Seit Sonntag hat die neu gestaltete Stauffenberg-Erinnerungsstätte im Alten Schloss geöffnet. Dort wurde nicht nur renoviert, sondern „ein neuer Typus Erinnerungsstätte“ geschaffen. Davon kann sich jeder selbst ein Bild davon machen – bei vorübergehend freiem Eintritt.

Lokales: Jan Sellner (jan)

Dieser Nachmittag bleibt im Gedächtnis, auch wenn es sich nicht im klassischen Sinne um eine Gedächtnisvorlesung handelte, die die Stauffenberg-Gesellschaft alljährlich rund um den Geburtstag des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg (15. November) mit Angehörigen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus ausrichtet. Zu dem nachhaltigen Eindruck trug bei, dass das Gedenken eingebunden war in die feierliche Wiedereröffnung der Stauffenberg-Erinnerungsstätte im Alten Schloss.

Der 2006 erstmals eröffnete Gedenkort hat aber nicht nur einfach einen neuen Anstrich erhalten, sondern wurde vom zuständigen Haus der Geschichte in den vergangenen eineinhalb Jahren grundlegend neu konzipiert. Entstanden ist etwas, das Paula Lutum-Lenger, Direktorin des Hauses der Geschichte, „einen neuen Typus Erinnerungsstätte“ nennt: „Das klassische Zeigen wird durch Suchen, Forschen, Entdecken und Selbstgestalten ergänzt.“ Auf der Grundlage von historisch-fundiertem Wissen können sich Interessierte auf kleinem Raum – multimedial unterstützt – Geschichte erschließen, ihre Perspektiven einbringen, sie mit anderen Perspektiven abgleichen und im Idealfall gemeinsam lernen. Damit reagiere man auf die Veränderungen in einer diverser werdenden Gesellschaft und das wachsende internationale Interesse, sagte Lutum-Lenger.

Prädikat „national bedeutsamen Kultureinrichtung“

Kunst- und Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) sprach von „multiperspektiven Zugängen zur Erinnerung an Stauffenberg“. Das ermögliche einen Abgleich von individuellem und kollektivem Erinnern und fördere die Befähigung zu historischem Denken und differenzierten Urteilen – speziell bei jungen Menschen.

Dieses Konzept überzeugte auch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Claudia Roth (Grüne). Sie verlieh dem Gedenkort den Rang einer „national bedeutsamen Kultureinrichtung“, ein Prädikat, das mit einer finanziellen Förderung des 700 000 Euro teuren Umbaus verbunden ist.

Die in dem Gedenkort angelegten Möglichkeiten der aktiven Beschäftigung mit der Person Stauffenberg und dessen Wandel vom regimetreuen Wehrmachtsoffizier zur Schlüsselfigur des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 zielen bewusst in die Gegenwart und Zukunft. In ihrer eindrücklichen Festrede im voll besetzten Weißen Saal betonte Olschowski: „Nur wenn wir wissen, was geschehen ist, können wir widerstehen.“ Es gelte sensibel zu sein für schleichende Prozesse in Politik und Gesellschaft und eine Verschiebung von Koordinaten. „Haben wir die Antennen, wenn Grenzen überschritten werden?“, fragte sie. „Wie stark ist die Demokratie 77 Jahre nach Kriegsende?“ Wichtig sei, sich immer wieder neu zu justieren, mahnte die Ministerin.

Begegnung von deutschen und israelischen Schülern

Im Gedächtnis bleibt der Nachmittag vor allem auch dank der jungen Generation: Schülerinnen und Schüler des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums – der ehemaligen Schule der drei Stauffenberg-Brüder Claus, Berthold und Alexander – begleiteten die Feierstunde musikalisch. Besonders starke Eindrücke hinterließ ein Filmprojekt über eine Begegnung von 20 israelischen und deutschen Schülerinnen und Schüler in Berlin, wo sie den Bendlerbock besuchten – Stauffenbergs frühere militärische Dienststelle –, Zeit miteinander verbrachten und sich gegenseitig ihre Familiengeschichten erzählten. Unterstützt wurde das Projekt vom Regierungspräsidium Stuttgart, das deutsch-israelische Jugendbegegnungen über das Programm „Scora“ fördert.

So entstehen neue Formen der Zeitzeugenschaft: Während die Zeitzeugen von damals weniger werden, treten Jugendliche als Zeitzeugen der internationalen Begegnung und des Austausches hervor. „We share history“, sagt eine der jungen Israelinnen im Film. „Wir teilen Geschichte.“ Sie bringt damit das Anliegen des Hauses der Geschichte und der Stauffenberg-Gesellschaft auf den Punkt. Ihren Vorsitzenden Wolfgang Schneiderhan macht das hoffnungsvoll: „Begegnungen und Austausch sind die beste Schutzimpfung gegen bornierten Nationalismus und Vorurteile jeder Art.“

Freier Eintritt und Gratisführungen

Eröffnungswoche
 Bis Sonntag, 27. November 2022, bietet das Haus der Geschichte freien Eintritt in die Stauffenberg-Erinnerungsstätte im Alten Schloss sowie Gratisführungen. Die Daten: Sonntag, 20.11., 16 Uhr; Dienstag, 22.11., 11 Uhr; Mittwoch, 23.11., 16 Uhr; Donnerstag, 24.11., 18 Uhr, Freitag, 25.11., 13 Uhr. Auch danach bleibt der Besuch erschwinglich: der Eintritt kostet zwei Euro.