Jonas Marwein ist Stuttgarts Fahrradbotschafter. Er soll strategisch arbeiten, nicht jeden Radweg-Ärger lösen. Seine Vorgänger wurden damit überhäuft.
Wer regelmäßig mit dem Rad durch Stuttgart fährt, kennt die neuralgischen Punkte. Jonas Marwein auch. Etwa die Ampel am Wilhelmsplatz, an der Radfahrer minutenlang warten, ehe sie die Hauptstätter Straße überqueren dürfen. Als Stuttgarts neuer Fahrradbotschafter wird der 36-Jährige durchaus auch solche Probleme ansprechen. Seine Hauptaufgabe aber ist eine andere: das große Ganze gestalten, nicht Einzelfälle abarbeiten oder Radwege planen.
Grenzwertiger Umgang
Peter Pätzold, Bürgermeister für Städtebau, Wohnen und Umwelt, wurde bei der Vorstellung des 36-Jährigen im Rathaus deutlich: „Der Fahrradbotschafter ist nicht der Kummerkasten der Nation. Er ist das neue Gesicht des Stuttgarter Radverkehrs.“ Pätzold betont, dass bei den Vorgängern Éva Ádám und Claus Köhnlein genau das zum Problem wurde: Sie wurden mit Einzelbeschwerden und kleineren Anfragen überhäuft. „Es war teilweise grenzwertig, wie mit den beiden umgegangen wurde.“ Stephan Oehler, Leiter der Abteilung Verkehrsplanung und Stadtgestaltung, ergänzte, dass Marwein sich nicht an Kleinkram aufreiben solle. „Er ist nicht Ansprechpartner für Scherben auf dem Radweg – auch wenn früher genau solche Meldungen bei den Vorgängern von Marwein landeten.“
Jonas Marwein will die Kommunikation zwischen dem Amt für öffentliche Ordnung, dem Amt für Stadtplanung und Wohnen, dem Tiefbauamt sowie der Bürgerschaft und anderen Akteuren verbessern. Dazu nimmt er an Sitzungen der Amtsleiter teil und tauscht sich regelmäßig mit Interessensverbänden wie dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club aus. Zu seinen Aufgaben gehört es, Projekte anzustoßen, Beteiligungsformate zu organisieren und Stuttgart bei Fachveranstaltungen zu vertreten. Derzeit arbeitet er am neuen Radverkehrskonzept. „Dort bin ich für die Themen Öffentlichkeitsarbeit und Beteiligung verantwortlich“, sagt Marwein, der sein Amt bereits Mitte Oktober 2025 antrat, aber erst jetzt offiziell vorgestellt wurde.
Rolle komplett neu definiert
Zuvor war die Stelle des Fahrradbotschafters für knapp zweieinhalb Jahre vakant. Stephan Oehler erklärt den Hintergrund: „Rein formal hat die Stadt Stuttgart eigentlich nie einen Beauftragten gehabt. Als damals Éva Ádám ausgeschieden ist, haben wir beschlossen, die Rolle neu zu definieren. Ganz früher übernahm Claus Köhnlein die Rolle als Radverkehrsplaner, aber gegenüber dem Gemeinderat war die Aufgabe bislang nie definiert. Das hat eben gedauert. Die Stelle musste geschaffen, eingruppiert und ausgeschrieben werden“, so Oehler.
Die Wahl fiel auf Jonas Marwein, weil er die nötige Mischung mitbringt: Verkehrsplanung, internationale Erfahrung und Praxis in der Verwaltung. Nach seinem Studium des Infrastrukturmanagements in Stuttgart und einem Masterabschluss in nachhaltiger Stadtentwicklung in Kopenhagen war der 36-Jährige zunächst als Radverkehrsplaner in Bayern und Baden-Württemberg für ein Ingenieurbüro tätig. Seit 2021 arbeitet er im Amt für Stadtplanung und Wohnen, zuletzt als Projektleiter für Mobilitätsstationen. „Mein größtes und bekanntestes Projekt war die Umgestaltung des Vorplatzes des Bahnhofes Bad Cannstatt. Dort haben wir den kompletten Raum neu geordnet.“
Marwein, der mit seiner Partnerin und dem zweijährigen Sohn im Heusteigviertel wohnt, ist seit seiner Kindheit begeisterter Radfahrer. Er nutzt das Fahrrad im Alltag wie auf Reisen und weiß auch durch seine Zeit in Dänemark um die Bedeutung guter Infrastruktur, einer lebendigen Fahrradkultur und aktiver Kommunikation für eine fahrradfreundliche Stadt. In Stuttgart hat er schon zweimal am Brezel-Race mit seinem Gravel-Bike teilgenommen. „Ich war nicht unter den ersten Zehn, aber mir ging es mehr ums Mitmachen als ums Gewinnen.“