Stuttgart - Es ist Ende Juni 2013, die Sonne strahlt auf der Gerlinger Schillerhöhe, doch vor der Bosch-Firmenzentrale gibt es Ärger. Zwischen 1500 und 2000 Demonstranten protestieren fahnenschwenkend und lautstark dagegen, dass Bosch die Solarsparte nach Milliardenverlusten abstoßen will. Es geht um die Jobs von 3000 Mitarbeitern. Stefan Hartung ist damals in der Bosch-Geschäftsführung zuständig für die Energie- und Gebäudetechnik und damit für das Solargeschäft.
Hartung duckt sich nicht weg, sondern stellt sich an diesem Tag den Fragen der Journalisten – ein außergewöhnlicher Schritt. Doch in der Sache bleibt er hart. Auch in Zukunft sei mit der Fotovoltaik kein rentables Geschäft möglich, begründet der bullige Manager in einem Konferenzraum im Erdgeschoss der Konzernzentrale die Entscheidung, die Reißleine bei der Solartechnik zu ziehen. Er wirbt um Verständnis: Man sei sehr „sauber und ordentlich“ vorgegangen. Das Bonner Unternehmen Solarworld versucht sich später erfolglos als Sanierer der Solarsparte.
Scheut harte Entscheidungen nicht
Der Aufbau der Solarsparte war ein Herzensprojekt des früheren Bosch-Chefs Franz Fehrenbach. Der hatte damals gerade die Führung an Volkmar Denner abgegeben. Das Krisenmanagement bei der Trennung von der Solarsparte, später dann der Verkauf des Bereichs Verpackungsmaschinen in Waiblingen und zuletzt der Chefposten bei der Autosparte dürften dazu beigetragen haben, dass Stefan Hartung nun Nachfolger Denners wird.
Der Job als oberster Automann des Konzerns, den Hartung seit 2019 inne hat, gilt angesichts der Transformation in der Branche als der schwierigste im Bosch-Management und erfordert auch harte Entscheidungen, die der Manager nicht scheut.
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Führungskräfte loben Hartung
Die konsequente Umsetzung von Entscheidungen hat ihn bei vielen Mitarbeitern nicht unbedingt beliebt gemacht. Bei den Führungskräften jedoch hört man großes Lob. „Hartung ist ein interessanter Typ. Sehr kommunikativ. Und unglaublich schnell im Kopf“, sagt ein ehemaliger hochrangiger Manager.
„Ein empathischer, offener Typ, total jovial, aber nicht aufgesetzt“, beschreibt ihn ein anderer, der lange mit ihm zusammengearbeitet hat. Der Dortmunder, Vater zweier Kinder, gehe offen auf die Leute zu und sei auch ein glänzender Verkäufer. Das hat er schon am Stuttgarter Weihnachtsmarkt unter Beweis gestellt, wo er einst für eine Spendenaktion im Sekundentakt Akkuschrauber verkauft hat. Dass der promovierte Maschinenbauer auch ein begeisterter Techi ist, hat er im Kreis von Journalisten bewiesen. Beim Diskussionsthema Smarthome hat Hartung schon mal kurzerhand sein Handy gezückt, um zu demonstrieren, wie das im eigenen Heim mit der Vernetzung läuft. „Menschlich offen, hart in der Sache und ein Mann für schwierige Baustellen“, beschreibt ihn der einstige Weggefährte – aus Konzernsicht offenbar genau der Richtige, um die Geschäfte zukunftsfähig aufzustellen.
Franz Fehrenbach scheidet nach 47 Jahren aus
Unterschiedlicher könnten die Charaktere von Denner und Hartung damit kaum sein. Auf der einen Seite der gut gelaunte und gerne lachende Hartung. Auf der anderen Seite der eher ernste, zurückhaltende Denner. Eigentlich strebte Denner zunächst keine unternehmerische Karriere an. Der gebürtige Uhinger wollte nach dem Studium der Physik in Stuttgart Wissenschaftler werden. An der Uni gab es aber nur befristete Stellen – und er wollte eine Familien gründen. Der Vater dreier Kinder schaffte bei Bosch den Aufstieg vom Fachreferenten für die Entwicklung von Leistungshalbleitern bis zum Konzernchef. Anders als seine Vorgänger übernimmt er nun nicht die Führung des Aufsichtsrats und der Robert Bosch Industrietreuhand KG, die als eigentliches Machtzentrum des Konzerns gilt. Denner wird wissenschaftlicher Berater der Bosch-Gruppe bei der Quantentechnologie. Neuer Aufsichtsratschef und Chef der Industrietreuhand wird der bisherige Finanzchef Stefan Asenkerschbaumer, der mit 65 Jahren aus der Geschäftsführung ausscheidet. Der bisherige Finanzchef löst in beiden Schlüsselpositionen den früheren Bosch-Chef Fehrenbach ab. Fehrenbach scheidet nach 47 Jahren bei Bosch aus, weil er die bei der Industrietreuhand geltende interne Altersgrenze von 72 Jahren am 1. Juli erreicht.
Pandemie und Chipmangel bremsen
Auf den künftigen Bosch-Chef warten hingegen gewaltige Herausforderungen. Zwar ist Bosch vergleichsweise gut durchs Coronajahr 2020 gekommen – aber mit Pandemie, Chipmangel, generellen Schwierigkeiten in der Lieferkette und dem epochalen Umbruch in der Automobilindustrie hat der Stuttgarter Technologiekonzern viele Baustellen zu bearbeiten.
Als weltgrößter Zulieferer ist Bosch besonders von der Transformation der Branche hin zu Elektromobilität und Digitalisierung betroffen, denn mit 42 Milliarden von 71,5 Milliarden Euro Konzernumsatz ist die Mobilitätssparte die mit Abstand wichtigste Säule des Konzerns mit seinen rund 400 000 Beschäftigten. In einem Interview sprach Bosch-Chef Volkmar Denner jüngst nicht ohne Grund von einem „Schicksalsjahr“ für die Autoindustrie.
Bosch holt bei der E-Mobilität auf
Die Autobauer wetteifern um den schnellstmöglichen Ausstieg vom Verbrenner, was einen Zulieferer wie Bosch, der Milliardenumsätze mit Komponenten für Diesel- und Benzinmotorenmacht, hart trifft. Zwar holt Bosch in Sachen Elektromobilität auf. Der Konzern hat die Investitionen in diesem Bereich allein in diesem Jahr auf 700 Millionen aufgestockt. Und der Umsatz damit soll sich bis zum Jahr 2025 auf fünf Milliarden Euro verfünffachen.
Wegbrechende Umsätze lassen sich aber damit nur zum Teil kompensieren, und die Beschäftigung in den Werken lässt sich damit nicht in vollem Umfang sichern; die Wertschöpfung beim E-Auto ist niedriger, es werden weniger Beschäftigte benötigt. Auf Köpfe gerechnet liegt das Beschäftigungsverhältnis Diesel zu Benziner zu E-Auto bei 10:3:1.
Hohe Bußgelder im Dieselskandal
Die größte Herausforderung für den neuen Bosch-Chef dürfte aber sein, den mit der Transformation einhergehenden Personalabbau möglichst sozialverträglich zu gestalten und neue zukunftsträchtige Produkte an die betroffenen Standorte zu holen.
Der Konzern, der in den Dieselskandal verwickelt war und zum Teil hohe Bußgelder gezahlt hat, trommelt für die Einführung von synthetischem Kraftstoff. Ob Hartung damit Erfolg hat, ist fraglich. In der Branche scheint alles auf batterieelektrische Autos hinauszulaufen. Womöglich rächt es sich jetzt, dass Bosch vor einigen Jahren beschlossen hat, keine Batteriezellen zu fertigen.
In vielen Produkten steckt Bosch-Technologie – im Auto, im Handy, im Akkuschrauber, in der Heizung, in der Waschmaschine oder im E-Bike. Boschs Stärken liegen bei Software und digitaler Vernetzung. Mit Produkten, die Künstliche Intelligenz (KI) nutzen, will Bosch in den nächsten Jahren einen Milliardenumsatz erreichen. Noch eine Mammutaufgabe für den Mann für schwierige Baustellen.