Stuttgart - Als krisenerprobt gilt er, als durchsetzungsfähig und als ein hartnäckiger Verhandler: In den Jahren als Amtschef im Verkehrsministerium hat Uwe Lahl mitunter auch mit harten Bandagen die Interessen seines Dienstherrn – Minister Winfried Hermann (Grüne) – loyal durchgefochten. Sei es mit den Gegnern der von Gerichten verfügten Fahrverbote, mit Eisenbahngewerkschaften oder den neuen, ins Land geholten Bahnbetreibern, die das Monopol der Deutschen Bahn ablösten. Lahl rief Wochenrunden – Jour fixe genannt – ein, um etwas gegen die Unpünktlichkeit und die Zugausfälle zu tun, mit der auch die neuen Verkehrsunternehmen am Beginn zu kämpfen hatten. Und er machte Druck auf die Zughersteller Bombardier und Stadler, die mit ihren Lieferschwierigkeiten ein Teil des Problems waren.
In einer langen Sitzung muss auch mal gelacht werden
Dass er als „harter Hund“ gilt, das weiß Uwe Lahl, aber er rückt das Image etwas gerade. Man müsse auch Lob und Anerkennung für gute Arbeit aussprechen, sonst sei das demotivierend. So habe er mit den Bahnbetreibern ähnlich wie bei den „Mitarbeitern des Monates“, die „beste Woche“ der Qualität im Schienenpersonennahverkehr ausgelobt – die ging dann mal an Abellio, mal an Go-Ahead oder auch an die DB Regio. Auch was die Führung der Mitarbeiter anbelangt, folgt Lahl nach eigenem Bekunden eher soften Prinzipien: „Die Mitarbeiter müssen gerne zu dir ins Büro kommen, es muss offen geredet werden können. Bei längeren Terminen und Sitzungen muss mindestens einmal gelacht werden.“
Seine Widerborstigkeit muss Winfried Hermann gefallen haben
Und dennoch: Es war wohl eine gewisse Widerborstigkeit, die dem grünen Politiker Winfried Hermann an Uwe Lahl einst gefallen haben muss, als er ihn kennenlernte. Lahl war von 2001 bis 2009 Ministerialdirektor im Bundesumweltministerium in Berlin, erst unter Jürgen Trittin (Grüne), dann unter Sigmar Gabriel (SPD). Da hatte er als Leiter der Abteilung Immissionsschutz und Gesundheit, Anlagen- und Chemikaliensicherheit sowie Verkehr auch mit dem damaligen Vorsitzenden des Verkehrsausschusses im Bundestag, Hermann, zu tun. Dessen Wünsche auch mal abzubürsten – „der wollte dies und jenes vom Ministerium, das konnten wir gar nicht alles leisten“ – erforderte wohl auch Standhaftigkeit.
Als Minister Hermann 2014 einen Amtschef brauchte, erinnerte er sich an Lahl, holte ihn von seinem Posten als einer der Geschäftsführer eines Beratungsunternehmens in Oyten bei Bremen nach Stuttgart. Seinen Job im Verkehrsressort muss Lahl gut gemacht haben, jedenfalls kam kürzlich die Nachricht, dass er als Amtschef aus dem Verkehrsministerium an das durch die Coronakrise gebeutelte Sozialministerium wechseln werde. Wie kam es zu dem Wechsel? Da sei ein Anruf erfolgt, sagt Lahl. Von wem? Er lacht: „Aus dem Olymp.“
Erst von der Schule geflogen und später dann Professor
Erst Umwelt, dann Verkehr, jetzt Corona: Die Laufbahn des gebürtigen Bremers zeigt, wie wendig er ist. Im Alter von 17 Jahren flog er „wegen Disziplinlosigkeit“ von der Schule, absolvierte eine Lehre als Chemielaborant, und es dämmerte dann rasch die Erkenntnis, dass er studieren wollte. „Also bimste ich in der Lehrzeit für die Schule, holte das Abitur nach.“ Später folgten das Lehramtsstudium für Deutsch und Chemie in Bremen, eine Promotion im Fach Chemie und die Habilitation an der TU Darmstadt zu Fragen der Stoffstromanalyse im Immissionsschutz. Zu den Themen hat er außerplanmäßige Professuren an der TU Darmstadt und an der „Universitas Indonesia“ in Jakarta.
Ein Ministeramt hat Lahl nie angestrebt, politisch hat der Parteilose auch keine Ambitionen. „Ich sehe mich als Obermaschinist, der Minister ist der Kapitän, und der steht auf der Brücke. Wichtig ist, dass die Chemie zwischen beiden stimmt.“ Als er damals im Verkehrsministerium anfing, so Lahl, habe er „erst mal schnell viele Entscheidungen auf den Weg bringen müssen“. Möglich, dass es im Sozialministerium ähnlich läuft. Dort werde „unter hohem Druck wahnsinnig intensiv gearbeitet“, sagt der neue Amtschef. „Ich muss nicht in jedes Detail Einblick haben. Ich werde nicht dafür bezahlt, dass ich schlauer bin als meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“ Das sei er ja auch nicht. Aber es gehe darum, „die Statik von Entscheidungen zu verstehen“. „Es ist wie bei einem Haus: Wo sind die tragenden Wände, wo sind die Zwischenwände?“
Die große Herausforderung wird das Massenimpfen ab Mai
Frisch im Sozialministerium legte sich Lahl rasch mit der Stadt Stuttgart an, da die trotz absehbarer Risiken eine Coronademonstration erlaubt hatte. Jetzt ist seine Arbeitswoche gefüllt mit der Planung für die Zeit, wenn im Mai, Juni und Juli hohe Impfmengen zur Verfügung stehen und die wöchentliche Kapazität auf 500 000 bis eine Million Impfungen in Baden-Württemberg steigt. Auf drei Säulen – Impfzentren, Ärzte und Zahnärzte sowie Betriebsärzte – soll dann das große Impfen beruhen. „Die Leute erwarten zu Recht, dass wir die gelieferten Impfmengen schnell verimpfen“, so Lahl. Er hoffe, dass „wir unser altes Leben im August wieder haben“, falls eine gute Durchimpfung gelinge.
Im Tagesgeschäft ist Lahl auch mit der Verteilung befasst: da sei dieser „Hotspot“, der höhere Mengen verlange, oder jener Landrat, weil sein Kreis in der Nähe von Frankreich liege oder bei ihm eine besondere Einrichtung mit hohem Risikopotenzial betrieben werde. Beim Impfgipfel am Freitag werde man Antworten geben.
Ein Fan von Werder Bremen – und den Volleyballerinnen von MTV Allianz Stuttgart
Lahls Vertrag – er ist angestellt – läuft bis zur neuen Regierungsbildung. Ob ihm eine Verlängerung angeboten wird bis Ende der Pandemie? Er weiß es nicht. Spaß mache ihm der Job. Sein privater Rückhalt wird gespeist aus dem hohen Norden: Lahl ist verheiratet und hat vier Kinder – alle schon außer Haus – und zwei Enkel. Das Familienheim bei Bremen ist und bleibt sein Lebensmittelpunkt. „Ich muss gestehen, vor Corona war ich Vielflieger“, sagt Lahl. Wegen des Mercedes-Werks in Bremen gebe es eine gute Flugverbindung. In Stuttgart nutzt er konsequent sein Dienst-E-Bike. Natürlich ist Lahl Werder-Bremen-Fan. Aber für schwäbischen Profisport hat er auch sein Herz entdeckt: „Vor Corona haben ich und meine Frau, wenn sie am Wochenende in Stuttgart war, regelmäßig die Volleyballerinnen von MTV Allianz Stuttgart angefeuert.“ Jetzt drückten sie ihren „Mädels“ die Daumen bei den Play-offs im Finale der Volleyball-Bundesliga.