Neue Therapieform Pilze gegen Depressionen

Psychedelische Pilze, so genannte Magic Mushrooms, werden heute in der Therapie eingesetzt. Foto: stock.adobe.com/kichigin19

Zahlreiche Studien belegen die Wirksamkeit von Psilocybin in der Therapie. Was ist dran am Hype um psychedelische Substanzen, der im Silicon Valley seinen Ursprung hat?

Berlin - Das Silicon Valley ist vermutlich der Ort, der den menschlichen Alltag in der jüngeren Vergangenheit am stärksten geprägt hat: Smartphones von Apple, der Algorithmus von Google oder das E-Auto, mit dem Elon Musk andere Fahrzeughersteller rechts überholt hat – viele Erfindungen, mit deren Hilfe eine Branche auf links gedreht wurde, haben ihren Ursprung im mystisch verklärten Tal bei San Francisco.

 

Der neueste Trend aus dem Silicon Valley hat wieder mal etwas mit künstlicher Intelligenz zu tun. Allerdings nicht mit jener, die daran arbeitet, Maschinen menschliche Wahrnehmung beizubringen. Stattdessen geht es um eine besonders eigenwillige Entwicklung auf dem Feld der Selbstoptimierung, die weit über Schrittzähler hinausgeht und an der menschlichen Wahrnehmung selbst ansetzt.

Zum Frühstück LSD statt Kaffee

Die Rede ist vom sogenannten Microdosing, bei dem eine kleine Menge halluzinogener Drogen konsumiert wird, um die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern. Statt Kaffee nehmen Softwareentwickler im Valley morgens eine Mikrodosis LSD zu sich, um konzentrierter und kreativer zu sein. Ziel ist dabei kein hippiesker Rauschzustand wie im Sommer der Liebe von 1967, sondern absolute Konzentration.

Eine Mitschuld an der Vorliebe für diese nicht ungefährlichen Nahrungsergänzungsmittel trägt unter anderem Apple-Erfinder Steve Jobs. Der 2011 Verstorbene hat einst erklärt, seine LSD-Erfahrungen gehörten zu den drei wichtigsten Dingen, die er in seinem Leben getan habe. Apple-Jünger stellen seither die Frage, ob iPhone und Co. gar nie entstanden wären, hätte sich Jobs nicht ab und zu mit LSD gedopt und dabei nicht nur einen Computer, sondern eine ganze Produktwelt erahnt.

Im Fokus der Ärzte: Linderung statt Leistungssteigerung

Das neue Interesse der Silicon-Valley-Köpfe für bewusstseinserweiternde Substanzen ist auch der medizinischen Forschung nicht verborgen geblieben. 2010 thematisierte die „New York Times“ in einer Titelgeschichte Experimente, die gleichzeitig an der Johns-Hopkins-Universität und an der New York University stattfanden. Überschrift des Artikels: „Ärzte wenden sich wieder Halluzinogenen zu“. In den Studien stand nicht das Thema Leistungssteigerung, sondern der Aspekt der Linderung im Vordergrund: Krebspatienten im Endstadium wurden mit einer großen Menge Psilocybin therapiert, dem Wirkstoff, der aus Pilzen extrahiert wird.

Die amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA interpretierte die Studiendaten wiederum so, dass Psilocybin Depressionen lindern könnte, weshalb der Fokus der Forschung heute in diesem Bereich liegt. In den vergangenen zehn Jahren wurde der Wirkstoff in rund 40 Studien eingesetzt. Die Wirksamkeit von Psilocybin im Einsatz gegen Depressionen wird von der Forschung dabei als erstaunlich hoch beschrieben.

Verändern Psychedelika die Therapie?

„Die Tatsache, dass klassische Psychedelika wie Psilocybin nach einmaliger Gabe die Symptome psychischer Erkrankungen zum Teil lang anhaltend positiv beeinflussen können, ist eine Herausforderung für unsere bisherigen Erklärungsmodelle für psychische Erkrankungen“, sagt Gerhard Gründer, der Leiter der Abteilung für Molekulares Neuroimaging am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim.

Gründer arbeitet derzeit an einer umfassenden Studie zum Thema „Psilocybin als Behandlungsalternative für therapieresistente Depressionen“: „Die Psychopharmakatherapie der letzten 60 Jahre geht davon aus, dass sie kontinuierlich durchgeführt werden muss, um dauerhaft wirksam zu sein. Die Therapie mit Psychedelika folgt diesem Paradigma nicht mehr“, erklärt Gerhard Gründer. Andere Studien hatten gezeigt, dass eine einzige Anwendung von Psilocybin für eine Linderung der Depression bereits ausreichen kann.

Der Konsum psychoaktiver Substanzen ist nicht ungefährlich

Ist es aber nicht gefährlich, depressive Menschen mit Wirkstoffen zu behandeln, die zu Psychosen führen können, wenn man sie falsch dosiert? „Das ist keine Frage der Dosierung, sondern der individuellen Disposition“, sagt Gerhard Gründer. „Bei einer erhöhten Vulnerabilität für eine Psychose kann eine solche ausgelöst werden. Deshalb werden bestimmte Personen nicht in die Studie eingeschlossen, zum Beispiel solche mit einem erstgradigen Angehörigen mit einer Schizophrenie oder einer bipolaren Störung.“

Aber auch für gesunde Menschen ist der Konsum psychoaktiver Substanzen kein Spaziergang. „Die Erfahrung war nicht nur witzig. Es ist eine Reise, auf der man auch schmerzhafte Dinge sieht“, erzählt Anne Philippi, 1951 geborene Autorin in Berlin. 2018 sei sie auf das Buch „Verändere Dein Bewusstsein“ von Michael Pollan gestoßen. Der Professor an der Berkeley Graduate School of Journalism an der amerikanischen University of California beschreibt in seinem Werk, „was uns die neue Psychedelik-Forschung über Sucht, Depression und Transzendenz lehrt“, so der Untertitel.

Bisher verschlossene Teile des Unterbewusstseins erreicht

Als sie Pollans Buch gelesen hatte, fasste Anne Philippi einen Entschluss: Sie nahm unter Aufsicht eines Psychiaters LSD, erzählt sie am Telefon. „Das hat meine Perspektive über mich selbst verändert. Im Februar 2020 habe ich in einem legalen Mushroom-Betrieb in Holland meine erste Erfahrung mit Psilocybin gemacht. Das hat mir eine wieder andere, zusätzliche Perspektive geschenkt“, erzählt Philippi, und vergleicht die unterschiedlichen Wirkungsweisen: „Psilocybin ist eine emotionalere Erfahrung, man taucht tief in sich selbst ein. LSD ist dagegen eher Film-mäßig.“

Nur die Substanz zu nehmen, sei dabei nicht effektiv. „Mit Hilfe von Psilocybin erhält man Material über sich selbst. Das Erlebte muss in einer Therapie besprochen werden. Für mich hat es sich angefühlt wie 30 Jahre Meditieren oder 15 Jahre Therapie: Man fährt herunter und erreicht Teile des Unterbewusstseins, die aus Schutzgründen zuvor nicht erreichbar waren“, sagt Philippi, die in Podcasts ganz offen über ihre Erfahrungen spricht.

Eine Art Airbnb für die psychedelisch unterstützte Therapie

Nach ihren Erlebnissen hat Anne Philippi in Berlin ein Start-up gegründet, The New Health Club. „Unser Ziel ist eine Entkriminalisierung von Psychedelics. Wir wollen Menschen mit einer sicheren, geprüften und legalen Behandlung verbinden – eine Art Airbnb für die psychedelisch unterstütze Therapie“, sagt sie.

Ob sich Philippis Ziele erfüllen werden? Vielleicht werden ja die Studienergebnisse von Gerhard Gründer den Umgang mit Psilocybin in Deutschland weiter verändern. Der Wissenschaftler setzt große Hoffnung in seine Studie, in die 144 Patienten mit behandlungsresistenter Depression eingebunden sind, „sonst würden wir sicher nicht einen so gewaltigen Aufwand treiben: Die Vorbereitung hat zwei Jahre in Anspruch genommen“, erklärt Gründer. Vom Silicon Valley in die vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte unterstütze Forschung: Der Hype um die angeblich heilenden Pilze scheint noch lange nicht vorbei.

Infos zum Thema Psychedelika

Wirkstoffe
Der aus Pilzen extrahierte Wirkstoff Psilocybin zählt wie das synthetisch hergestellte LSD zu den klassischen Psychedelika. „Diese Substanzen können die Wahrnehmung und das Bewusstsein verändern“, heißt es beim Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Literatur
Der amerikanische Journalistik-Professor und Autor Michael Pollan hat zum Thema Psychedelika ein viel beachtetes Buch vorgelegt. „Verändere dein Bewusstsein: Was uns die neue Psychedelik-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt“ ist im Verlag Kunstmann erschienen, hat 450 Seiten und kostet 26 Euro.

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