InterviewNeuer Bezirksvorsteher von Stuttgart-Degerloch „Ich will nicht mit 100 Lösungen ankommen“

Von Tilman Baur 

Im neuen Jahr beginnt Marco-Oliver Luz als Bezirksvorsteher von Stuttgart-Degerloch. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt er, was er sich für den Stadtbezirk vorgenommen hat – 2020 und darüber hinaus.

Marco-Oliver Luz lebt in Sillenbuch, von dort sei er notfalls in fünf Minuten vor Ort in Degerloch, sagt er. Foto: Tilman Baur
Marco-Oliver Luz lebt in Sillenbuch, von dort sei er notfalls in fünf Minuten vor Ort in Degerloch, sagt er. Foto: Tilman Baur

Degerloch - Marco-Oliver Luz versteht seine neue Rolle als Bezirksvorsteher nicht als Dorfschultes, der wie in den 1950er Jahren durch den Ort läuft und das Volk grüßt. Er hat stattdessen anderes vor. Was, erklärt er im Interview. Und er sagt außerdem, was ihn an Degerloch reizt und was ihn an den Menschen im Bezirk besonders beeindruckt.

Herr Luz, der Gemeinderat hat Sie im Dezember mit großer Mehrheit zum neuen Bezirksvorsteher gewählt. Haben Sie mit dem klaren Ergebnis gerechnet?

Ehrlich gesagt nicht. Nach dem Votum elf zu zwei im Bezirksbeirat hatten ja schon einige gesagt, das sei eine sichere Sache. Aber ich habe nie die Demut verloren und immer gesagt, dass ich bis zuletzt kämpfe. Ich wollte einfach meinen Part gut erfüllen und nicht nach links oder rechts schauen – das habe ich im Sport schon immer so gemacht.

Sie sind Sportler?

Ich bin Spring- und Jagdreiter. Zwar nicht mehr ganz so aktiv, aber in der Jugend habe ich das intensiv betrieben. Heute mache ich viel Ausgleichssport, wandere, schwimme und fahre Trekking-Bike.

Haben Sie bereits die Downhillstrecke in Degerloch für sich entdeckt?

Nein, das noch nicht (lacht). Mit 43 wird man da vorsichtiger.

Als Bezirksvorsteher können Sie ihn jetzt ja mal ausprobieren. Was, glauben Sie, hat die Stadträte davon überzeugt, dass Sie der richtige Mann für Degerloch sind?

Sicher hat überzeugt, dass ich mich intensiv mit Degerloch beschäftigt habe. Es war mir wichtig, nicht gleich mit 100 Lösungen anzukommen, aber zu zeigen, dass man sich mit dem Bezirk auseinandergesetzt hat. Ich habe zwar auch versucht, darzustellen, was ich kann und bisher geleistet habe, den Fokus aber nicht auf mich, sondern auf Degerloch gelegt.

Auf welche Leistungen können Sie denn verweisen?

Ich habe die Abteilung Flüchtlinge im Sozialamt ab Februar 2016 aufgebaut. En miniature hatte ich in den letzten vier Jahren die Aufgaben eines Bezirksvorstehers: mit Fachverwaltungen und Politik kommunizieren, Brücken bauen, vernetzen, gestalten. Ich kann also sagen, ein gut bestelltes Haus zu hinterlassen. Jetzt würde ich diese Dinge gern über die Flüchtlinge hinaus ausweiten.

Und wie?

Ich denke an gesellschafts- und sozialpolitische Themen, an Pflege, an die Senioren. Das Thema Jugend ist mir in Degerloch ebenfalls wichtig. Auch Handel und Gewerbe interessieren mich als Verwaltungs- und Betriebswirt enorm. Als Bezirksvorsteher kann man in vielen Bereichen gestalten und Impulse setzen.

Das alles könnten Sie auch in anderen Bezirken tun. Was reizt Sie denn speziell an Degerloch?

Was mir an Degerloch ungemein gefällt, ist die engagierte Bürgerschaft, der Zusammenhalt, die Tatsache, dass man parteiübergreifend an Sachthemen arbeitet, um den Bezirk zusammen voranzubringen. Dieser Eindruck hat sich bisher in vielen Gesprächen bestätigt.

Sie haben einige Themen genannt, die Ihnen wichtig sind. Aber welche davon haben denn Priorität?

Das würde ich nicht hierarchisch sehen wollen, sondern themenspezifisch. Ich denke an Dinge wie neue Wohnformen, Pflege-WGs zum Beispiel und inklusives Wohnen. Da gilt es, dem gesellschaftlichen Wandel zu begegnen. In Degerloch werden wir ja den Stützpunkt von „Leben im Alter“ ins Bezirksrathaus bekommen. Diese Strukturen und Angebote öffentlich zu machen, ist mir sehr wichtig. Die Verwaltung soll im Stadtbezirk präsent sein.

Auch die Jugendarbeit haben Sie angesprochen.

Ja, denn man legt ja auch Grundlagen für die Zukunft. Man redet immer viel davon, die Jugend einzubinden, um die Demokratie zu sichern. Aber das muss eben auch umgesetzt und gelebt werden. Es ist schade, dass es keinen Jugendrat gibt. Aber auch da spüre ich in den Gesprächen mit Vereinen und Bezirksbeiräten den Drang, aus Schlagwörtern Handlungen zu machen.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Bezirksvorsteher? Sehen Sie sich als Moderator, oder sind Sie jemand, der auch mal eine Ansage macht?

Ich sehe mich als Interessensvertreter Degerlochs in der Stadtverwaltung. Ich gehe gern konstruktiv an Themen ran. Ich kann auch kontrovers diskutieren, aber wertschätzend und auf Augenhöhe miteinander umzugehen, ist mir wichtig. Ich sehe mich auch als Impulsgeber innerhalb des Bezirks. Dafür muss man gut informiert und mit der Fachverwaltung vernetzt sein.

Zuletzt haben sich die Klagen der Bezirksbeiräte gehäuft, zu spät oder gar nicht über Entscheidungen der Verwaltung informiert worden zu sein. Wie gehen Sie dieses Problem an?

Da sehe ich meine Rolle schon darin, auch mal die Hand zu heben und zu sagen: Leute, wir sind auch noch da. Schließlich liegt das Anhörungs- und Empfehlungsrecht beim Bezirksbeirat.

Wie wichtig ist es für Sie, sich auch mal unters Volk zu mischen?

Unters Volk mischen klingt mir zu monarchistisch. Ich verstehe mich nicht als Dorfschultes der 1950er Jahre, der durch den Ort läuft und das Volk grüßt. Ich sehe mich als Dienstleister, der vor Ort die Verwaltung und den Bezirk vertritt und ein offenes Ohr für die Menschen hat. Die besten Informationen bekommt man dann, wenn man mit den Menschen ins Gespräch kommt. Ich war schon immer mit den Menschen im Gespräch und sozial engagiert. Das wird auch erwartet – wer das nicht mag, sollte kein Bezirksvorsteher sein.

Wohnen Sie denn bereits in Degerloch?

Ich wohne in Sillenbuch, wo ich seit 15 Jahren wohne und mich sehr wohlfühle. Wenn es einen Notfall gibt, bin ich rund um die Uhr erreichbar – so habe ich das bislang gehandhabt, und so will ich das auch in Degerloch beibehalten. In fünf Minuten bin ich vor Ort.

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