Neue „Star Trek“-Serie „Discovery“ auf Netflix Ringen um den Geist von einst

Von Bernd Haasis 

„Star Trek“ geht mit „Discovery“ und einer neuen Crew in die sechste Runde und erzählt die Vorgeschichte zur Originalserie „Raumschiff Enterprise“. Kann die neue Serie mit dem Charme von einst mithalten? Wir haben reingeschaut.

Der Captain ist zunächst  eine Frau: Michelle Yeoh spielt die Kommandantin des Raumschiffs Shenzou Foto: CBS ALL ACCESS
Der Captain ist zunächst eine Frau: Michelle Yeoh spielt die Kommandantin des Raumschiffs Shenzou Foto: CBS ALL ACCESS

Stuttgart - Wir kommen in Frieden“ – ausgerechnet an diesem Satz entzündet sich ein Schlachten zwischen der Sternenflotte und den kriegerischen Klingonen. Diese nämlich, von Natur aus mit kurzer Lunte ausgestattet, fühlen sich latent gedemütigt und halten diesen Satz für eine Lüge – oder, um den aktuellen Sprachduktus aufzugreifen, für „fake news“. So münden die ersten beiden von vier Folgen der sechsten „Star Trek“-Serie „Discovery“ in einer opulent bebilderten Raumschlacht in Kinoqualität – die in ihrer Dramatik an die legendäre Doppelfolge „The Best of Both Worlds“ der „Next Generation“ (1993, Folgen 3/26 und 4/01) unter Captain Picard erinnert, in der die außerirdischen Borg die Erde zu zerstören drohen.

„Discovery“ ist im Jahr 2256 angesiedelt, zehn Jahre vor der Originalserie „Raumschiff Enterprise“ (1966–1969), und nimmt nun die archaischen Klingonen in den Fokus. Deren Anblick ist Dank Tricktechnik monströser, die angeklebte knochige Stirn ist einer organischen Gesamterscheinung gewichen, allerdings rückt sie das neue Design optisch etwas zu nah an die Orks aus „Der Herr der Ringe“. Erstmals sprechen sie durchgehend kehliges Klingonisch, während ein ambitionierter Außenseiter aus ihren Reihen sich zu einer Art Messias aufschwingt und die zerstrittenen Clans gegen den Rest des Universums eint. Dabei spielt er die Rassenreinheits-Karte, ein weiterer Seitenhieb auf den Rechtspopulismus – und eine Anspielung auf B’elanna Torres, halb Mensch, halb Klingonin, die gut gut hundert Jahre später an Bord des „Star Trek“-Raumschiffs „Voyager“ (1995-2001) mit ihren cholerischen Anlagen ringt.

Der frühere Karnevalscharme ist endgültig Geschichte

Auf Seiten der Sternenflotte, an Bord des Raumschiffs Shenzou, steht eine Mutter-Ziehtochter-Konstellation im Vordergrund, die ganz dem Geist des „Star Trek“-Erfinders, Humanisten und Multikulturalisten Gene Roddenberry entspricht: Die Asiatin Michelle Yeoh („Tiger & Dragon“) spielt Captain Philippa Georgiou auf den Spuren von Kathryn Janeway, der von Kate Mulgrew resolut und sehr menschlich angelegten ersten weiblichen Kommandantin, die dem Raumschiff „Voyager“ vorstand; die Afroamerikanerin Sonequa Martin-Green gibt die heißspornige Erste Offizierin Michael Burnham, die eine verhängnisvolle Vorgeschichte mit den Klingonen hat. Sie wurde von Vulkaniern erzogen, jenem kühler Logik verpflichteten Volk, dem Mr. Spock angehört. Sorgte dessen Zusammenprall mit dem beherzten Captain Kirk in der Originalserie vor allem für komödiantische Reibung, tritt in „Discovery“ nun ein fundamentaler Dissens zutage, den Captain Georgiou in bester Picard-Manier entscheidet: „Schiffe der Sternenflotte feuern nie zuerst.“ Bald zerreißt es die beiden beinahe, so viel ethischen und disziplinarischen Sprengstoff tragen sie mit sich herum im Angesicht eines kaum auszurechnenden Feindes.

Als technischer Offizier steht den Frauen ein seltsam gestalteter Kelpianer namens Saru zur Seite, ein ewig zaudernder Bedenkenträger, und in Rückblenden erscheint Burnhams Mentor, der Vulkanier Sarek, ebenso weise wie Spock, aber ein weit düsterer Charakter. Wie schon in der jüngsten „Star Trek“-Spielfilmreihe, die seit 2009 die Anfänge der „Enterprise“-Crew mit neuer Besetzung erzählt, sind Maske und Kostüme makellos – der frühere Karnevalscharme ist endgültig Geschichte. Wenn Burnham zu Beginn alleine ausfliegt, um ein ominöses Objekt zu begutachten, trägt sie einen prächtigen Raumanzug, wie er noch nicht auf bewegten Bildern zu sehen war – „Iron Man“ mag beim Design ein wenig Pate gestanden haben. Überhaupt ist die visuelle Gestaltung bildmächtiger denn je, das Beamen von Ort zu Ort offenbart sich nun als goldener Partikelregen und die Ausblicke auf ein binäres Sternensystem sind schlichtweg atemberaubend.

Netflix zeigt alle 695 Episoden aller bisherigen „Star Trek“-Serien

Der US-Fernsehsender CBS hat „Discovery“ produziert, der Streaming-Dienst Netflix zeigt seit diesem Montag die ersten beiden Episoden. Folge drei geht am 2. Oktober Online, die vierte und letzte am 9. Oktober. In Folge drei soll es die erste Begegnung mit dem titelgebenden Raumschiff geben, dessen Captain Jason Isaacs verkörpert, der in „Harry Potter“ den maliziösen Lucius Malfoy spielte. Flankierend zu „Discovery“ hat Netflix aktuell alle 695 Episoden aus allen bisherigen „Star Trek“-Serien im Angebot – ein echter Coup, der Millionen Trekkies in aller Welt dazu verlocken dürfte, ein Abonnement abzuschließen.

Entwickelt wurde „Discovery“ von Bryan Fuller und Alex Kurtzman. Fuller hat schon an den „Star Trek“-Serien „Voyager“ und „Deep Space Nine“ (1993-1999) mitgewirkt und aktuelle Serien-Produktionen wie „Hannbial“ (2015) und „American Gods“ (2017) mitentwickelt. Der Autor und Produzent Alex Kurtzman, der unter anderem das Drehbuch zu „Transformers“ (2007) geschrieben hat, war an den Reboot-Kinofilmen „Star Trek“ (2009) und „Star Trek: Into Darkness“ (2013 beteiligt). Eugene Roddenbery, der Sohn des Schöpfers, ist ebenfalls als Produzent gelistet. Deutlich erkennbar ist das Bemühen, dem Geist des Originals gerecht zu werden, was im Kern gelungen ist – auch wenn Fuller als Showrunner vorzeitig ausschied, weil CBS einige der „stärker allegorischen und komplexen“ Elemente seiner Geschichte offenbar nicht mittragen mochte, wie er dem Fan-Magazin Trekcore sagte.

Schon Spock und Kirk stritten ständig über menschliche Grundfragen

Tatsächlich erreicht das Kriegsszenario nicht ganz das ­ visionär-fantastische Niveau, das „Raumschiff Enterprise“, die „Next Generation“ und „Voyager“ beseelte. Gene Roddenberry war ein Kind seiner Zeit, er erlebte, wie der frisch gewählte Präsident John F. Kennedy 1960 den Weltraum als „New Frontier“, als neue Grenze menschlichen Strebens bezeichnete, und er wurde Zeuge des Wettlaufs um die erste Mondlandung. Zugleich sind seine Schöpfungen zutiefst erfüllt vom Glauben an Menschenrechte und technischen Fortschritt. Spock, Kirk und Dr. McCoy stritten schon auf der Enterprise regelmäßig über menschliche Grundfragen und gesellschaftliche Werte, Captain Picard versank gar in handfesten philosophischen Exkursen – während sie alle mit Raumverbiegungen, Zeitschleifen, Dimensionstoren und Aliens konfrontiert wurden, die sie Demut vor der Schöpfung lehrten.

Science-Fiction-Freunde werden dennoch gut bedient mit dieser Miniserie, die in den Folgen drei und vier womöglich eine wichtige inhaltliche Lücke schließt im „Star Trek“-Universum. An Bord der Shenzou bemerkt immerhin einer während der Schlacht: „Wir sind Forscher, keine Soldaten.“