Bei der Einweihung der Stadtbibliothek wurde über Städtebau, Buchkultur und Philosophie gesprochen - unvermutet auch über Brandschutz.

Leben: Erik Raidt (era)

Stuttgart - Platsch, da ist es schon wieder passiert. Erneut hat ein Besucher einen Moment zu lange nur das blaue Licht gemustert, das von der Decke herab in den Raum fiel – unter großem Hallo und Gelächter der umstehenden Gäste mussten am Freitagabend etliche Besucher bei der Einweihungsfeier der neuen Stuttgarter Stadtbibliothek ein Missgeschick verkraften: Sie waren mitten im Neubau vermeintlich in eine Pfütze gelaufen. Nur dass es sich bei der Wasserlache in der Mitte des Herzraums der Bibliothek eigentlich um eine „Quelle des Wissens“ handelt. Das sprudelnde Becken ist das bauliche Überbleibsel eines weitaus größeren Wasserbassins, das ursprünglich die Bibliothek umrahmen sollte.

Manchmal kommt es eben anders als gedacht. Die Pfützengeschichte blieb am Freitagabend nicht die einzige Überraschung an einem Abend, an dem sich 400 geladene Gäste aus Politik, Wirtschaft und dem Kulturleben erstmals in Stuttgarts neuem Büchertempel im Europaviertel umsahen. Es war eine Eröffnungsfeier, der eine Geduldprobe vorausgegangen war: drei Jahre Wartezeit, fünf Jahre Planungszeit und drei Jahre Bauzeit.

Doch bevor der Sekt gereicht wurde, mischte sich ein Wermutstropfen in die Feierlaune: Bei der Bauabnahme hatte sich am Donnerstag herausgestellt, dass es Probleme mit den Brandschutztüren gibt – genauer gesagt mit deren Software. Im Falle eines Stromausfalls würde deren Öffnungs- und Schließmechanismus erst nach 20 bis 30 Sekunden funktionieren, sagte Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann (CDU) auf Anfrage der StZ.

Da es beim Brandschutz scharfe Auflagen des Baurechtsamts gibt, musste die Stadt reagieren. Sie engagierte 26 Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, die sich am Freitagabend an den Brandschutztüren postierten, um im Falle eines Feuers die Türen von Hand öffnen und schließen zu können. Dieses Personal solle auch am Wochenende eingesetzt werden, sagte Susanne Eisenmann – die Bibliothek ist am Wochenende erstmals für jedermann geöffnet.

Seite 2: Architektur der Bibliothek strahlt Kraft aus

 Unterdessen arbeiteten die Mitarbeiter der betroffenen Softwarefirma daran, das Problem zu lösen, so Markus Vogt, der Pressesprecher der Stadt. Die Brandschutztüren seien bis auf Weiteres an eine Notstromversorgung angeschlossen worden, das Personal komme nur zum Einsatz, um Risiken ausschließen zu können. „Für diese Kosten sind wir nicht bereit zu zahlen“, sagte Vogt mit Blick auf das Unternehmen.

Ungeachtet dieser Missklänge lobten die Redner bei der Einweihungsfeier das 79 Millionen Euro teure Bauwerk des koreanischen Architekten Eun Young Yi. Der Galeriesaal sei „ein grandioses Statement für die Buchkultur“, sagte Ingrid Bussmann, die Direktorin der Stadtbibliothek. „Wir sind davon überzeugt, dass auch in Zeiten von E-Books, Tablet-Computern und Apps für Smartphones das Buch eine Zukunftschance hat.“

Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster nahm Bezug auf die Kritik an der strengen Form des Gebäudes. Die Architektur der Bibliothek trage mit dazu bei, dass sich ihre Nutzer auf das Wesentliche konzentrieren könnten, „im bewussten Kontrast zur lauten, bunten und flüchtigen Eventkultur unseres Alltags“.

Doch am Freitagabend war die Bibliothek zweifellos selbst ein Teil der Eventkultur. Ihre Fassade strahlte blau und weiß in die Nacht hinaus, feenhafte Wesen auf Stelzen empfingen die geladenen Gäste im Eingangsbereich. Diese erkundeten voller Neugier den Bau – treppauf, treppab wanderte der größte mobile Sektempfang der Stadt durch das Gebäude. Blick nach links, Blick nach rechts, ungläubiges Murmeln beim Betreten des eindrucksvollen Galeriesaals: Stuttgarter wie Auswärtige haben gestern das erste Haus am Mailänder Platz mit den neugierigen Augen von Touristen gesehen.

Für die Gäste war die Feier nur ein Appetithäppchen – am Freitag und im Laufe der nächsten Woche serviert die Bibliothek ein kulturelles Mehrgängemenü. Die Bibliothekschefin Ingrid Bussmann bat die Nutzer vorsorglich um Nachsicht: „Noch funktioniert nicht alles so, wie wir es uns wünschen.“ Daran dürften jene Gäste noch länger gedacht haben, die das Haus mit nassen Schuhen verließen.

Seite 3: Informationen zur neuen Stadtbibliothek

Erreichbarkeit

Die Stadtbibliothek befindet sich am Mailänder Platz 1. Dieser liegt mitten im Europaviertel, das sich vom Bankenviertel aus gesehen nach Norden erstreckt. Das Areal wird umfasst von der Heilbronner Straße und der Wolframstraße. In der Heilbronner Straße befindet sich auch die Stadtbahnhaltestelle Türlenstraße - diese bietet für alle Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs derzeit den besten Anschluss.

Von hier aus führt ein Steg direkt zum Westeingang der Bibliothek. Vom Hauptbahnhof benötigt man zu Fuß knapp zehn Minuten bis zum Büchertempel - dabei sieht man linkerhand die im Bau befindlichen Pariser Höfe. Auf der Moskauer Straße gibt es drei Behindertenparkplätze. Nach einem Parkhaus sucht man in der unmittelbaren Umgebung vergeblich. Nördlich der Bibliothek soll das Einkaufzentrum Milaneo entstehen.

Veranstaltungswoche Am Samstag Abend öffnen sich die Türen der Bibliothek im Rahmen der Stuttgartnacht. Von 19 Uhr an gibt es Musik, Kunstperformances, Lesungen und natürlich eine Menge Einblicke in das Innenleben des Hauses. Neugierige können auch am Sonntag vorbeikommen, wenn das Haus von 13 bis 18 Uhr zum Tag der offenen Tür einlädt und der OB Schokolade verteilt. Doch erst am Montag stehen dann die Bücher, CDs und DVDs im Mittelpunkt. Um 9 Uhr beginnt der reguläre Ausleihbetrieb in der Bibliothek. Es folgen im Laufe der Woche etliche Veranstaltungen. Mehr Informationen gibt es im Internet unter www.stuttgart.de/stadtbibliothek.