Neuer Denkmalführer Stuttgarts Baugeschichte in der Tasche
Kompakt und gut zu lesen: Der Denkmal-Experte Christian Ottersbach stellt in seinem neuen Architekturführer Stuttgarts Kulturdenkmale vom Römerkastell bis zum Fernsehturm vor.
Kompakt und gut zu lesen: Der Denkmal-Experte Christian Ottersbach stellt in seinem neuen Architekturführer Stuttgarts Kulturdenkmale vom Römerkastell bis zum Fernsehturm vor.
Goethe schrieb 1819 in einem Brief an Friedrich von Müller: „Man sieht nur, was man weiß.“ Ein Gemeinplatz mittlerweile und dennoch Richtschnur und Anlass für Bücher wie dieses: Bücher, die Kunstwerke erklären, in einen historischen, topologischen, ideengeschichtlichen Kontext einordnen und vielleicht auch bewerten und dem Rezipienten den Zugang zu den Kunst- und Baudenkmalen erleichtern oder erst ermöglichen.
Eine kaum überschaubare Zahl an Architekturführern versucht sich an dieser Vermittleraufgabe. Auch für Stuttgart gibt es einige gedruckte Cicerones, also: Fremdenführer. Der jüngste, den der Bauhistoriker Christian Ottersbach vorgelegt hat, ragt freilich heraus. Er ist im Rahmen der Inventarisationsarbeit des Landesdenkmalamts entstanden, und das ist den Texten deutlich anzumerken. Sind Architekturführer gemeinhin Kompilationen der Fakten aus mehr oder weniger intensivem Literaturstudium, so basieren Ottersbachs Texte auf dem im Denkmalamt gesammelten Archivwissen über die jeweiligen Objekte. Hinzu kommt die profunde Einbindung in die Stadt-, Kultur- und Architekturgeschichte.
Das drückt sich in einer weiteren Sonderheit aus. Die Objekte sind nicht, wie üblich, auf dem Stadtplan durchnummeriert und in dieser Reihenfolge abgehandelt, sondern in bautypologischen Kapiteln zusammengefasst. Immer wieder liest man sich beim Blättern in dem gut bebilderten Buch fest und verfolgt in den jeweils mit einer Einführung versehenen 16 Themenkapiteln die Entwicklung etwa der „Bauten der Herrschaft und der Regierung“ vom Römerkastell bis zum Landtag, der Bauten für „Recht und Ordnung“ von der Alten Kanzlei bis zur JVA Stammheim, der „Bauten für den Verkehr“ vom Hohlweg Stuttgart–Esslingen in Gaisburg bis zur Standseilbahn Degerloch oder der „Bauten für Lehre und Forschung“ vom Alten Schulhaus in Vaihingen (1707) bis zu Frei Ottos Institutszelt auf dem Campus in Vaihingen.
Nicht jeder alteingesessene Stuttgarter wird wissen, dass der berühmte Hans Scharoun mit „Romeo und Julia“ in Rot die ersten Wohnhochhäuser der Nachkriegszeit in Deutschland gebaut hat. Mit noch heute interessanten und tauglichen Grundrissen übrigens. Man erfährt, was es mit den Weinbauterrassen an Kriegsberg oder Zuckerberg auf sich hat, dass das Gewächshaus, in dem Gottlieb Daimler 1884 seinen ersten Motor gebastelt hat, tatsächlich noch existiert und wo der Eingang zum Christophstollen am Bärensee zu finden ist.
Der älteste Kultbau? Die Reste des gallo-römischen Umgangstempels im Rotwildpark. Burgen aus dem 13. Jahrhundert? In Botnang und in Feuerbach sind deren Reste zu besichtigen (zwei von ehemals 38 auf Stuttgarter Markung).
Und am anderen Ende der Zeitschiene wird vom Architektenzwist zwischen Günter Behnisch und James Stirling anlässlich des Baus der Neuen Staatsgalerie berichtet und an welche historischen Vorbilder dessen bedeutendste Bauten der Postmoderne in Deutschland den kundigen Besucher erinnern mögen.
Eine komplette Baugeschichte Stuttgarts anhand von Anschauungsobjekten also, kompakt und gut zu lesen. Was fehlt: ein QR-Code, der zu einem Stadtplan mit den eingezeichneten Objekten führt.
Christian Ottersbach: Stuttgart – Kulturdenkmale vom Römerkastell bis zum Fernsehturm. Jan-Thorbecke-Verlag, Stuttgart. 296 Seiten, 24 Euro.