Neue Technologie Ludwigsburg testet intelligente Ampeln

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Noch ist so etwas eine absolute Seltenheit: Ludwigsburg rüstet Ampeln mit einer Technik aus, so dass sie mit Fahrzeugen kommunizieren können. Die Anlagen sollen beispielsweise auf Grün umschalten, wenn sich Feuerwehrautos oder Busse nähern.

Grün für die Feuerwehr, perfekte grüne Wellen für Autofahrer – Hersteller, Experten  und die Stadt setzen große Hoffnungen in  intelligente Ampeln. Foto: Archiv/Zweygarth
Grün für die Feuerwehr, perfekte grüne Wellen für Autofahrer – Hersteller, Experten und die Stadt setzen große Hoffnungen in intelligente Ampeln. Foto: Archiv/Zweygarth

Ludwigsburg - Rote Ampeln? Sind für die Feuerwehr kein Problem, sollte man meinen. Schließlich können Fahrzeuge mit Blaulicht ohne Weiteres über Kreuzungen hinwegfahren, ganz egal ob die Ampel gerade grün oder rot oder gelb zeigt. So weit die Theorie, aber in der Praxis sind Ampeln oft eben doch ein Hindernis, wenn sich davor Staus und die Autofahrer nicht schnell genug eine Rettungsgasse bilden. Dabei zählt bei Feuerwehreinsätzen jede Sekunde, oft geht es um Leben und Tod. Die Stadt Ludwigsburg wird bald ein System testen, das dieses Problem lösen und das Leben etwas sicherer machen soll. Car-to-X-Kommunikation – so lautet der Fachbegriff für eine Technologie, in die Autohersteller große Hoffnungen setzen.

Im Kern geht es darum, die Verkehrsinfrastruktur so auszurüsten, dass sie mit Fahrzeugen kommunizieren kann. Noch ist so etwas in Deutschland eine Seltenheit. „Wir gehören mit zu den den ersten Städten, die so etwas machen“, sagt der Oberbürgermeister Werner Spec. Anfang 2018 soll der Pilotversuch mit zunächst acht Ampeln beginnen, die alle im Umfeld der Feuerwache in der Marienstraße stehen, und anfangs werden auch ausschließlich Feuerwehrfahrzeuge davon profitieren. Wenn sich das System bewährt, seien noch viele weitere Einsatzmöglichkeiten denkbar, sagt Christoph Hubberten, der im Rathaus für das Projekt verantwortlich ist.

Die Technologie wird auch für autonom fahrende Autos benötigt

Rettungswagen, die Polizei, aber auch Busse könnten dann Informationen mit den schlauen Ampeln austauschen, um schneller durch die Stadt zu kommen – und eines Tages werden womöglich alle Privatfahrzeuge in der Lage sein, mit ihrer Umgebung zu kommunizieren. „Das ist die Technologie, die auch für das autonome Fahren gebraucht wird“, sagt Spec. Bessere Verkehrslenkung, weniger Staus, weniger Unfälle – all das soll Car-to-X-Kommunikation ermöglichen. Letztlich läuft es darauf hinaus, dass alle Fahrzeuge miteinander und mit der Verkehrsinfrastruktur vernetzt sind. So könnten Ampeln künftig Autos auf exakt jene Geschwindigkeit herunterregeln, die nötig ist, um die perfekte grüne Welle zu erwischen. „Oder die Ampeln rund um das Forum am Schlosspark merken selbstständig, dass sie nach Veranstaltungen auf längere Grünphasen umschalten müssen, damit der Verkehr abfließen kann“, sagt Spec.

Einen ersten und womöglich richtungsweisenden Schritt in diese Richtung geht die Stadt nun. Rund 5000 Euro kostet es, eine Ampelanlage mit der notwendigen Hardware auszustatten, hinzu kommen noch einmal 4500 Euro pro Fahrzeug. Getestet wird das Ganze zum Auftakt mit lediglich vier Feuerwehrwagen, den Großteil der Kosten übernimmt die Stadt, einen kleinen Teil der österreichische Signaltechnik-Produzent Swarco. „Die Firma kommt uns entgegen, weil sie großes Interesse an dem Versuch hat“, sagt Hubberten. Wohl auch in der Erwartung, dass mittelfristig viel mehr Ampeln hinzukommen werden und damit ein gänzlich neues Geschäftsfeld entsteht.

Das System ist flexibler als alles, was bisher auf dem Markt ist

Vorgesehen ist, dass die entsprechend ausgerüsteten Fahrzeuge, sobald sie sich nähern, in Kontakt mit der Ampel treten, um dann im Sekundentakt Informationen auszutauschen. Das heißt: Der Wagen meldet jede Sekunde seinen Standort und sein Tempo, damit die Ampel genau im richtigen Moment grünes Licht geben kann und sofort wieder auf Rot umschaltet, wenn die Feuerwehr durchgefahren ist. „Diese Technologie ist wesentlich flexibler als alles, was bisher genutzt wird“, sagt Hubberten.

Kommunizierende Ampeln gibt es schon, auch in Ludwigsburg. Sie sind aber weniger intelligent als das, was jetzt kommt, und dienen ausschließlich dem Busverkehr. Rund ein Fünftel aller Ampelanlagen im Stadtgebiet verfügen über diesen älteren technischen Standard, der einen gravierenden Nachteil hat: er ist unzuverlässig. Der Bus funkt lediglich ein oder zwei Mal ein Signal, und bei einem genau definierten Abstand springt die Ampel um. „Wenn der Bus in der Zwischenzeit aufgehalten wurde, weiß die Ampel das nicht“, erklärt Christoph Hubberten. Was dazu führt, dass Busse unter Umständen doch wieder auf Grün warten müssen. Für Pendler oder Schüler mag das verkraftbar sein, nicht aber für Feuerwehrleute oder Notärzte.

Die Stadt will die Vorteile der Digitalisierung nutzen – damit der Verkehr besser fließt

Die Feuerwehr ist eng eingebunden in den Pilotversuch und verknüpft damit ebenfalls große Hoffnungen. Besonders in Stadtgebieten mache der Einsatz von intelligenten Ampeln Sinn, sagt der Kreisbrandmeister Andy Dorroch. „Hier steht die Feuerwehr oft vor dem Problem, dass Verkehrsteilnehmer aufgrund von innerstädtischen Staus keine Rettungsgasse bilden können, weil kein Platz dafür vorhanden ist.“ Als Beispiel nennt Dorroch den Tunnel auf der B 27 in Ludwigsburg. Dort könnten die Autofahrer, wenn sich von hinten ein Feuerwehrfahrzeug nähert, nicht zur Seite, sondern nur nach vorne ausweichen. „Hier ist es von Vorteil, wenn das Feuerwehrfahrzeug Einfluss auf die Ampelschaltung nehmen und diese – nicht für sich selbst, sondern vor allem für die anderen Verkehrsteilnehmer – auf Grün schalten kann.“

Voraussichtlich vier Monate wird der Pilotversuch laufen, vielleicht aber auch deutlich länger. „Das hängt davon ab, wie gut alles funktioniert und wie viel wir nachjustieren müssen“, sagt Hubberten. Ob und wann weitere Ampeln an die Reihe kommen, ob und wann Rettungswagen und Busse in den Genuss der neuen Technik kommen – all das ist noch unklar. Allein der Wille, danach weiter zu gehen, ist vorhanden. „Wenn wir in der Mobilität den Anforderungen der Zukunft gerecht werden wollen, müssen wir die Vorteile der Digitalisierung für uns nutzen“, sagt Spec.