Herr Baumann, wer einmal längere Zeit bei einem schwerstkranken Menschen gesessen ist, weiß wirklich, was Hospizarbeit bedeutet. Haben Sie diese Erfahrung?
Als Theologe bin ich mit Fragen von Verletzlichkeit, Trost und Hoffnung vertraut. Im Studium habe ich mein diakonisches und seelsorgliches Bewusstsein entdeckt. Und dabei merkte ich, dass ich dazu auch praktische Erfahrungen sammeln möchte. Also habe ich im Robert-Bosch-Krankenhaus eine Pflegeausbildung gemacht. Rasch kam ich in Situationen, in denen es meine Aufgabe war, sterbende Menschen und ihre Angehörigen zu begleiten. Und da merkte ich, dass ich an dieser Stelle richtig sein kann.
Was haben Sie dabei noch erlebt?
Dass Trauer früh beginnt. Dass ich nicht erst dann die Hand des Anderen halte, wenn der letzte Weg beginnt, sondern ab dem Moment, an dem die Diagnose kommt. Denn da wird das Leben komplett auf den Kopf gestellt. Da entsteht eine große Anspannung, Not, Zorn und Verzweiflung bei den Menschen. Auch da saß ich am Bett und habe diese Anspannung gemeinsam mit den Menschen ausgehalten. Ich spürte, ich kann da ein gutes Gegenüber sein. Dies wird dann klar, wenn Ihnen der Sterbende die Erlaubnis gibt, da zu sein. Und so habe ich auch erfahren, dass man am Sterbebett viel lernen kann. Über sich selbst und über das Leben.
Wie kamen Sie überhaupt ans Hospiz Stuttgart?
Nach meiner wissenschaftlichen Arbeit an der Uni im Bereich Ethik und Palliative Care wollte ich nach einer langjährigen theoretischen Ausrichtung wieder zurück in die Praxis. So habe ich hier vor rund drei Jahren als pflegerischer Mitarbeiter auf der Station für Erwachsene angefangen und dort auch die Trauerarbeit mit übernommen.
Demnach haben Sie eine breite praktische und theoretische Basis. Aber welche Kernkompetenz braucht man, um ein Hospiz zu leiten?
Es geht darum, alle angestoßenen Prozesse hier im Haus zu begleiten und zu moderieren. Und den Menschen im Ehren- und Hauptamt gut zuzuhören, um sie dann entsprechend begleiten zu können.
Hat das auch Ihre Vorgängerin Elisabeth Kunze-Wünsch ausgezeichnet?
Natürlich. Ich habe bei ihr immer eine große Offenheit für Themen und Menschen erlebt. Sie zeichnet sich zudem durch eine große Menschenfreundlichkeit aus. Das ist für diese Arbeit sehr wichtig.
Sie sind anders als Ihre Vorgängerin. Auf was müssen sich die Menschen und Mitarbeiter einstellen?
Ohne Frage: Ich will diesen Geist von Elisabeth fortführen – auch weil ich sie sehr wertschätze. Sie hat selbst in kritischen und anstrengenden Situationen immer das Positive gesehen. Ich hoffe, dass mir das auch so gelingt.
Wir haben nun über viele wertvolle Wesensmerkmale von Menschen gesprochen, die sich dem Geist der Hospizarbeit verpflichtet fühlen. Sind Hospizler die besseren Menschen?
(Lacht) Ach, ich will nicht zwischen besseren und schlechteren Menschen unterscheiden. Entscheidend ist für mich der Blick auf den Ursprung der Hospizarbeit, die ja von ihren Anfängen her eine Bürgerbewegung ist. Ohne das Ehrenamt wäre diese Arbeit nicht zu leisten. Ein Hospiz funktioniert nur im Wir aus Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen. Ich höre, dass beide Gruppen ein starkes Bedürfnis nach ethischer Orientierung haben. Daher machen wir uns daran, ein neues Leitbild und ethische Grundhaltungen zu entwickeln. Denn Hospiz ist ja kein Ort – es ist eine Haltung.
Welche Erwartungen hat ihre Vorgängerin an Sie?
Das große Netzwerk, die guten Verbindungen, wie etwa zum Hospiz St. Martin, weiter zu pflegen.
Das war eine sehr formale Antwort. Aber welchen Herzenswunsch hat Elisabeth Kunze-Wünsch an Sie?
Sie hat mir auf den Weg gegeben, dass ich gut bei mir bleiben soll, gut wahrnehme und gut für mich sorgen soll. Denn nur so hat man auch die Möglichkeit, für andere gut sorgen zu können.
Einer Ihrer Aufträge wird auch sein, die großen Unterschiede im Spendenaufkommen zwischen dem Kinderhospiz und dem Erwachsenenhospiz in Balance zu bringen. Wie soll das gelingen?
Das Neue ist stärker im Bewusstsein der Menschen. Daher darf man das Alte und Bewährte wieder sichtbarer und die Arbeit dort transparenter machen. Das ist auch Öffentlichkeitsarbeit. Ich persönlich arbeite mit in dem Projekt „Leben bis zum Schluss – Charta-Initiative Stuttgart“, das die zentralen Botschaften der „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen“ in die Stadtgesellschaft tragen und über deren Leitsätze ins Gespräch kommen möchte.
Sie gaben vorher das Stichwort, Hospiz sei kein Ort, sondern eine Haltung. Muss diese Haltung angesichts des demografischen Wandels stärker in Kliniken sowie Alten- und Pflegeheimen Einzug halten?
Das wünschen sich in meiner Wahrnehmung alle Beteiligten. Auch da sind die Bürger gefragt, indem sie als Ehrenamtliche in die Heime gehen und auch dort die Menschen in einer solidarischen Haltung unterstützen. Trauerarbeit ist in den Pflegeheimen ebenfalls ein wichtiges Thema. Hier unterstützen wir bereits und gerne.
Manche Anbieter werden diese Hilfe nicht unbedingt annehmen.
Sie kämpfen ja häufig ums Überleben am Markt. Das hat den Fokus verschoben. Es gehört für mich der politische Wille dazu, das Finanzierungssystem in den Krankenhäusern zu verändern, damit der Patient im Mittelpunkt sein kann. Dazu muss man noch mal neu durchbuchstabieren, was Augenhöhe heißt. Denn Patienten sind keine Kunden oder Fälle, sondern Menschen in großer Verletzlichkeit mitsamt ihren Familien. Betrachten wir die Menschen von ihrer Verletzlichkeit her, dann verändert sich die Augenhöhe und damit der Auftrag und damit die Prozesse der Versorgung, die sich dann nicht an der Finanzierung, sondern an der Verletzlichkeit des Menschen ausrichten und an der Frage, was dieser Mensch vom System braucht. So kann es in Kliniken und Pflegeheimen besser werden.