Andreas Schell So tickt der neue EnBW-Chef

Der 53-jährige Andreas Schell wechselt vom Bodensee auf den Chefsessel der EnBW. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Der neue EnBW-Chef Andreas Schell hält es für dringend notwendig, die Energiewende zu beschleunigen. Fürs erste bremst ihn aber Corona aus.

Die Agenda stand eigentlich schon seit Wochen: Andreas Schells erster Weg als neuer EnBW-Vorstandsvorsitzender sollte zu den Azubis in die Lehrwerkstatt des Rheinhafen-Dampfkraftwerks in Karlsruhe führen. Dann waren Treffen mit verschiedenen Gruppen des Unternehmens geplant – auch ein Auftritt vor der gesamten Belegschaft, der an alle Standorte übertragen werden sollte. Nun kommt es anders: Schell wurde am Wochenende positiv auf Covid-19 getestet – es geht ihm gut, aber vorsichtshalber wird der neue EnBW-Chef alle Termine vorerst nur virtuell wahrnehmen.

 

Der 53-Jährige Manager kommt von Rolls Royce Power Systems mit Sitz in Friedrichshafen, das unter der Marke MTU Antriebs- und Energielösungen anbietet – beispielsweise für Schiffe, Schienenfahrzeuge, Flughäfen und Krankenhäuser. Da sein Arbeitgeber auf Einhaltung des Vertrags pochte, tritt Schell erst sechs Wochen nach dem Ausscheiden seines Vorgängers Frank Mastiaux an, der im Juni 2021 angekündigt hatte, den Konzern Ende September verlassen zu wollen. Sechs Wochen Vakanz, die Schell – vor allem aber dem EnBW-Aufsichtsrat – im Vorfeld Kritik einbrachten.

Sechs Wochen Vakanz

In herausfordernden Zeiten für die Energiebranche und die EnBW, zu der nicht nur das Atomkraftwerk Neckarwestheim gehört, sondern auch der angesichts enorm gestiegener Preise angeschlagene Gasimporteur VNG, sei es nicht vertretbar, dass der Konzern so lange ohne Chef dastehe, sagte etwa der FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke der „FAZ“, die ihrerseits ätzte: „Wenn EnBW in diesen sechs Wochen keinen Vorstandsvorsitzenden braucht, dann kann sich der Aufsichtsrat für die restliche Zeit die Position ebenfalls sparen.“

Schell nimmt das gelassen. Ohnehin macht der studierte Maschinenbauer nicht den Eindruck, als wollte er bei der EnBW mit einem brachialen Einstand von sich reden machen. Er habe in den vergangenen Wochen jede freie Minute genutzt, um sich auf die neue Position vorzubereiten, sagt Schell – unter anderem anhand einer gemeinsam mit seinem Vorgänger und dem restlichen Vorstand erstellten Themenliste. Aus Friedrichshafen bringt Schell nur seinen Sprecher Christoph Ringwald mit. Mastiaux’ langjähriger Kommunikationschef Jens Schreiber verabschiedet sich in den altersmäßig überfälligen Ruhestand. Auch am Bodensee will Schell merklich keine verbrannte Erde hinterlassen: „Ich habe das Team dort doch nicht aufgebaut, um es jetzt mitzunehmen.“

Was bei der EnBW auf Schell an Aufgaben wartet, hört sich an wie „nur noch kurz die Welt retten“: die Energieversorgung für den Südwesten kurz- und langfristig sicherstellen, eine Lösung für die VNG finden, den Weiterbetrieb des Atomkraftwerks in Neckarwestheim organisieren, einen Investor für die Übertragungsnetztochter Transnet BW finden, die Gas- und Strompreisbremse umsetzen und an einer verträglichen Lösung zur Abschöpfung der Gewinne mitarbeiten, die die EnBW durch die hohen Strompreise an der Börse einstreicht.

Dennoch bezeichnet Schell den EnBW-Vorstandsvorsitz als Traumjob – unter anderem, weil er, dessen Studienschwerpunkt an der Universität Clausthal Energietechnik war und den das Thema Energie „mein ganzes Berufsleben begleitet hat“, nun tatsächlich einen Energiekonzern leitet. Zuvor hat sich Schell mit dem Thema Brennstoffzelle und batterieelektrisch betriebenen Fahrzeugen bei Daimler-Chrysler befasst, dann mit der elektrischen Ausstattung der Boeing 787 beim US-Luftfahrtzulieferer UTC.

Ein nachdenklicher Vater zweier Söhne

Auch Persönliches bewegt ihn: „Was wir heute machen, hat Auswirkungen auf die kommenden Generationen“, sagt der Vater zweier 17- und 18-jähriger Söhne, „und wir werden uns alle die Frage stellen lassen müssen: Warum habt Ihr Euch nicht anders entschieden, als ihr Euch noch entscheiden konntet?“ Das wolle er für sich „sauber beantworten können“, sagt er, „mit der Motivation gehe ich an die Aufgabe heran.“

Anders als Rolls Royce Power Systems, das bei seinem Amtsantritt 2016 von fossil betriebenen Motoren auf nachhaltige und umweltfreundliche Technologien umprogrammiert werden musste, sieht Schell die EnBW bereits auf einem guten Weg. Der Konzern sei „ein Ausnahmeunternehmen in der deutschen Energiewirtschaft“, angesichts der aktuellen Versorgungs- und Klimakrise müsse die Energiewende aber noch erheblich beschleunigt werden. „Wie wir das hinkriegen und den wirtschaftlichen Erfolg der EnBW sichern bei gleichzeitigem Umbau zur Klimaneutralität, wird die zentrale Frage für mich sein.“

Anreize für Bürger angedacht

Die in Oppositionskreisen im Land immer wieder geäußerte Mahnung an die EnBW, sie solle als in Baden-Württemberg verankerter Konzern vor allem im Südwesten investieren, hält Schell für schwierig. Energie ausschließlich hier zu erzeugen, sei nicht möglich. Gleichwohl sei er „hochgradig interessiert“, sich auch im Land zu engagieren – beispielsweise in der Windenergie. Dabei müsse man auch über neue Anreize für die Bürger nachdenken.

Trotz aller Notwendigkeit, Tempo zu machen, wird Schell dabei sicherlich einen langen Atem brauchen. Mit beidem aber kennt sich der passionierte Triathlet aus. Die Langdistanz, auch als Ironman bekannt, einmal im Jahr im Wettbewerb zu absolvieren, ist Schells Vorsatz. Im August stellte er sich etwa im schwedischen Kalmar der Herausforderung 3,8 Kilometer zu schwimmen, 180 Kilometer Rad zu fahren und 42 Kilometer zu laufen. Zwischendrin versagte sein Rad den Dienst. Darüber habe er sich natürlich geärgert, erzählt Schell. Aber dann habe er sich an die Reparatur gemacht und das Rennen trotz 50 Minuten Verzögerung erfolgreich beendet. Solch ein Durchhaltevermögen ist sicherlich auch in der Energiebranche durchaus hilfreich.

Ein Manager mit zwei Uhren und einer Leidenschaft fürs Kochen

Biografie
 Andreas Schell ist 1969 in der mittelhessischen Fachwerkstadt Herborn geboren und absolvierte an der Universität Clausthal ein Maschinenbaustudium mit Schwerpunkt Energietechnik, das er an der Michigan State University (USA) mit einem MBA krönte. Andreas Schell ist Vater zweier Söhne im Alter von 17 und 18 Jahren. Seine Familie lebt im Versorgungsgebiet der EnBW.

Hobbys
 Schell präsentiert sich im Gespräch mit unserer Redaktion freundlich und aufgeschlossen. Von den scheinbar zwei Uhren an seinen Handgelenken entpuppt sich eine als Pulsmesser des passionierten Triathleten. Privat sei er gesellig und koche gerne für Freunde – gerne von Grund auf begonnen beim Ansetzen eines Fonds. Auch beim Medienkonsum schlägt sich diese Leidenschaft nieder: Auch wenn er lieber lese, gebe es eine TV-Sendung, die ihn in den Bann ziehe: „Kitchen impossible“ mit Tim Mälzer. 

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