Neue Schwimminitiative Stadt schafft 200 Plätze in Schwimmkursen

Von Jörg Nauke 

Verwaltung, Vereine und private Anbieter in Stuttgart tun sich zusammen, damit künftig mehr Kinder schwimmen lernen.

Schwimmende Kinder – in manchen Klassen eher Ausnahme als Regel Foto: dpa
Schwimmende Kinder – in manchen Klassen eher Ausnahme als Regel Foto: dpa

Stuttgart - Es gibt nicht viele Ranglisten, in denen Stuttgart so schlecht abschneidet wie beim Städtevergleich der Schwimmfähigkeit von Grundschülern. Die Stadt belegt den vorletzten Platz, doch eigentlich gehört ihr die rote Laterne, wurden doch nur die „Seepferdchen“-Abnahmen jener 59 von 72 staatlichen Grundschulen berücksichtigt, die 2013/2014 überhaupt Schwimmunterricht angeboten hatten. Die übrigen hatten entweder keine geeigneten Lehrer oder kein freies Bad.

Alle Kinder sollen sich in der Kitazeit ans Wasser gewöhnen

Das werde sich ändern, hieß es bei dem von der Stadtverwaltung einberufenen „Gipfel“, mit dem die Initiative „Schwimmfit – sicher schwimmen in Stuttgart“ auf den Weg gebracht wurde. Die Vertreter der Stuttgarter Schwimmvereine sowie private Kursanbieter wurden auf das Projekt mit dreistufigem Ansatz eingeschworen. Ziel ist, alle Kinder bis zum Ende der Kitazeit an Wasser gewöhnt zu haben – notfalls mit dem Gartenschlauch oder gemeinsamem Duschen in der Sporthalle. Bis zum Ende der zweiten Klasse sollen alle Kinder die Seepferdchenprüfung ablegen und am Ende der vierten Klasse so sicher schwimmen, dass sie das Bronze-Abzeichen erhalten.

Bäderstadt darf nicht Hauptstadt der Nichtschwimmer sein

Davon ist man noch einige Schwimmzüge entfernt. Der neue Sportbürgermeister Martin Schairer (CDU) hatte deshalb kurz nach seiner Amtseinführung im Sommer angekündigt, die Bäderstadt dürfe nicht die Hauptstadt der Nichtschwimmer werden. Der für die Bäder zuständige Technikbeigeordnete Dirk Thürnau sitzt ebenso im Boot wie Schulbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP). Sie wuchs am Bodensee auf, wo Schwimmen so selbstverständlich ist wie Radfahren, weshalb sie einräumt, „den Bedarf in Stuttgart nicht gesehen zu haben“.

Eines von vier Kindern scheitert am „Seepferdchen“

Das für die Lehrpläne zuständige Kultusministerium setzt zwar zu Beginn des Schwimmunterrichts in der zweiten Klasse voraus, dass alle Kinder bereits über Fertigkeiten verfügen, doch das ist immer seltener der Fall. Und auch am Ende der vierten Klasse, wenn das Springen ins Wasser und verschiedene Schwimmstile beherrscht werden sollen, sieht es nicht viel besser aus. Eines von vier Kindern schafft nicht einmal die „Seepferdchen“-Prüfung, für die man lediglich 25 Meter weit schwimmen können muss. Im Notfall bedeutet dies: Das rettende Ufer sollte nicht weiter als 12,5 Meter entfernt sein. Als Gründe für die abnehmende Schwimmfähigkeit nennt Andi Mündörfer, der im Sportamt die Initiative vorantreibt, einen „niedrigen Sozialstatus und einen geringen Bildungsgrad“. Der Nachwuchs hat zudem generell motorische Probleme. Außerdem ist schwimmen lernen „als Kulturleistung nicht bei allen Nationalitäten gleich ausgeprägt“. Sind Eltern aber willig, dann erfahren sie, dass ihre Kinder mitunter monatelang auf einen freien Platz im Schwimmkurs warten müssen.

Oft sind die Wege ins Schwimmbad zu weit

Es gibt viele Hemmnisse auf dem Weg zur „Seepferdchen“-Metropole. Die Stadt hat nicht ausreichend Wasserflächen für Schulsport und Schwimmkurse. Es mangelt an Erzieherinnen und Grundschullehrern, die überhaupt Schwimmunterricht erteilen können und über die vorgeschriebene „Rettungsfähigkeit“ verfügen. Oft sind die Wege zwischen Einrichtung und Bad viel zu weit.

Stadtverwaltung, Vereine, Verbände und private Anbieter sind aber willens, das Beste daraus zu machen. So wurden 155 freie Stunden in städtischen Bädern, Lehr- und Therapiebecken ermittelt. Für die Pilotphase werden die Lehrschwimmbäder der Berger und der Helene-Schöttle-Schule an zehn Samstagen von 10 bis 17 Uhr zur Verfügung gestellt. Bisher ruhte hier am Wochenende still der See. Insgesamt können deshalb 200 Plätze für Kurse zwischen April und Juni vergeben werden. Im nächsten Jahr soll das Konzept ausgeweitet werden, vorausgesetzt, der Gemeinderat stellt bei den Haushaltsberatungen im Herbst das Geld dafür bereit. Vorerst behilft man sich mit Geld aus dem „kitafit“-Programm. Interessierte Eltern können sich unter der Nummer 2 16-5 97 26 vormerken lassen, im April ist dann die Schwimmfit-Internetseite mit allen Kursangeboten abrufbar.

Projekt richtet sich auch an Erzieher und Lehrer

Das Projekt richtet sich auch an die vielen Erzieher und Grundschullehrer, die in ihrer Ausbildung nicht mit dem nassen Element in Kontakt kamen. Für sie werden Weiterbildungen angeboten, etwa beim Landesinstitut für Schulsport, wo in Zwei-Tages-Kursen das nötige Wissen vermittelt wird. Schwimmvereine und private Anbieter sollen Erzieher bei der Wassergewöhnung in den Kitas assistieren, aber auch Lehrern im Schulunterricht. „Rent-a-Schwimmtrainer“ ist auch deshalb wichtig, weil das Niveau in den einzelnen Schulklassen unterschiedlich ist. Ein Lehrer, der im Wasser Nichtschwimmer anleiten muss, kann aber nicht gleichzeitig eine wilde Horde guter Schwimmer beaufsichtigen.




Unsere Empfehlung für Sie