Neue Vocalsolisten Erschütterungen, die betören können
Die Neuen Vocalsolisten bringen im Stuttgarter Theaterhaus Musik und Politik, Ernst und Spiel zusammen.
Die Neuen Vocalsolisten bringen im Stuttgarter Theaterhaus Musik und Politik, Ernst und Spiel zusammen.
Einmischen, protestieren, kommunizieren: Geht es nach der Intendantin von Musik der Jahrhunderte, dann ist es höchste Zeit für Kunst und Kulturschaffende, sich aus ihrer „Bubble“ heraus zu begeben. Damit meint Christine Fischer nicht nur das Verlassen der Neue-Musik-Nische und den Transfer von elaborierten Klängen zu bisher unerreichten Menschen. Sondern auch eine klare Positionierung. Diesem Ziel hat das Ensemble der Institution, die Neuen Vocalsolisten Stuttgart, schon immer zugearbeitet, doch mit besonderem Elan und besonderer Schärfe tut es dies am Sonntag im Abschlusskonzert des kleinen Eclat-Geschwisters „Der Sommer in Stuttgart“.
Die einführende Ansprache der Intendantin ist auch eine Selbstanklage: „Uns Kunstschaffenden ist es nicht gelungen, alle Menschen zusammenzubringen.“ Außerdem verweist sie auf die Situation im Libanon, die danach im Konzert zwei Werke libanesischer Komponierender spiegeln. In Cynthia Zavens „Madrigal d’essilio“ formt sich aus Anklängen an Madrigale von Gesualdo bis Sciarrino, aus orientalischen Verzierungen und (teilweise auch humorvollen) dialogischen Passagen eine eigene Klang-Identität. Deren Qualität ist auch ein Verdienst der extrem sauberen Intonation der Vocalsolisten. Zad Moultakas „Hummus“ hat ebenfalls Witz. Allerdings bleibt einem hier selbst bei Versen wie „Ich war vier Tage in einem Fass, / das ist sehr eng für einen Bass“ das Lachen im Halse stecken. Andreas Fischer verkörpert einen Mann, der das große Trauma seines Lebens, ein Massaker von Christen und Israelis in Beirut, verbergen will. Er schafft es nicht. Spricht mit banalen Sätzen von der Zubereitung der berühmten arabischen Kichererbsenpaste. Und gleitet dann („Vielleicht habe ich zu viel gegessen“) ab in die Erinnerung an die erlebte Gewalt, bis diese ganz von ihm Besitz ergreift. Zum Schlag einer großen Trommel erstickt er die Fragen all derjenigen, die im Kreis um ihn herumstehen; das Morden geht weiter.
Was für ein Solo, und was für ein Ensemble! Wie wandelbar die Neuen Vocalsolisten sind, beweisen sie gemeinsam mit der ägyptischen Komponistin und Performerin Aya Metwalli. Die reiht sich bei „Cabaret Bizarre“ ein in eine Gruppe orientalisch und weiblich gewandeter Sängerinnen und Sänger, die, lasziv ausgestreckt auf Sofa und Sesseln, einer subversiven wie spielerischen Gegenkultur ihre Stimmen leihen: sinnliche Sirenen im Kampf gegen dumpfe Elektronik.
„Kelimeler“ von Zeynep Gedizlioğlu ist unter den aufgeführten Werken dasjenige, das am stärksten von der Musik aus gedacht ist – einer Musik, die auch in Rhythmus und Klang der (hier türkischen) Sprache wohnt. Auch Silvia Rosani spielt in „T-O“ mit Klängen: Wind und (Mittel-)Meer sind zu hören. Doch der Raum dazwischen ist eine Grenze. Zwei Singende links, drei rechts; hier ankommende Geflüchtete, dort jene, die schon da sind. Erst bei Schlägen auf den Brustkorb finden die Akteure zusammen. Der Rest ist Hoffnung. Starkes Stück, starker Abend.