Neue Rettungswache in Stuttgart Nach Ende des Rechtsstreits – Bauprojekt in Bad Cannstatt beginnt

Auf einem Parkplatz am Krankenhaus in Bad Cannstatt soll die neue Rettungswache entstehen. Foto: Jürgen Bock

Seit mehr als fünf Jahren wartet Stuttgarts größter Stadtbezirk auf die dringend benötigte neue Rettungswache. Nach einem Rechtsstreit zwischen DRK und Land geht es jetzt los. Doch die Finanzen bleiben ein Thema.

Kriminalität, Sicherheit und Justiz: Jürgen Bock (jbo)

Bäume sind gefällt, Äste und Stämme stapeln sich auf den Grünstreifen. Der Boden wird aufgerissen. Mehrere Bagger sind zugange auf einer Fläche an der Martha-Schmidtmann-Straße in Bad Cannstatt. Bisher diente sie dem Krankenhaus des städtischen Klinikums als Parkplatz. Das allerdings ist jetzt vorbei – für ein Großprojekt mit komplizierter Vorgeschichte.

 

„Die Bagger sind endlich aufgefahren“, sagt Ralph Schuster. Die Erleichterung schwingt beim Rettungsdienstleiter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Stuttgart hörbar mit. Denn in der Tat kündigt sich seit einigen Tagen an, worauf man in Bad Cannstatt und entlang des Neckars seit Jahren gewartet hat. Seit 2019 gibt es dort keine eigene Rettungswache mehr. Das riesige Gebiet wird seither von der Hauptrettungswache im Stöckach aus mitversorgt. Und von der Werkambulanz des Autobauers Mercedes, die außerhalb des Firmengeländes als Kooperationspartner unterwegs ist, um Lücken zu schließen.

Die alte Wache am Bellingweg ist seit 2019 Geschichte. Foto: Uli Nagel

Geplant war das so nicht. 2019 musste das DRK die alten Räume am Bellingweg verlassen. Bereits zuvor hätte Baubeginn der neuen Wache sein sollen, um einen einigermaßen nahtlosen Übergang zu gewährleisten. Doch daraus wurde nichts. Das DRK hatte beim Land eine Fördersumme von 1,89 Millionen Euro beantragt – gemäß den gültigen Richtlinien, die eine Beteiligung von 90 Prozent vorsehen. Doch die Meinungen darüber, was gefördert wird, in welcher Größe und für welchen Zweck, gingen weit auseinander. Das DRK wollte nicht große Teile der Rettungsinfrastruktur aus Spendenmitteln finanzieren müssen. Weil es denselben Streit auch bei anderen Rettungswachen in Baden-Württemberg gab, zog das DRK vor Gericht und verklagte das Land Baden-Württemberg – bis man sich einigen konnte.

Kosten bleiben Thema

Entstehen soll jetzt ein Funktionsbau mit einer Nutzfläche von rund 500 Quadratmetern und Platz für die Rettungsfahrzeuge, Umkleideräume, Büro und Aufenthalt sowie einer Lern- und Trainingsumgebung als praktischem Ausbildungsort für künftige Notfallsanitäter. Statt der ursprünglich vorgesehenen vier wird es nur noch drei Stellplätze geben. Einer davon wird nun gleichzeitig als Wasch- und Desinfektionsplatz ausgeführt. Das DRK hatte nach den Verzögerungen einen komplett neuen Bauantrag stellen müssen. Künftig sollen zwei Rettungswagen von Cannstatt aus fahren, einer rund um die Uhr, der andere tagsüber.

Allerdings bleiben die Kosten ein gewaltiges Thema. Im Laufe der jahrelangen Streitigkeiten und Verzögerungen sind sie kräftig gestiegen. Ursprünglich waren sie einmal mit 2,1 Millionen Euro veranschlagt gewesen. Vor einem Jahr hat schließlich das Stuttgarter Regierungspräsidium den jetzt gültigen Förderantrag bewilligt. Da ging man trotz leicht abgespeckter Pläne von 2,5 Millionen Euro aus, das Land übernimmt davon 2,22 Millionen. Dabei wird es bleiben. „Der Förderbescheid steht. Alle Mehrkosten muss das DRK tragen“, sagt Schuster. Derzeit geht man bereits von über drei Millionen Euro Baukosten aus – die Retter rechnen damit, mindestens 850 000 Euro selbst stemmen zu müssen. Darin enthalten sind auch Kosten, die nicht über die Landesförderung gedeckt sind, etwa für Fotovoltaik und Barrierefreiheit.

Das geht nicht einfach so. Deshalb denkt man daran, die Bevölkerung um Mithilfe zu bitten, etwa in Form eines Fundraisings für das Projekt. Man benötige Unterstützung, um im Stadtgebiet solche dezentralen Standorte zu haben und nach einem Anruf bei der 112 so schnell wie möglich am Einsatzort sein zu können, heißt es. Bei den Rettern ist man keineswegs glücklich darüber, dass solch hohe Spendensummen notwendig sind, um die staatliche Aufgabe des Rettungsdienstes erfüllen zu können. Die Situation findet sich so oder ähnlich aber bei diversen Bauprojekten von Rettungsorganisationen im Land.

In Bad Cannstatt wird in den nächsten Wochen nun erst einmal der bisherige Parkplatz abgetragen. Gut 45 Stellplätze werden in die Umgebung verlegt. Offizieller Spatenstich für den Neubau wird wohl im Januar sein. Es geht allerdings gleich schon kompliziert los: Der Baugrund besteht zum Teil aus Aufschüttungen aus Kriegszeiten und muss erst einmal mit viel Aufwand hergerichtet werden. Wann die neue Wache in Betrieb geht, steht grob fest: „Wir rechnen mit etwa eineinhalb Jahren Bauzeit“, sagt Schuster. Dann würden die ersten Retter Mitte 2026 wieder vom größten Stuttgarter Außenbezirk ausrücken. Nach sieben Jahren Pause.

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