Neuer bundesweiter Leistungsvergleich Den Schulen in Baden-Württemberg droht ein Absturz

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Der neue Ländervergleich zu den Leistungen von Neuntklässlern soll erst am Freitag veröffentlicht werden. Doch er lässt für Baden-Württemberg nichts Gutes ahnen.

Musterschüler war einmal. Baden-Württembergs Schüler zeigen große Lücken. Foto: dpa
Musterschüler war einmal. Baden-Württembergs Schüler zeigen große Lücken. Foto: dpa

Stuttgart - Noch hat der Landtag am Mittwoch über die Lehrerstellen gestritten, da kündigte Kultusministerin Suanne Eisenmann (CDU) indirekt schon neuen Ärger an. Am Freitag fällt ausgerechnet der Baden-Württembergerin die Aufgabe zu, für die Kultusministerkonferenz in Berlin die Ergebnisse der neuesten Studie des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) zu präsentieren. Das dürfte für Susanne Eisenmann kein reines Vergnügen werden. Details der Studie sind noch nicht bekannt, doch es ist durchgesickert, dass Baden-Württemberg bei dem Test in Deutsch und Fremdsprachen in der bundesweiten Rangliste beispiellos aus den Spitzenplätzen auf die hinteren Ränge abgestürzt ist und deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt liegt.

In der Landtagsdebatte ging die Ministerin zwar nicht auf die Meldungen der „Südwest Presse“ ein, sie sagte jedoch mit Blick auf die am Freitag bevorstehende Präsentation: „Wir haben ein Qualitätsproblem an unseren Schulen und ich mache mir große Sorgen, dass wir das nächste Woche noch einmal ganz anders diskutieren werden.“ Aus Baden-Württemberg nahmen 180 zufällig ausgewählte Haupt-, Werkreal- und Realschulen sowie Gymnasien teil. Die 2012 eingeführten Gemeinschaftsschulen hatten im Jahr 2015 noch keine neunten Klassen und sind damit in der Vergleichsstudie nicht vertreten.

Stoch warnt vor „den üblichen Reflexen“

Ihrem Amtsvorgänger Andreas Stoch (SPD) unterstellte Eisenmann im Landtag, er bereite „schon das Wording für die IQB-Studie vor“. Tatsächlich erklärte Stoch zum bisher bekannt gewordenen Abschneiden der Neuntklässler aus 180 Schulen im Land: „Die Ergebnisse sind schlecht“. Allerdings würden sie „eine saubere Ursachenanalyse“ verlangen. Er warnte vor „den üblichen Reflexen und billigen Schuldzuweisungen“. Die Verschlechterungen hätten sich bereits vor dem Jahr 2010 abgezeichnet, sagte Stoch, der von Januar 2013 bis Mai 2016 Kultusminister war. Eine Umkehr bei der Qualität schaffe man im Bildungswesen aber nicht auf Knopfdruck, erklärte der SPD-Politiker. Er zeigte sich davon überzeugt, dass die grün-rote Landesregierung die Weichen richtig gestellt hätten, und verwies auf den Ausbau der frühkindlichen Bildung und die Stärkung der Grundschulen. Auch sei ein neuer Bildungsplan auf den Weg gebracht worden. Stoch merkte ferner an, dass die Grundschulempfehlung bei der Studie kein Faktor gewesen sein könne. Grün-Rot hatte die Verbindlichkeit der Empfehlung zum Schuljahr 2012/13 abgeschafft.

CDU sieht die Schuld bei Grün-Rot

Der CDU-Generalsekretär Manuel Hagel wertet die vorab bekannt gewordenen Ergebnisse der Studie indes als „Armutszeugnis für fünf Jahre grün-rote Bildungspolitik“. Die SPD habe es „tatsächlich geschafft, das Bildungsniveau im Land vom Porsche zum Trabi zu entwickeln“. Mit Susanne Eisenmann dagegen würden die Schüler wieder „ein Bildungssystem erster Klasse“ ­bekommen.

Die FDP verweist auf die Ergebnisse des Leistungsvergleichs der Achtklässler (Vera8), die im Juli erhebliche Mängel im Schreiben und Rechnen offenbart hatten. Das könnte den Verdacht eines Zusammenhangs zwischen der grün-roten Bildungspolitik und dem Absteigen des Bundeslandes erhärten, vermutet der FDP-Bildungspolitiker Timm Kern. Schließlich habe Baden-Württemberg beim IQB-Vergleich 2010 noch in der Spitzengruppe gelegen. Was jetzt Not tue, sei „eine Qualitätsoffensive mit verlässlichen Bedingungen und mehr Eigenverantwortung für die Schulen, damit dem Leistungsgedanken wieder stärker zur Durchsetzung verholfen werden kann“, erklärte Kern.

Wirtschaft verlangt Effizienzdebatte

Auch die Wirtschaft mahnt eine „intensive landespolitische Qualitäts- und Effizienzdebatte über das Schulsystem“ an. Die zu erwartende IQB-Studie zeige, wie es um die Ausbildungsreife vieler Schulabgänger im Land wirklich bestellt sei, sagte Peer-Michael Dick, der Hauptgeschäftsführer der Arbeitgeber Baden-Württemberg. Allein mit dem Ruf nach mehr Lehrerstellen werde man die Probleme nicht lösen, so Dick. Er verweist auf Bayern, das eine schlechtere Schüler-Lehrer-Relation habe als Baden-Württemberg und bei den Schulleistungen deutlich besser abschneide.

Im Landtag hatte sich Andreas Stoch für die SPD entschieden gegen die geplante Streichung von Lehrerstellen gewehrt. „Das geht nicht ohne erheblichen Qualitätsverlust“, sagte Stoch. Für die Grünen versicherte deren Bildungspolitikerin Sandra Boser, künftig sollten die Lehrerstellen „qualitativ hochwertig“ eingesetzt werden. Wenn Stellen gestrichen würden, würden die aktuellen Schülerzahlen berücksichtigt. Kultusministerin Eisenmann bekannte sich zu den Sparbemühungen der Landesregierung. „Wir müssen 633 Stellen abbauen, das werden wir tun.“ Auch werde das Ministerium den Konsolidierungsbeitrag von 31,2 Millionen Euro leisten. Eisenmann hatte jedoch nach einem Alarmruf von der Finanzministerin Edith Sitzmann einen Nachschlag von neun Millionen für das kommenden Schuljahr bekommen. Jetzt sagt Eisenmann: „Wir haben eine sehr gute Lösung für den Bildungsetat.“ Der SPD warf sie vor, die Pläne seien nicht durchfinanziert gewesen.

11 Kommentare Kommentar schreiben

Tja, das kommt bei Grün-Rot raus: Die in den letzten Jahren von der grünen Landesregierung vollzogene Bildungsreform in Baden-Württemberg ließ schon damals keinen Zweifel an der Entwicklung. Gegenargumente wurden nicht ernst genommen. Schwächen im System schön geredet. Genau das wird jetzt wieder passieren, statt die Ursache des Problems anzugehen. Das Aufweichen der Zuweisung zu den weiterführenden Schularten und das Prinzip Gesamtschule sind diese Ursache. Lehrer wissen besser als die Eltern welche schulischen Fähigkeiten ein Kind hat. Ein Hauptschüler gehört in die Hauptschule und nicht in das Gymnasium, auch wenn die Eltern im Sprössling einen "Einstein" sehen. Dort werden die Kinder leistungsgemäß gefördert. Die Gesamtschule in der alle in einen Topf geworfen werden und leistungsschwache Schüler und Spitzenschüler in einer Klasse sind, erreichen das Gegenteil von dem was das theoretische Modell vorsieht. Schwache Schüler werden nicht von den guten mitgezogen sondern gute Schüler gebremst, weil das "schwächste Glied" den Takt vorgibt. Leider sind auch die hierfür verantwortlichen Politiker weder lern- noch kritikfähig. Um sich das Ganze schön zu reden, werden gerne Beispiele wie in Skandinavien oder anderen Ländern herangezogen, in denen das Prinzip funktioniert. Leider sind diese Beispiele überhaupt nicht mit Deutschland vergleichbar. In Skandinavien bestehen Schulklassen oft aus 12-14 Schülern, die teilweise von zwei Lehrern betreut werden. In Deutschland sind es gerne mal 30-35 Schüler. Auch das Bildungsniveau liegt in Skandinavien deutlich enger zusammen. Um ein höheres Bildungsniveau zu erreichen hilft nur die Schüler stärker nach Leistung zu trennen und entsprechend gezielt zu fördern. Warum nicht die drei Schularten wieder einführen und eine weitere für Eliteschüler mit herausragenden Leistungen. Dabei Klassengrößen auf 15 Schüler pro Klasse beschränken. Das kostet mehr Geld, ist aber eine Investition in die Zukunft. Geld ist genug vorhanden, wenn man bedenkt wie leicht die Milliarden für das Flüchtlingsprogramm oder die Bankenrettung lockergemacht wurden.

Nicht nur den Schulen: droht der Absturz, die gesamte Gesellschaft ist drauf und dran abzustürzen. Das ,, Ländle ,, ist nur der Platzhalter dafür. Merke : ,,Dummheit ist eine Begleiterscheinung , die von einer zunehmenden Zahl von Zeit-Genossen als Intelligenz interpretiert wird. Wir sind auf dem besten Wege unsere zunehmend kollektive Verdummung als intelligenten Vorteil gegenüber anderen zu verstehen. Die Politik hat auch hier ganze Arbeit geleistet ,,.

Bildung vs Beton: man kann auch in Baden-Württemberg das Geld nur einmal ausgeben. Leider hat man sich dafür entschieden, die Milliarden in eine überflüssige Baugrube mitten in Stuttgart zu kippen. Nun bekommt man eben die Quittung dafür..

Naja: Wenn Sie Ihre Aussage dahingehend überprüfen, dass man das Geld nur einmal erwirtschaften kann, dann ergibt es Sinn. Aber erwirtschaften ist ja mit Arbeit und Verantwortung verbunden. Davor scheut ja die Generation der Maybes (https://www.welt.de/debatte/kommentare/article13939962/Generation-Maybe-hat-sich-im-Entweder-oder-verrannt.html), die alle Vorzüge geniessen, aber keinerlei Verpflichtung übernehmen wollen oder können. Denken Sie nach, bevor Sie die Quittung präsentiert bekommen.

Nur Statistik: So auffällig die Ergebnisse sein mögen - Statistiken können GRUNDSÄTZLICH keine Ursachen angeben, dafür sind spezielle Ursachen-Untersuchungen notwendig. Man nehme nur das bekannte Beispiel, dass laut Statistik der IQ der Bevölkerung mit wachsendem Abstand zum Zentrum von z.B. Stuttgart sinkt ... man wird aber nicht dümmer, nur weil man mit dem Auto aus Stuttgart raus fährt !Jeder, der jetzt schon Ursachen vorgibt, demonstriert nur seine Anungslosigkeit in Bezug auf Statistik! Zudem betreibt die Studie nur innerdeutsche Vergleiche, dagegen sind nur internationale Vergleichsstudien wirklich aussagekräftig. Die Idee der Wirtschaft für eine Qualitätsoffensive ist auch nur so lange gut, wie sie erklärt, wer das bezahlt! Aber ohne zu erklären, woher die Finanzmittel und die schon jetzt fehlenden Lehrkräfte kommen sollen, ist jeder Vorschlag nur für den Papierkorb geeignet! Also: Es wird erst dann spannend, wenn die Ursachen genauer erforscht wurden. Bis dahin muss man sich eben viel faktenfreies Geschwätz anhören ...

"Früchte" der Einflüsterungen von OECD und Bertelsmann-Stiftung: ...das kommt eben davon, wenn man als Bildungspolitiker seit dem PISA-Schwindel das Hirn ausgeschaltet hat und sich alles hat diktieren lassen von neoliberalen, einflussreichen Think-Tanks wie OECD, Bertelsmann-Stiftung, Robert-Bosch-Stiftung etc. und zwar nicht perfekte, aber doch insgesamt bewährte Strukturen der Bildungslandschaft im Südwesten geschleift hat zu Gunsten einer auf ökonomische Verwertbarkeit reduzierten "Kompetenz-Orientierung" und zu Gunsten einer nur vermeintlich sozialstaatlichen Bildungsesoterik. Das fing schon unter Annette Schavan und ihren neoliberalen Einflüsterern eben bei OECD und Bertelsmann-Stiftung an und wurde unter den SPD-Ministern Warminski-Leitheußer und Stoch und deren bildungsesoterischen Einflüsterern wie Peter Fratton und Gerald Hüther und auch dort genauso OECD, Bertelsmann und Konsorten noch viel schlimmer. Was die PISA-Studie alles schon an Schaden angerichtet hat, ist jeneseits von Gut und Böse.

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