Neue Sprechstunde in Ludwigsburg OB Matthias Knecht braucht keine Leibwächter

Zwanglos mit dem Oberbürgermeister ins Gespräch kommen: Die Bürger nutzen das neue Angebot rege. Teilweise stehen sie sogar Schlange dafür. Foto: factum/Simon Granville

Die Ludwigsburger dürfen dem OB in seiner formlosen Sprechstunde die Meinung sagen. Tatsächlich stehen die Bürger teilweise Schlange für ein Gespräch. Was sie sagen, überrascht sogar den Oberbürgermeister – und seinen Vater.

Region: Verena Mayer (ena)

Ludwigsburg - Nach zwei Stunden in der Kälte auf dem Rathausplatz weiß Matthias Knecht, was gut für Ludwigsburg wäre. Wenn Polizei und Feuerwehr ihre Martinshörner nicht immer so laut stellen würden. Wenn es attraktivere Spielplätze in der Oststadt gäbe und einen Zebrastreifen am Westportal. Toll wären auch zentrale Sammelstellen für Windeln, damit sie sinnvoll weiter verwertet werden können.

 

Matthias Knecht erfährt das von Ludwigsbürgern, die an diesem Samstagvormittag teilweise Schlange stehen, um mit ihrem Oberbürgermeister „ganz zwanglos“ ins Gespräch zu kommen. „Triff den OB“, heißt das Format, das von nun an vierteljährlich auf dem Wochenmarkt stattfinden soll – und von dessen Premiere der OB Matthias Knecht, parteilos, 44, Turnschuhe, selbst ganz begeistert ist: „Das hat mir riesen Spaß gemacht.“

Eine gute Gelegenheit

Noch mal kurz zur Erinnerung: Matthias Knecht, das ist der promovierte Jurist, von dem im Wahlkampf viele befürchteten, er sei zu bedächtig, um eine Stadt wie Ludwigsburg zu führen. Und der dann, nach weniger als 100 Tagen im Amt, mal kurz ein paar Luftschlösser eingerissen und unangenehme Wahrheiten ausgesprochen hat. Und trotzdem gibt es, nicht mal bei dieser offiziell informellen Gelegenheit auf dem Markt, Unmut, Ärger oder Protest. Selbst Matthias Knecht ist darüber, wie er am Ende sagt, einigermaßen überrascht.

Die Leute, die an die Stehtische unter dem halbwegs wettergeschützten Dach des Kulturzentrums treten, könnten sagen: „Sie wollen die Parkgebühren erhöhen? Sind Sie von Sinnen?“ Oder: „Ich soll mehr Hundesteuern bezahlen? Wie können Sie es wagen?“ Oder: „Tempo 30 in der Wilhelmstraße? Wo leben Sie denn?“ Aber nichts davon sagen die Leute.

Persönliche Sorgen

Eine Lehrerin für die russische Sprache bedauert, dass der Kontakt mit der Partnerstadt Jevpatorija auf der Krim auf Eis liegt – und deshalb auch die Schüleraustausche Ein Ehepaar aus Oßweil ist in Sorge wegen eines Sendemastes, der in der Nähe ihres Hauses errichtet werden soll. Eine Dame mit Hut aus der Südstadt befürchtet schlimmen Verkehrslärm, wenn die Wüstenrot-Zentrale in Kornwestheim erst mal fertig ist. Ein Herr aus Poppenweiler regt eine bessere Busverbindung zur Stadtbahn nach Remseck an. Eine Dame aus Neckarweihingen möchte, dass durch ihre Straße kein Bus fährt.

„Es gibt viele kleine Dinge, die man oft nicht sieht, wenn man im Rathaus ist“, sagt Matthias Knecht, der mit vielen Besuchern bekannt, mit manchen um ein paar Ecken sogar verwandt ist. Wobei ihm die meisten der Probleme, die die Ludwigsbürger vortragen, nicht fremd sind. Es ist ja nicht so, dass die Stadt die Sache mit Jevpatorija nicht auch beschäftigt. Oder die Verkehrsproblematik in der Südstadt. Oder, oder, oder. Doch im Gespräch mit der Russisch-Lehrerin entspinnt sich die Idee, zumindest vorübergehend, eine Schule in weniger brisanter Lage für einen Austausch zu suchen. Und für die Südstadt kündigt der OB Blitzer an, die den Verkehr zähmen sollen. Und, und, und.

Glückliche Bürger

Ihren Gesichtern nach zu urteilen sind alle Besucher an diesem Vormittag zufrieden. Es scheint ein gutes Gefühl zu sein, dass der erste Mann in der Stadt einen Blick für seine Leute hat. Andererseits kann man sich nach dieser Sprechstunde schon auch überlegen: Haben die Leute auch einen Blick für das große Ganze?

Trifft jemand den OB, um ihm zu sagen: „Wie soll der ÖPNV attraktiver werden, wenn der Bahnhof jetzt doch keine zweite Unterführung bekommt?“ Oder: „Warum wird der Tunnel für die B 27 gestrichen“? Oder: „Wo soll das hinführen, wenn Ludwigsburg seine Visionen aufgibt?“ Nein, niemand sagt etwas in dieser Art. Wie ja bis jetzt von nirgendwoher besorgniserregende Klagen zu hören waren. Nicht mal von denen, die täglich damit befasst sind.

„Er hat es endlich angepackt“, sagt Margit Liepins, deren SPD-Fraktion Matthias Knecht als OB-Kandidat quasi geangelt hat – aber zwischendurch mal skeptisch war, ob er genug Power hat. Liepins meint das Entschlacken der mächtigen Projektliste, die in den vergangenen Jahren immer noch länger geworden war. Reinhardt Weiss, dessen Freie Wähler Matthias Knecht im Wahlkampf nicht unterstützt haben, sagt: „Wenn es auf der Linie weiter geht, entspannt sich die Lage sehr.“ Und aus dem Rathaus hat auch noch keiner Reißaus genommen, weil die interessanten Projekte weniger werden. Es ist ja auch nicht so, dass in der Stadt nichts mehr geht. Nur eben nicht mehr alles und nicht mehr alles gleichzeitig (oder eben auch gar nicht). „Das war schon lange notwendig“, sagen Mitarbeiter, die schon lange für die Stadt arbeiten.

Eine seltsame kritische Frage

Wahrscheinlich, sollte man nach dieser Sprechstunde erst mal festhalten, ist es so, dass das große Ganze noch ein bisschen Zeit braucht. Mindestens bis Matthias Knecht nicht mehr mit seinem Vorgänger verglichen wird, sondern mit sich selbst.

Lesen Sie hier: Was sich in der Stadt alles ändern soll

Eine Anekdote noch zum Schluss: Matthias Knechts Vater, so erzählt es der Sohn, hat beim Frühstück gescherzt, ob er für die Sprechstunde Leibwächter engagiert habe. Wegen der kritischen Themen, die die Bürger nun umtrieben. Doch den einzig kritischen Beitrag, wenn man so will, äußerte eine Frau, die gekommen war um den OB mal anzugucken. Sie sagte, allerdings nicht zu Matthias Knecht persönlich: „Die Haare sind ja eigenartig.“

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