zeichen der Zeit erkennen und bei uns selbst anfangen. Wenn Raucher sich das Qualmen abgewöhnen können, sollten wir es doch auch schaffen, uns die Rücksichtslosigkeit abzugewöhnen. Wir müssen es nur wollen.