Neue Staffel „Die Kirche bleibt im Dorf“ Familie und andere Katastrophen

Von Tilmann Gangloff 

Die SWR-Serie „Die Kirche bleibt im Dorf“ geht am Montag in die zweite Staffel. Die Produktion ist ein Glücksfall für das dritte Programm.

Kommissarin Emma Erdmann (Janna Striebeck) hat ein Problem. Foto: SWR
Kommissarin Emma Erdmann (Janna Striebeck) hat ein Problem. Foto: SWR

Stuttgart - Das Programm des SWR Fernsehens bietet tagtäglich Anlässe, den Kopf zu schütteln; manches kommt doch recht brav, bieder und betulich daher. Ausgerechnet eine Familienserie aber macht Vieles wieder wett: „Die Kirche bleibt im Dorf“ ist ein Glücksfall im Programm. Im Frühjahr 2013 hat das SWR Fernsehen die erste Gute-Laune-Staffel mit den Fortsetzungsgeschichten über die Erbfeindschaft zwischen den beiden schwäbischen Dörfern Oberrieslingen und Unterrieslingen ausgestrahlt. Nun folgt die zweite, und zum Glück ist Ulrike Grote (Buch, Regie und Produktion) sich und ihren Figuren treu geblieben.

Selbst wenn man eine Weile braucht, um wieder im Weltgefüge der Weinbauernfamilie Häberle und der Schweinezüchter Rossbauer heimisch zu werden: ist man einmal drin, will man nicht mehr raus. Umso schöner, dass der SWR die abermals in der Nähe von Ludwigsburg gedrehte Serie in Doppelfolgen zur besten Sendezeit zeigt; umso bedauerlicher, dass man eine Woche warten muss, bis es weitergeht.

Badener, Pfälzer und Zugezogene werden nicht allen Dialogen folgen können, aber das macht überhaupt nichts; in Krankenhausserien kapiert man ja auch nicht immer alles. Außerdem ist es eine Wonne, dem Ensemble zu lauschen, weil hier hörbar kein fernsehtaugliches Kunstschwäbisch gesprochen wird. Wer der Mundart nicht mächtig ist, kann umso besser nachvollziehen, wie es Pfarrer Köster (Rainer Piwek) ergeht, denn der Fischkopf versteht des öfteren bloß Bahnhof.

Die Schauspieler sind ohnehin großartig, aber es sind vor allem die wunderbaren Drehbuchideen, denen die ersten sechs neuen Folgen (2015 folgen sechs weitere) ihre Einzigartigkeit verdanken. Anders als andere Mundartdarbietungen in den dritten Programmen („Dahoam is dahoam“, BR, oder „Neues aus Büttenwarder“, NDR) sind die Scherze weder zotig noch krachledern, und auf den Holzhammer hat Grote beim Schreiben auch verzichtet.

Außerdem ergeben sich die tragikomischen Konflikte schlüssig aus dem Verhalten der Figuren, selbst wenn die kurz vor Weihnachten stattfindenden Ereignisse vor allem durch eine Entscheidung ins Rollen gebracht werden: Maria Häberle (Meike Kircher), die am Ende der ersten Staffel einen Unfall hatte, wird aus der Reha entlassen. Infolge einer Amnesie weiß sie nicht mehr, dass sie vor dem Unfall einen Sohn zur Welt gebracht hat, und weil die Ärzte wollen, dass ihr das schonend beigebracht wird, bringt Vater Gottfried (Christian Pätzold) den kleinen Thaddäus kurzerhand beim Pfarrer unter. Im Gegenzug verspricht er Köster einen Christbaum für seine Kirche, was zur Folge hat, dass er in der vierten Folge gemeinsam mit seinem Freund Lothar (Reinhold Ohngemach) mitten in der Nacht von einer Tanne begraben wird.

Für weiteres Ungemach braucht es keine Auslöser, das ergibt sich allein daraus, dass die Menschen so sind, wie sie sind: Marias Halbschwester Christine (Karoline Eichhorn), eigentlich eine Rossbauerin, die zu den Häberles übergelaufen ist, hat sich in den Pfarrer verliebt, und der brave Kirchenmann erwidert ihre Gefühle. Gottfrieds Mutter Anni (Sabine Hahn) wiederum, vom Sohn vor die Tür gesetzt, hat widerwilliges Asyl bei der verwitweten Elisabeth Rossbauer (Franziska Küpferle) gefunden und vertreibt sich die Zeit mit deren verstorbenem Gatten: Ludwig (Jürgen Haug), mit dessen Ableben die erste Staffel begann, hatte eine tolle Zeit als reinkarnierter Gockel mit einem Harem aus 17 Hühnern, aber dann hat es puff! gemacht, und er wurde wieder zum Ludwig; mit Stummelflügeln, die von Folge zu Folge wachsen.

Es ist schon beeindruckend, mit welcher Souveränität Grote immer wieder die Erzählperspektiven wechselt und die verschiedenen Handlungsfäden harmonisch miteinander verknüpft. Jedes Aufeinanderprallen der diversen Sturköpfe scheint die Serie mit neuer Energie zu versorgen. Für zusätzliche Verwirrung sorgt schließlich Kommissarin Emma Erdmann (Janna Striebeck), die ihren Mutterschaftsurlaub ausgerechnet als Gast des Pfarrers verbringt, weil ihr ein nur scheinbar offenkundiger Suizid aus der ersten Staffel keine Ruhe lässt.