Worum geht es am SBBZ Sprache? Um Kinder der ersten bis sechsten Klasse mit diagnostizierten Sprachentwicklungsstörungen, die möglichst nach zwei oder auch mehr Jahren in die Regelschulen wechseln. Worum geht es Ulrike Achenbach? Um pädagogische Leidenschaft im Einklang mit wissenschaftlicher Kompetenz.
Erst mal Sport und künstlerischer Tanz
Sonderpädagogin wollte die heute 57-jährige gebürtige Stuttgarterin schon immer werden. Weil das damals nur mit einem Aufbaustudium möglich war, studierte sie in Köln und schrieb sich zudem für Sportwissenschaft ein. Künstlerischer Ausdruckstanz wurde ihr Schwerpunkt. Die künstlerische Neigung blieb ihr auch während des Sonderpädagogikstudiums erhalten, und sie brachte sie mit an die Rohräckerschule, wo sie 2002 ihre erste Stelle als Lehrerin antrat.
Bewegung und das künstlerische Element sind für sie ein Schlüssel auch zur Sprache, folglich ein Mittel gegen Sprachstörungen und -verzögerungen. „Unter der sprachlichen Ebene – etwa Grammatik, Wortschatz, Aussprache – liegt die sprachtragende Ebene. Sie besteht vor allem aus Bewegung, Wahrnehmung und Emotion“, erklärt sie. Das heißt: Was die Sprache trägt, kann nicht daherdoziert, sondern muss erfahren werden. Kinder mit Sprachverzögerung haben es nicht – oder nicht genug – erfahren. Zum Beispiel, weil sie zu wenig gespielt haben. „Aus Studien wissen wir“, sagt Achenbach, „dass das Spiel, bestehend aus symbolischen Handlungen, nicht nur die Sprache, sondern auch die Schriftsprache fördert.“
Singen, Spielen, Sehen
Aus der Theorie will sie an der Rohräckerschule Praxis machen. Die sprachliche Ausdrucksfähigkeit soll „auch auf künstlerische Weise“ gefördert werden. Bereits jetzt ist das gemeinsame Singen eine Institution. Darüber hinaus stellt sich Achenbach interaktive Rollenspiele, Theater- und Tanzprojekte in Kooperation mit Kultureinrichtungen vor. Als Ergänzung und Weiterung der Standards des sprachfördernden Unterrichts: Die Lehrerinnen sprechen akzentuiert, durch Gestik verdeutlicht. Visuelle Lernmittel kommen zum Einsatz, weil „das auditive Kurzzeitgedächtnis bei sprachentwicklungsgestörten Kindern oft eingeschränkt ist“. Eine leichte Sprache, die etwa auf Passivkonstruktionen verzichtet, und ein reduzierter, dafür dank Wiederholung sicher im Gedächtnis verankerter Wortschatz sind weitere Hilfen auf dem Weg zur Sprache „als Mittel der Kommunikation und Selbstregulierung“, wie Achenbach sagt. Kurz: als Voraussetzung von Teilhabe – kulturell, politisch, gesellschaftlich.
„Kindern Frustrationserfahrungen ersparen“
Sie appelliert an die Eltern, sprachauffällige Kinder „rechtzeitig bei uns in der Beratungsstelle vorzustellen und bei entsprechender Diagnose offen für eine Einschulung bei uns zu sein, um den Kindern Frustrationserfahrungen zu ersparen“. Die Entwicklung eines „Störungsbewusstseins“ blockiere bei den Kindern die weitere Entwicklung. Förderlich hingegen sei das Wohlfühlen in der Gemeinschaft, die Begegnung mit einer Vielfalt anderer, ganz unterschiedlicher Kinder, die Überwindung des Gefühls von Fremdheit. Dafür biete das große Rohräcker-Zentrum gute Möglichkeiten, findet Achenbach, sieht freilich auch den Nachteil langer Schulwege.
Vor dem beabsichtigten Wechsel in die Regelschule werde Inklusion bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen bisher nur selten praktiziert, da es sich oftmals um eine „gravierende Beeinträchtigung“ handle. Gleichwohl hat das SBBZ mit diesem Schuljahr ein Inklusionsprojekt an der Eichendorffschule auf dem Zollberg gestartet.
Den Versuch soll es wert sein, generell glaubt Achenbach nicht, dass Inklusion das SBBZ komplett ersetzen kann: „Für manche Kinder ist Inklusion wunderbar. Andere brauchen eine intensivere Unterstützung und damit das SBBZ, wo sie sich letztlich wohler fühlen.“
„Wohlfühlen ist neurowissenschaftlich exakt definiert“
Versteht sich, dass Achenbach unter dem Wort „Wohlfühlen“ nicht nur die gefühlige Seite verstanden wissen will, sondern zugleich die wissenschaftliche: „Das heißt nicht nur ,Wir ham’n uns alle lieb’, sondern ist ein neurowissenschaftlich exakt definierter Zustand.“ Und der befördert das Lernen wie das Lehren. „Auch die Kolleginnen sollen sich wohlfühlen. Durch jahrelanges Krisenmanagement sind wir zusammengewachsen.“ Durch Gestaltungsspielraum, Mitverantwortung, Anerkennung von Expertise wächst das Kollegium über sich hinaus, hofft Ulrike Achenbach.
Zentrum der Sprachförderung
Schüler
Das SBBZ Sprache hat einen doppelten Bildungsplan: den der regulären Grundschule und den des Förderschwerpunkts Sprache. Das bedeutet, dass Schülerinnen und Schüler aufgenommen werden, die eine diagnostizierte Sprachstörung haben, ansonsten aber in der Lage wären, eine Grundschule zu absolvieren. Laut der Rektorin Ulrike Achenbach handelt es sich um weit mehr Jungen als Mädchen. Durch Wechsel in reguläre Grundschulen nimmt die Schülerzahl am SBBZ mit jeder der insgesamt sechs Klassenstufen ab. Maximal zwölf Schüler sind in einer Klasse, insgesamt werden rund 200 Kinder von 40 Lehrerinnen und einem Referendar unterrichtet.
Aufgaben
Neben dem Unterrichtsbetrieb ist das SBBZ Sprache unter anderem zuständig für die Beratung von Schulen und von Eltern mit sprachauffälligen Kindern. Außerdem betreibt das SBBZ einen Kindergarten für sprachbehinderte Kinder.