Neuer EnBW Vertriebschef Dirk Güsewell „Ich glaube nicht, dass Erdgas bald verschwinden wird“

EnBW-Vorstand Dirk Güsewell warnt vor überbordenden Kosten der Energiewende. Foto: EnBW

Dirk Güsewell ist seit Kurzem Vertriebschef bei der EnBW. Im Interview verrät er, ob im Winter Preiserhöhungen drohen – und warum die Gasheizung noch nicht ausgedient hat.

Digital Desk: Jonas Schöll (jo)

Vor dem Jahreswechsel verfolgen viele Verbraucher mit Sorge die Vorhersagen, wie sich die Energiepreise entwickeln. Kopfzerbrechen bereiten vor allem die teils drastisch gestiegenen Netzkosten für Strom und Gas. EnBW-Vorstand Dirk Güsewell trägt beim Energieversorger seit September Verantwortung für das Kundengeschäft. Wir haben ihn gefragt, was auf Verbraucher im Winter zukommt – und ob er Kunden noch zu einer Gasheizung raten würde.

 

Herr Güsewell, Unternehmen und Verbraucher im Land ächzen derzeit unter hohen Energiepreisen. Kommt der Frust bei Ihnen an?

Wir bekommen viel Feedback von Kunden, positives wie kritisches. Ich freue mich über beides. Auch von Kritik können wir lernen und besser werden. Insofern bin ich dankbar für die Impulse, die ich in den letzten Monaten mitnehmen durfte.

Besonders für Gaskunden dürfte es in Zukunft ungemütlich werden. Wenn immer mehr Menschen auf Wärmepumpen umsteigen, summieren sich die Netzkosten für die verbleibenden Verbraucher. Was kommt auf die Gaskunden der EnBW zu?

Wir sind sehr froh, dass wir die Gaspreise zum Jahreswechsel nicht erhöhen müssen und unseren Kunden Preiskonstanz bieten können. Das ist nicht selbstverständlich. Wir sehen beim Gas gerade, dass viele Netzbetreiber die Entgelte sehr stark anheben müssen.

Viele ihrer Mitbewerber geben diese Netzentgelte an ihre Kunden weiter. Warum muss die EnBW die Preise nicht erhöhen?

Wir können die steigenden Gas-Netzentgelte durch unsere langfristige Beschaffungsstrategie kompensieren. Beide Effekte heben sich quasi so auf, dass wir für die kommende Heizperiode zum Jahreswechsel Preiskonstanz garantieren können. Das war übrigens auch schon in der Energiekrise der Fall, in der wir große Preissprünge für unsere Kunden weitestgehend abfedern konnten. Ich möchte nur daran erinnern: Die Energiepreisbremse für Strom und Gas, die damals eingeführt wurde, hat für 85 Prozent unserer Kunden gar nicht gegriffen, weil unsere Tarife schon darunter lagen.

Würden Sie Menschen noch raten, sich eine Gasheizung zuzulegen?

Es kommt auf den Einzelfall an. Wenn ich in einer solchen Situation wäre, würde ich mir genau anschauen, welche Optionen sich in meinem Umfeld bieten. Macht eine Wärmepumpe Sinn? Gibt es ein Nah- oder Fernwärmenetz? Oder ist es eben Erdgas? Und wenn dann die Wahl auf Gas fällt, ist das in der kurz- und mittelfristigen Perspektive in jedem Fall eine gute und sinnvolle Entscheidung. Ich glaube nicht, dass Erdgas bald verschwinden wird.

Wie heizen Sie persönlich?

Ich heize mit Erdgas in Kombination mit Strom von der Photovoltaik (PV)-Anlage. Wir haben eine recht neue Brennwerttherme mit Wärmespeicher. Damit sind wir gut aufgestellt. Ich kann jeder Kundin und jedem Kunden nur empfehlen, sich genau beraten zu lassen und vor allem nichts überhastet zu machen.

Wie sieht es beim Strom aus? Was kommt da auf die EnBW-Kunden zu?

Wir haben die Kalkulation für 2025 noch nicht abgeschlossen, was den Haushaltsstrom betrifft. Einige Größen fehlen noch, insbesondere könnten gesetzliche Änderungen noch Einfluss auf Kostenparameter haben. Aber zum Jahreswechsel wird es auch hier keine Preiserhöhungen geben. Und wenn ich so in das kommende Jahr reinschaue, sehe ich möglicherweise sogar Spielraum für Preisreduzierungen.

Dennoch: Die Energiewende kostet enorm viel Geld. Am Ende zahlen das doch die Verbraucher. Wird den Menschen da zu viel zugemutet?

Diese Frage bereitet mir Sorgen. Wenn wir das Thema Bezahlbarkeit nicht ernst genug nehmen, laufen wir Gefahr, die Energiewende im Hinblick auf ihre Akzeptanz zu beschädigen. Uns treibt die Kostenfrage um. Nicht, weil wir gegen die Energiewende sind, sondern gerade, weil wir sie für richtig halten. Die Energiewende ist ein gutes und langfristig sehr wertvolles Ziel. Aber es kommt darauf an, wie wir es machen. Und der Ansatz „Koste es, was es wolle“ ist aus meiner Sicht da einfach gefährlich.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ja. Wir diskutieren mit der Bundespolitik zum Beispiel gerade über die Frage, wie neue zukünftige Stromautobahnen gebaut werden. Bisher hat der Bau von Erdkabeln Vorrang. Wir wissen, dass im Hinblick auf diese Projekte 20 Milliarden Euro gespart werden könnten, wenn auf Freileitungen ausgewichen würde. Das ist eine eindrucksvolle Summe, wo ich mir die Frage stelle: Können wir es uns erlauben, auf Einsparmöglichkeiten in Höhe von 20 Milliarden Euro zu verzichten? Ich habe da meine Zweifel.

Immer mehr Wärmepumpen, Solaranlagen und E-Autos setzen unser Stromnetz unter Druck. Sind wir dafür gewappnet?

Der Umbau erfordert zum einen erhebliche Investitionen in die Netze selbst, aber auch einen flexibleren Stromverbrauch. Das Energieangebot verschiebt sich im Laufe des Tages mit der Leistung von Windkraft- und PV-Anlagen. Unsere Antwort darauf sind dynamische Tarife. Wir bieten Kunden damit die Möglichkeit, nicht mehr über einen festen Arbeitspreis ihre Energiekosten zu steuern, sondern über stündliche Preise. Wer zum Beispiel sein Elektroauto dann lädt, wenn der Strom gerade günstig ist, tut etwas Gutes für das Energiesystem und profitiert auch noch.

Für dynamische Tarife sind intelligente Stromzähler nötig. Aber bisher haben weniger als ein Prozent der Haushalte in Deutschland ein sogenanntes Smart Meter. Muss sich die EnBW als drittgrößter Stromversorger nicht auch an die eigene Nase fassen?

Wir sind mit der Zahl intelligenter Messsysteme aktuell nicht zufrieden. Unsere Tochter Netze BW hat ihre Installationsrate pro Monat jetzt gerade im laufenden Jahr deutlich gesteigert und liegt mittlerweile bei mehr als 8000 intelligenten Messsystemen pro Monat. Die Netze BW möchte das weiter steigern im nächsten Jahr.

Der Winter ist im Anmarsch. In den vergangenen Jahren war Energiesicherheit ein Thema. Wie ist Deutschland aufgestellt?

Wir sind derzeit in keinem Krisenszenario und wir haben auch keine Anzeichen dafür, dass wir in ein solches hineinlaufen. Keiner muss sich aus unserer Sicht im Winter mit konkreten Einschränkungen, mit kalten Haushalten oder ähnlichem auseinandersetzen. Aber unsere Situation ist im Falle eines frühen, eines strengen Winters immer noch nicht die, die wir mal vor zehn Jahren hatten. Daher macht es immer noch Sinn, bewusst mit Energie umzugehen. Mit Blick nach vorne müssen wir ein resilientes Energiesystem aufbauen.

Was macht ein widerstandsfähiges Energiesystem aus?

Es gibt Stimmen in Deutschland, die sehr für ein weitestgehend strombasiertes Energiesystem werben. In dem Augenblick, wo wir uns nur von einer Technologie oder einem Rohstoff abhängig machen, schaffen wir aber ein neues Ungleichgewicht. Ein Energiesystem sollte idealerweise auf mehreren Säulen stehen, also auf mehrere Energieoptionen setzen. Mit Strom allein gelingt die Energiewende nicht.

Das heißt, Sie setzen auch künftig aufs Gas?

Ich bin ich der festen Überzeugung, dass gasförmige Energieträger wie zum Beispiel Wasserstoff in einem resilienten Energiesystem ihre Daseinsberechtigung haben. Und insofern sind wir gut beraten, dort nicht vorschnell Entscheidungen zu treffen. Ich habe große Zweifel, ob es wirklich am Ende zum Heizen nur die Wärmepumpe sein wird. Auf gasförmige Energieträger komplett zu verzichten und zu sagen, wir machen es nur über den Strom, halten wir für gefährlich.

Affinität zu Technik und Ballett

Karriere
Der gebürtige Radolfzeller Dirk Güsewell arbeitet bereits seit dem Jahr 1999 bei der EnBW. Von Anfang an habe ihn – obschon eigentlich Diplom-Betriebswirt – ganz besonders Technik interessiert, sagt er. Vor seinem Einzug in den Vorstand vor drei Jahren war Güsewell Leiter der Geschäftseinheit Erzeugung/Portfolioentwicklung und hat die Entwicklung des Windkraftgeschäfts im Konzern wesentlich mitgeprägt. Heute verantwortet er das Ressort „Systemkritische Infrastruktur und Kunden“.

Privat
Der 54-Jährige ist verheiratet und hat eine Tochter. Kraft tankt er nach eigenen Aussagen gerne im Staatstheater Stuttgart als regelmäßiger Besucher bei Aufführungen des Stuttgarter Balletts.

Weitere Themen