Neue Vorgaben der Deutschen Fußballliga Wie nachhaltig handelt der VfB Stuttgart?

Fußballstadien sind ein Stromfresser. Durch den Umbau der VfB-Arena soll der Stromverbrauch aber gesenkt werden. Foto:  

Die DFL hat ihren Clubs für die Lizenzierung mehr soziale Verantwortung und Umweltbewusstsein auf die Fahnen geschrieben. Der VfB hat die Zeichen der Zeit erkannt – muss aber mit Altlasten umgehen.

Jetzt hat der Begriff auch Einzug in den Sprachgebrauch des Big Business Profifußball gehalten: Nachhaltigkeit. Eine Wortschöpfung, der man früher allenfalls auf Grünen-Parteitagen begegnete. Ökologischer und sozial gerechter soll es zugehen in der neuen Welt. Ab sofort bitte schön auch in der Welt des Fußballs.

 

Umweltauflagen für die Lizenz

Am Montag hat die Deutsche Fußball Liga (DFL) eine Nachhaltigkeitsrichtlinie in ihrer Lizenzierungsordnung verankert. Ab der Saison 2023/24 müssen die Clubs der ersten und zweiten Liga für ihre Lizenz nicht mehr nur solides Wirtschaften nachweisen, sondern auch Mindestkriterien abseits nackter Zahlen erfüllen. Etwa beim Energie- und beim Wasserverbrauch, der für die meisten Vereine bisher kaum eine Rolle gespielt hat. Oder beim Verkehrsaufkommen an einem Spieltag. Eine „intelligente Mobilitäts- und Verkehrssteuerung“ hat die DFL ihren Mitgliedern auf die Fahnen geschrieben, mit dem Bestreben, dass nicht mehr jedes Wochenende Zigtausende Menschen mit ihren Autos die Straßen verstopfen, um ihren Lieblingsverein kicken zu sehen. Dritter zentraler Punkt der grünen Offensive zielt auf den Umgang untereinander. So müssen die Clubs einen Verhaltenskodex nachweisen, der sich von Diskriminierung abgrenzt und Gleichberechtigung hervorhebt.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Die Roten werden grüner

„Das Thema Nachhaltigkeit liegt allen Clubs am Herzen“, sagte DFL-Chefin Donata Hopfen. „Aber es gibt große Unterschiede. Einigen Clubs kann es nicht schnell und weit genug gehen, andere Clubs müssen erst entsprechende Strukturen schaffen.“ Während der SC Freiburg oder der FC St. Pauli Umweltbewusstsein und soziale Verantwortung schon vor Langem erkannt und zum Zweck der besseren Vermarktung genutzt haben, lag der Fokus anderer Vereine in erster Linie auf sportlichen und wirtschaftlichen Belangen. Wieder andere sind auf den Zug später aufgesprungen und holen nun auf. In diese Kategorie zählt der VfB.

Lesen Sie aus unserem Angebot: DFL erlaubt weiter fünf Auswechslungen

Mit großem Selbstverständnis trägt der Club aus Cannstatt seit einigen Jahren nach außen, dass es im Fußball um mehr geht als um Tore und Punkte. Regelmäßig werden Zeichen gegen Rassismus und für Toleranz gesetzt. Der Brustring und das VfB-Logo in Regenbogenfarben sind Ausdruck einer modernen Außendarstellung, die von Präsident Claus Vogt und Thomas Hitzlsperger auf den Weg gebracht wurde und von Alexander Wehrle fortgeführt werden soll.

Lesen Sie aus unserem Angebot: So viel geben die Clubs für Spielerberater aus

Auch in ökologischer Sicht sind beim Stuttgarter Fußballunternehmen Fortschritte zu erkennen, etwa in Form von CO2-Abgaben bei Flugreisen oder beim nun erfolgenden Stadionumbau. Eine neue LED-Beleuchtung und Solarpanels auf dem Stadiondach senken den Stromverbrauch merklich. Klar ist aber auch: Ein in weiten Teilen altes Stadion lässt sich nicht so einfach klimaneutral betreiben wie ein Neubau, wie ihn der SC Freiburg hingesetzt hat. „Man hätte zum Umbau für die WM 2006 schon mehr machen können. Jetzt muss man sich ein Stück weit mit Altlasten herumschlagen“, urteilt der Stuttgarter Umweltberater Klaus Amler.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Das steckt hinter den Zahlen zu den VfB-Finanzen

Niederschwellige Maßnahmen wie die Wiederverwertung eingerissenen Betons sollen helfen, die Umweltbilanz beim Stadionumbau aufzubessern. Gleichzeitig wird versucht, die Herkunftsbedingungen von der Stadionwurst bis hin zu Fanartikeln genauer unter die Lupe zu nehmen oder den Wasserverbrauch auf der Geschäftsstelle zu senken. Viele kleine Dinge, für die der VfB bereits vor einem Jahr von einer unabhängigen Gesellschaft als „sustain club“ (nachhaltiger Verein) ausgezeichnet wurde – neben Werder Bremen, Bayer Leverkusen, dem VfL Wolfsburg, FC St. Pauli und dem SC Paderborn.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Welche Verluste Corona dem VfB beschert hat

Im Bereich Soziales galten 76 Prozent der Kriterien, im Bereich Ökonomie 61 Prozent und bei Ökologie 48 Prozent erfüllt. Was zugleich bedeutet, dass noch viel Luft nach oben ist. Speziell was das Fanaufkommen angeht, das einen Großteil der CO2-Emissionen an einem Spieltag verursacht. Pläne für ein umweltfreundlicheres An- und Abreisekonzept gibt es schon lange, konnten durch die Pandemie aber nicht auf ihre Praxistauglichkeit getestet werden, heißt es beim VfB. Klar ist, dass es mit ein paar Fahrradständern nicht getan sein wird. Bald soll es einen neuen Anlauf geben.

So urteilt der Umweltberater

Umweltberater Amler hätte bestimmte Ideen: Der Verein könnte Anreize schaffen für all jene, die nicht mit dem Auto anreisen – oder zumindest diejenigen bei der Parkplatzvergabe belohnen, deren Auto möglichst voll besetzt ist. Amler, der die Bemühungen des Vereins für mehr Nachhaltigkeit genau verfolgt, kommt zu dem Schluss: „Vieles ist gewiss keine Weltrevolution. Und die Bundesliga ist auch nicht die Speerspitze der ökologischen Bewegung.“ Er erkennt aber an: „Der VfB gibt sich wirklich Mühe und hat engagierte Leute.“

Weitere Themen