In der Baubranche ist der Einsatz von Drohnen bisher zwar noch nicht die Regel, Experten sehen hier aber gute Zukunftschancen für die kleinen Fluggeräte, wie etwa bei der Vermessung.

Wirtschaft: Ulrich Schreyer (ey)

Stuttgart - Kerstin Munk hängt sich die mobile Bodenstation um, eine Art Fernbedienung und drückt einen Hebel nach vorne. Mit einem Summen, als flöge ein Bienenschwarm vorbei, setzen sich acht kleine Rotoren in Bewegung. Dann steigt die Drohne 70 Meter hoch in den Himmel über dem Hof der Tuttlinger Baufirma Storz. „Diese Drohne ist ein Baustein bei der Digitalisierung der Bauwirtschaft“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Georg Graf Kesselstatt. „Die Präzision bei der Vermessung ist phänomenal“, meint Munk, „von 70 Metern Höhe aus erreichen wir eine Genauigkeit von einem Zentimeter“. Dies auch deswegen, weil es sich eben „um keine Drohen handelt, die man im Einzelhandel kaufen kann“, wie Munk sagt. Immerhin 32 000 Euro hat sich Storz das Fluggerät kosten lassen.

Schon seit einiger Zeit hat Munk den Markt für Drohnen beobachtet, vor einem Jahr griff sie zu. Der Kauf war keine schwierige Entscheidung: „Wir hatten mehrere Aufträge für die Vermessung der neuen Daimler-Teststrecke bei Immendingen“ , berichtet Kesselstatt, „aber das Angebot eines Dienstleisters war uns zu teuer, deswegen haben wir die Drohne gekauft“. Auch bei anderen Unternehmen werden zunehmend Drohnen etwa für die Vermessung eingesetzt. Die Regel aber sind solche kleinen Fluggeräte noch nicht. „Das wird aber stark zunehmen“, meint Agnes Kelm vom Lehr- und Forschungsgebiet Baubetrieb und Bauwirtschaft an der Bergischen Universität Wuppertal.

Wer eine Drohne steuert, braucht einen „Pilotenschein“

„Mit der Vermessung durch unsere Drohnen können wir die Produktivität ganz erheblich steigern“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter. „Bei einem der Aufträge von Daimler hätten wir zwei Vermesser fünf bis sechs Tage in der Woche auf das Gelände schicken müssen. Mit der Drohne sind wir höchstens alle 14 Tage eine Tag draußen“ – über einem Gelände von nicht weniger als 400 Hektar. Der Flugapparat hilft Storz auch auf einem für das Bauunternehmen noch relativ neuen Gebiet: Bei der Instandsetzung von Brücken. Die Kamera nämlich kann so geschwenkt werden, dass sie nicht nur von oben nach unten, sondern auch nach oben fotografieren kann. Damit kann die Drohne unter einer Brücke durchfliegen und deren Unterseite aufnehmen.

Mit dem Kauf aber ist es nicht getan – da die Drohne von Storz mehr als zwei Kilogramm, nämlich genau 2,3 Kilogramm wiegt, braucht Munk auch einen „Pilotenschein“, einen sogenannten Kenntnisnachweis. Dieser bestätigt, dass sie mit dem Fluggerät umgehen kann. Und natürlich müssen Starten, Fliegen und Landen geübt werden – damit der Drohne nichts passiert, aber auch, damit sie nicht auf Autos oder Passanten abstürzt. „Geflogen wird bei uns nur auf Sicht“, sagt Munk – auch dies ist eine Sicherheitsmaßnahme. Bei dem Kurs lernen die Piloten auch einiges über Planung und die Software, mit der die Daten verarbeitet werden, die die Drohne aufnimmt. Drei Mitarbeiter des Unternehmens haben schon ihren „Pilotenschein“ in der Tasche.

Auch bei Windböen liegt die Drohne waagrecht in der Luft

Vorbereitet werden die Flüge im Büro, etwa indem Geländekarten heruntergeladen werden, an den Flugtagen selbst sollte nicht eitel Sonnenschein herrschen – Schatten nämlich könnten die Aufnahmen stören. Nicht gestört wird das Fluggerät dagegen von Windböen – dank der acht Rotoren bleibt es weiter waagerecht in der Luft liegen.

Im Büro zeigt Munk eine dreidimensionale Aufnahme eines Steinbruchs in Neuhausen ob Eck. „Wenn wir zwei Aufnahmen vergleichen, können wir auch feststellen, wie viel Kubikmeter innerhalb eines Jahres abgebaut wurden.“ Auch beim Straßenbau kann die Drohne helfen: „Durch die Vermessung kann der Bauleiter exakt berechnen, wie viel Asphalt er beispielsweise braucht“, sagt Kesselstatt, „bisher wird das eher geschätzt“.

Mit der Vernetzung der Baumaschinen ist es noch nicht weit her

Schon seit drei Jahren ist Storz damit beschäftigt, die Arbeit im Büro und auf Baustellen zu digitalisieren. „Ein Problem sind die riesigen Datenmengen“, die dabei anfallen, erklärt der geschäftsführende Gesellschafter. Die großen Server des Unternehmens stehen in Frankfurt, weil aber die Übertragungsleitungen noch viel zu schwach sind, der Versand der Daten also sehr lange dauern würde, speichert das Unternehmen mit seinen 700 Beschäftigten und einem Umsatz von 120 Millionen Euro seine Daten auch lokal, in Tuttlingen und in den Niederlassungen. Dass die Digitalisierung weitergetrieben werden muss, ist für den geschäftsführenden Gesellschafter klar. „Die Branche steht dabei erst am Anfang“, meint er. Die Kunden aber verlangen von den Firmen das, was er „5D“ nennt: Länge, Breite und Höhe der Baustellen, aber auch was alles kostet und welche Arbeit wann ausgeführt wird“. Auch mit der Vernetzung der einzelnen Baumaschinen ist es noch nicht weit her: „Die Hersteller tun sich da noch schwer“, so seine Erfahrung. Aber es wird seiner Ansicht nach vorangehen: „Wir haben früher einen autonom fahrenden Bagger als ein autonom fahrendes Auto“, so seine Prognose. Diese könnte auch schon deswegen eintreffen, weil sich eine Baustelle beispielsweise abgrenzen und absperren lässt. Was der Bagger dann auf der Baustelle tun muss – das könnte ihm ein Befehl der Drohne sagen.