Frieder Wickel war von Kindheitsbeinen an im Wald unterwegs. Foto: Eibner-Pressefoto/Andreas Ulmer
Die Liebe zum Wald begleitet den 38-jährigen Frieder Wickel bereits sein ganzes Leben. Der neue Forstamtsleiter im Kreis Böblingen gibt einen Einblick, wie er den Wald der Zukunft mitgestaltet.
Frieder Wickel blickt auf eine umzäunten Fläche mit einzelnen hochgewachsenen Eichen. Wälder wirken auf den ersten Blick wie ewige Konstanten, doch natürlich wandeln sie sich. In Zeiten der Klimaerwärmung schneller als früher. Dort, im Schönbuch bei Herrenberg, erklärt der neue Forstamtsleiter im Kreis Böblingen wie er und sein Team den Wald dagegen wappnen wollen – und wie sie den Wandel der nächsten Jahrzehnte aktiv mitgestalten. Im Mai hat der 38-Jährige die Nachfolge von Reinhold Kratzer angetreten und leitet die untere Forstbehörde im Landratsamt. Sie ist für rund 20 000 Hektar Wald zuständig, etwa einem Drittel der Landkreisfläche.
Auf dem umzäunten Waldstück fällt Sonnenlicht auf den Boden. Zwischen den wenigen großen und alten Bäumen, sind am Boden viele kleine Sprösslinge zu sehen. Die Fläche soll der Eiche als Refugium dienen und zeigen, wie sie wächst, wenn sie genug Licht bekommt und kein Rehwild an ihrem Nachwuchs knabbert. Für einen Wald, der sich gegen den Klimawandel und steigende Durchschnittstemperaturen rüstet, spielt diese Baumart eine wichtige Rolle. Denn: „Wenn sie es von Anfang an gewohnt ist, kommt die Eiche mit weniger Wasser und besser mit Wärme zurecht als beispielsweise die Buche“, sagt Wickel.
In die Fußstapfen der Eltern getreten
Der Kreis Böblingen birgt in dieser Hinsicht gute Grundlagen: Der Eichenanteil am Gesamtbaumbestand liegt mit 18 Prozent weit über dem baden-württembergischen Schnitt von sieben Prozent. Allerdings ist die Eiche keine alleinige Heilsbringerin. Es sei unabdingbar, auf Mischung zu setzen, betont Wickel. „Dann haben wir die besten Chancen, den Wald stabil zu halten.“ Fällt eine Art aus, sind im Zweifel noch andere da. Förster fügten der Baummischung auch neue Arten bei, beispielsweise die Douglasie, ein Nadelbaum aus Nordamerika, der als klimawandelresistent gilt. „Das soll aber nach Möglichkeit nur eine Ergänzung sein“, sagt der in Gechingen wohnende Forstdirektor.
Der dreifache Familienvater wird nicht müde mit Begeisterung über seine Arbeit zu sprechen. Die Leidenschaft für das, was er tut, wurde ihm in die Wiege gelegt. Geboren in Freiburg, wuchs er in einer Försterfamilie auf. „Ich bin von den beiden Söhnen der Apfel, der nicht weit vom Stamm gefallen ist.“ Seine Eltern nahmen ihn mit in den Wald, mit 13 Jahren bekam er seinen ersten Jagdhund. Er blieb nicht nur dem Wald, sondern auch der Jagd treu, die er als wichtiges Regulativ sieht, um beispielsweise junge Baumsprösslinge vor Verbiss durch Reh- und Schwarzwild zu schützen.
Was ihm an seiner Arbeit so gefällt? Als Kind half er den Eltern Bäume auszuzeichnen, die zu Gunsten von anderen gefällt werden sollten. „Da habe ich gesehen, mit welcher Wirkung wir Entscheidungen getroffen haben“, erinnert er sich. Das Ergebnis sah man zwar erst einige Jahre später, „aber dann war es faszinierend“. Das sei überhaupt das Besondere an seinem Beruf. Das endgültige Resultat seiner Arbeit erlebe er Jahre später oder teilweise gar nicht, weil die Zeitspannen dafür zu groß sind. „Wir können nur Impulse ins Ökosystem geben und schauen, ob sie in die richtige Richtung gehen.“
Wie der Wald in 30 Jahren aussehen könnte
Weit Vorauszudenken ist deshalb ein wichtiger Aspekt in Wickels Beruf. Blickt der Gechinger einige Jahrzehnte in die Zukunft, so sieht er im Kreis einen deutlich verjüngten Wald. Denn eine der größten Belastungen wird die steigende Durchschnittstemperatur sein unter der vor allem alte Bäume leiden. Unter anderen Klimabedingungen gewachsen, kommen sie mit Wassermangel schlechter zurecht, als die jungen Sprösslinge, die nichts anderes kennen, und gehen aus Trockenperioden geschwächt hervor. Alle heimischen Laubbaumarten kämpfen, unter ihnen am meisten die Buche, sagt Wickel. Bei den Nadelbäumen setze der Borkenkäfer der Fichte massiv zu. Sie werde deshalb bis auf Restbestände aus den Wäldern im Kreis verschwinden. Für den Wald weniger ein Verlust als für die Rohstoffbereitstellung, sagt der Forstamtsleiter.
Im Hintergrund ist ein Teil der umzäunten Fläche zu sehen, auf der junge Eichen geschützt wachsen sollen. /Andreas Ulmer
Ziel ist es aber, betont er, dass der Wald auch in Zukunft verschiedene Funktionen erfüllt: Als Ort der Naherholung, des Naturschutzes und als Rohstofflieferant. Damit das gelingt, brauche es die besagte Mischung und dafür den Eingriff des Menschen. Deshalb bereitet dem Forstamtsleiter der Fachkräftemangel, der auch vor dem Forstbereich nicht Halt macht, Sorge. „Forstwirt ist ein harter und gefährlicher Beruf und die Verdienstmöglichkeiten sind überschaubar“, sagt Wickel. Die Nähe zum urbanen Raum im Kreis biete viele, meist besser bezahlte Alternativen. Doch für die Umsetzung der Zehnjahrespläne, die die Waldentwicklung festlegen, benötige er die entsprechenden Leute.
Oberstes Ziel: Unfälle vermeiden
Einen Schwerpunkt legt Wickel auf die Arbeitssicherheit. Mit Aufklärung und Sicherheitskonzepten will er Unfällen bei der Waldarbeit entgegenwirken. „Das wurde schon von meinem Vorgänger stark bespielt und wir werden das weitermachen.“ Ein weiteres Thema, das ihn und seine Kollegen beschäftigt, ist die Digitalisierung. Wickels Wunsch: Daten bestenfalls nur einmal zu erheben. Dass beispielsweise derjenige, der den Baum umsägt, die Daten nicht analog notiert, sondern so erfasst, dass sie für alle Beteiligten digital verfügbar sind – und die Arbeit so erleichtert wird.
Zur Person Frieder Wickel
Kindheit und Jugend Geboren in Freiburg, wuchs Frieder Wickel in der Region Stuttgart und Ostdeutschland auf, machte Abi in Schwäbisch Hall und studierte an der Universität Freiburg Forstwissenschaften.
Ausbildung Wickel war bereits für ein Traineeprogramm im Kreis Böblingen, arbeitete dann im Regierungspräsidium Tübingen, bei Forst BW und kam 2021 ans baden-württembergische Landwirtschaftsministerium, im Mai dieses Jahres wechselte er als Forstamtsleiter nach Böblingen.