Neue Serie: „Höllgrund“ Landarzt- und Krimi-Satire im Schwarzwald

Fabian (August Wittgenstein) und Tanja (Lou Strenger) machen in „Höllgrund“ zusammen einiges durch. Foto: SWR/Studio Zentral/Maria Wiesler

Die explizit fürs Streaming produziert SWR-Serie „Höllgrund“ spielt mit dunklen Geheimnissen einer Dorfgemeinschaft, persifliert Landarzt-Klischees und stellt deutsche TV-Krimi-Standards auf den Kopf.

Schon die Titelsequenz lässt ahnen, dass diese Schwarzwald-Krimiserie keine gewöhnliche ist: Die Motive in urigem Holzschnitt-Design – Tannen, Kinder, Tiere – wirken schön gruslig. Weiter geht es mit absurd anmutenden Dialogen: In Plattitüden scheint der Vorabend durch, in emotionalen Selbsterklärungen Telenovelas, in Slapstick-Momenten auf Leben und Tod die Coen Brothers, deren Minnesota-Krimi „Fargo“ zu den Ikonen der Provinzsatire gehört.

 

Heiner Lauterbach spielt den strahlenden Landarzt kurz vorm Ruhestand, der bald zum Opfer wird und einiges auf dem Kerbholz hat. Genau wie sein Nachfolger Fabian (August Wittgenstein), mit dem eine Mordserie einzieht. Die Dörfler würden gern den Mantel des Schweigens über alles breiten, doch die junge Polizistin Tanja (Lou Strenger) ermittelt und rührt an ein dunkles Geheimnis.

Der Landarzt als perfekter Mörder

„Bei einem familiären Todesfall auf dem Land ist mir klar geworden, dass der Landarzt den Totenschein ausstellt und entscheidet, ob die Polizei ermittelt oder nicht“, sagt der Serienschöpfer Marc O. Seng. Er hat als Autor an der deutschen Netflix-Serie „Dark“ mitgeschrieben. „So ein Landarzt wäre der perfekte Mörder. In vielen Serien ist er ein strahlender Held, mit diesem Klischee wollte ich brechen.“ Nebelschwaden und gespenstische Erscheinungen durchbrechen den Vorabend-Look, Rock-Sound die Waldesstille markieren die Persiflage. Die Geschichte hätte auch im Ernst funktioniert: Seng setzt alle und alles zueinander in Beziehung: „So etwas zu schreiben ist, wie ein Uhrwerk zu basteln. Ich wollte, dass die Zuschauer auch emotional dabei sind und nicht wie bei klassischen TV-Krimis nur von außen draufschauen und das Rätsel lösen.“

Das Team hat während des Drehs vor Ort gelebt

Während des Drehs lebte das Team bei Todtnau im Schwarzwald. „Das macht was mit einem“, sagt die Hauptdarstellerin Lou Strenger. „Man träumt ganz wild, die Wege sind lang, der Spirit schlägt aufs Gemüt.“ Das war durchaus hilfreich: „Das Dorf ist eine klaustrophobische, in sich geschlossene Welt“, sagt Seng. „Niemand kommt außer dem neuen Landarzt, niemand geht. Es ist ein Ort außerhalb der Zeit, es gibt kaum Empfang, man hat als Zuschauer das Gefühl, mit eingeschlossen zu sein.“

Für Lou Strenger war es das erste größere Filmprojekt, und sie sprüht als Tanja vor widerborstiger Energie. „Mir war wichtig, dass das nicht klischeemäßig diese junge strahlende Heldin wird, die sich verliebt und trotzdem stark ist“, sagt sie. „Ich durfte ihr dann etwas mitgeben: Sie kann mit Kindern nichts anfangen, sie kann sich nicht richtig entschuldigen, und sie will nicht Aperol Spritz auf der Terrasse trinken.“ Zwei Vorbilder hatte Strenger vor Augen: „Kate Winslet in ,Mare of Easttown‘ und Frances McDormand in ,Fargo‘ – ich dachte: Wenn, dann so“, sagt sie. „Ich habe aber bewusst nur Auszüge geguckt, weil ich nichts kopieren möchte.“

Zwei Vorbilder: Kate Winslet und Frances McDormand

Der SWR sucht den Anschluss an die Generation Streaming

Der „Findungsprozess“ mit allen Beteiligten sei ihm wichtig, sagt Seng: „Die Figuren sind theoretisch, wenn ich sie schreibe, sie werden lebendig durch Schauspieler und Regie, und ich bin total dankbar für Anregungen. In meiner Generation sind die Machtkämpfe zum Glück seltener geworden, weil man nun selbstverständlicher offen und auf Augenhöhe gemeinsam an einem Strang zieht.“

Wie alle Öffentlich-Rechtlichen sucht der SWR den Anschluss an das junge Publikum, das nicht mehr linear fernsieht, sondern nur noch streamt. „Höllgrund“ ist die erste SWR-Produktion explizit für die ARD-Mediathek. Sie kam unter anderem zustande, weil Seng und die Redakteurin Katharina Duffner sich seit der ZDF-Serie „Lerchenberg“ kennen. „Katharina ist offen und Genre-affin, da muss ich gar nicht viel erklären“, sagt Seng. Die Arbeit unterscheide sich auch nicht mehr von der bei US-Streamern wie Netflix: „Ich habe dort tolle Erfahrungen gemacht, aber man kann mit ARD und ZDF genauso starke Sachen entwickeln, wenn die Chemie stimmt und Vertrauen da ist.“ Seng greift auch auf Erfahrungen zurück, die er um die Jahrtausendwende an der Ludwigsburger Filmakademie gemacht hat. „Das ist ein spezieller Ort, da gibt es nicht viel mehr als die Akademie und zwei Kneipen“, sagt er. „Also macht man Filme und hilft sich gegenseitig, auch Leute, die sonst vielleicht nicht zusammengefunden hätten. Das hat mich geprägt, da sind Freundschaften entstanden, die bis heute halten.“

Erfahrungen aus der Zeit an der Ludwigsburger Filmakademie

Lou Strenger ist in Asperg aufgewachsen und hatte als Kind ein Schlüsselerlebnis bei einer Ballettaufführung: „Auf der Bühne dachte ich: Das muss ich haben, immer wieder!“, sagt sie. „Später an der Schauspielschule ist meine Welt dann zusammengebrochen, denn ich habe gemerkt: Ganz vieles an diesem Beruf mag ich überhaupt nicht – ich stehe nicht gern im Mittelpunkt, ich werde auch nicht gern angeguckt. Aber ich habe gelernt: Wo die größten Ängste und Widerstände sind, ist auch am meisten zu holen.“ Im Theater hat sie schon die Polly in der „Dreigroschenoper“ gespielt und Shakespeares Julia. Wahrscheinlich wird man sie nun auch öfter in Film und Fernsehen sehen.

Aus einer schwäbischen Kleinstadt auf die große Bühne

„Höllgrund“ anschauen

Mediathek
 „Höllgrund“ erscheint am 16.9. um 9 Uhr in der ARD-Mediathek und ist 30 Tage lang abrufbar.

Lineare Ausstrahlung
 Im SWR-Fernsehen läuft die Serie in zwei Blöcken am 31.10. und am 1.11. jeweils ab 20.15 Uhr. 

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