Neue Selbsthilfegruppe Borreliose Ein Zeckenbiss mit schwerwiegenden Folgen

Von Claudia Leihenseder 

Mathias B. hat einen langen Leidensweg hinter sich. Nun möchte er anderen Borreliose-Betroffenen helfen: Mit einer neuen Selbsthilfegruppe im Rems-Murr-Kreis.

Mathias B. gründet eine Selbsthilfe-Gruppe für Borreliose-Erkrankte. Foto:  
Mathias B. gründet eine Selbsthilfe-Gruppe für Borreliose-Erkrankte. Foto:  

Weinstadt - Wer an Borreliose denkt, denkt automatisch an Zecken. Vielleicht noch an FSME, eine weitere Krankheit, die durch die kleinen Spinnentiere übertragen werden kann. Einige lassen sich gegen die sogenannte Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) impfen. Doch dann ist das Thema meistens durch.

Für Mathias B. allerdings nicht. Denn seit 20 Jahren leidet der heute 41-Jährige aus dem Remstal an Borreliose und ihren Begleiterscheinungen. Gezeichnet, aber tapfer und wieder zurück im Leben sitzt er an einem sonnigen Vormittag in einem Bäckereicafé und erzählt von seinem Schicksal, das ihn sehr geprägt hat. „Die Krankheit hat mein Leben verändert“, sagt der große, hagere Mann und rührt in seinem Kaffee. Jahre des Leidens liegen hinter ihm, mit zig Arztbesuchen und der langen Suche nach Antworten – und einer passenden Therapie, die ihm helfen könnte.

Die Krankheit ist ein Minenfeld

Jetzt hat er wieder Kraft und möchte sein Wissen weitergeben. Deswegen hat Mathias B. sich mit einem weiteren Betroffenen, Andreas M., zusammengetan. Gemeinsam sind sie gerade dabei, die Selbsthilfegruppe Borreliose unteres Remstal zu gründen. Dafür suchen sie weitere Betroffene, die sich alle ein bis zwei Monate treffen wollen. Auch einen Raum haben die beiden Männer bereits in Aussicht: Wahrscheinlich kann sich die Selbsthilfegruppe in Weinstadt-Endersbach treffen.

Wer Mathias B. eine Weile zuhört, der ist erst einmal erstaunt: „Borreliose ist ein Minenfeld“, sagt der Mann. Es fallen Sätze wie: „Man kämpft nur noch ums Überleben.“ Oder auch: „Manche Erkrankte verschulden sich für die Therapien.“ Und: „Manche zerbrechen an den Selbstzweifeln und nehmen sich das Leben.“ Man hört einen Mann, der sich intensiv mit seiner Krankheit auseinander gesetzt hat. Und damit, wie diese Krankheit in der Gesellschaft und der Ärzteschaft angenommen und gesehen wird. Ihm ist wichtig: „Jeder, der eine Borreliose-Infektion hat, hat damit eine Verantwortung, die er an niemanden – auch keinen Arzt – abgeben kann.“

Eineinhalb Jahre Antibiotika

Sein eigener Weg zum symptomfreien Leben höre sich merkwürdig an, sagt Mathias B. Kränklich sei er bereits vor 20 Jahren gewesen, seine ersten Symptome 2007/08 waren Migräne. „Ich hatte schließlich immer mehr kognitive Symptome“, berichtet er. Ein Burnout kam hinzu. Sein Arbeitsalltag als gelernter Maler und Stuckateur war eingeschränkt, sodass er umsattelte und eine Ausbildung in Stetten als Arbeitserzieher anfing. „Ich war sehr häufig krank“, erinnert er sich. Eine ständige Müdigkeit lastete auf ihm, er fühlte sich grippig, hatte Schmerzen im ganzen Körper, sogar Lähmungserscheinungen. Durch die Ausbildung kämpfte er sich auf allen vieren. Als wieder einmal ein Schub kam, mit Schmerzen und kognitiven Ausfällen, war es für ihn kaum erträglich: „Man denkt, dass man stirbt“, sagt Mathias B. trocken.

Sein Arzt dachte ganz am Anfang zunächst an eine Grippe, später wurde Mathias B. zum Psychologen geschickt, weil man die Borrelien bei ihm nicht nachweisen konnte, wie er erzählt. Schließlich diagnostizierte 2015 ein spezialisierter Arzt eine sogenannte disseminierte Borreliose. Aber: „Borreliose ist ein Politikum“, sagt Mathias B. Es gebe sowohl wissenschaftliche Belege dafür als auch dagegen, dass es eine sogenannte abgekapselte Form der Borreliose gibt, bei der sich die Borrelien im Körper verstecken und deswegen nicht nachweisbar sind, erklärt der Erkrankte. Eineinhalb Jahre lang nahm er Antibiotika – und ruinierte damit seinen Magen.

Umstrittene Therapie

Was ihm schließlich geholfen habe, das kann Mathias B. selbst nicht ganz glauben. Er spricht schon fast von einem Wunder. Dabei sei er eigentlich ein nüchterner Mensch. Beinahe entschuldigend betont er: „Wissenschaftlich ist die Methode nicht bewiesen, aber es hat mir geholfen.“ Die Rede ist von Bioresonanztherapie. Dabei wird ein elektrischer Frequenzgenerator eingesetzt. „Das war meine letzte Hoffnung.“ Mathias B. hatte 2018 einen Hersteller ausfindig gemacht, ließ sich an drei Tagen 15 Minuten lang behandeln und war auf einmal beschwerdefrei. „Bioresonanz ist genauso umstritten wie Borreliose“, sagt er. Bei manchen würde die Methode helfen, bei anderen nicht. Für ihn war es der richtige Weg.

Jetzt hat er die Kraft, um sein Wissen und seine Erfahrungen mit anderen zu teilen. Der Grund für die Selbsthilfegruppe: „Wir wollen mit unseren Erfahrungen anderen Menschen helfen, das Überangebot an auch widersprüchlichen Informationen zu verstehen“, sagt Mathias B. Bei der Selbsthilfekontaktstelle des Rems-Murr-Kreises stieß er auf offene Ohren – und offene Türen. Bald soll es losgehen.

Kontakt: Wer Interesse an der Selbsthilfegruppe „Borreliose SHG unteres Remstal“ hat, kann sich per E-Mail unter borreliose-shg-unteres-remstal@web.de melden. Eingeladen sind Betroffene, Angehörige und Interessierte.