Neuer Lehrstuhl an der Freiburger Uniklinik Lindern, wenn Heilen nicht mehr möglich ist

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In Freiburg ist der erste Lehrstuhl für Palliativmedizin im Land eingerichtet worden. Eine Reaktion auch auf die wachsende Zahl von Krebserkrankungen.

Immer mehr Patienten brauchen eine Schmerztheraphie – der neu gegründete Lehrstuhl in Freiburg soll Forschung und Lehre in diesem Bereich voranbringen. Foto: dapd
Immer mehr Patienten brauchen eine Schmerztheraphie – der neu gegründete Lehrstuhl in Freiburg soll Forschung und Lehre in diesem Bereich voranbringen. Foto: dapd

Freiburg - Die Universitätsklinik Freiburg hat den ersten Lehrstuhl für Palliativmedizin in Baden-Württemberg eingerichtet. Diese noch vergleichsweise junge medizinische Disziplin kümmert sich um unheilbar kranke Menschen, mit dem Ziel, deren Leiden zu lindern und erträglich zu gestalten. Der Begriff „palliativ“ ist vom lateinischen Wort „Pallium“ abgeleitet, dem Mantel, der umhüllt und schützt. Palliativmedizin ist nicht nur medizinische Behandlung, sondern auch psychische und pflegerische Fürsorge mit dem Ziel, die verbleibende Zeit mit einem Höchstmaß an Lebensqualität zu gestalten.

Die erste Lehrstuhlinhaberin im Fach an der Freiburger Uniklinik ist die Internistin und Theologin Gerhild Becker. Sie leitet die bereits 2006 in Freiburg eingerichtete Palliativstation. Finanziert wird der Lehrstuhl, zu dem außer der Professorin zwei wissenschaftliche Assistenten und ein Sekretariat gehören, von der Stiftung Deutsche Krebshilfe. Nach fünf Jahren wird die Uniklinik die Finanzierung selbst übernehmen. Bundesweit gibt es mit dem Freiburger jetzt zehn solcher Lehrstühle, acht davon finanziert die Deutsche Krebshilfe. „Das macht uns ein wenig Sorge“, sagte Krebshilfe-Hauptgeschäftsführer Gerd Nettekoven bei der offiziellen Vorstellung des Lehrstuhls. So könne es nicht bleiben, denn die Zahl der Krebserkrankungen steige unablässig und der Bedarf für Palliativmedizin in gleichem Maße. „Gesellschaft, Politik und Wissenschaft müssen sich bewegen“, forderte er.

Jedes Jahr nahezu 500 000 Neuerkrankungen

Nach Angaben der Krebshilfe erkranken jedes Jahr fast eine halbe Million Menschen neu an Krebs, bis 2050 würden es noch 30 Prozent mehr werden, 218 000 Patienten sterben jedes Jahr. Die an Krebs erkrankten Menschen machen den Hauptteil der Patienten für Palliativmedizin aus, es gibt aber auch andere unheilbare Krankheiten, Aids oder Herz- und Lungenkrankheiten. „Palliative Medizin wird auch von den Ärzten in den bestehenden Fachdisziplinen geleistet“, stellt Gerhild Becker klar, der neue Lehrstuhl hat kein Monopol, sondern will fachübergreifend neueste Erkenntnisse aus Forschung und Lehre bereitstellen. Palliativmedizin ist mittlerweile Pflichtfach im Studium, dazu und für Forschungsprojekte ist der Lehrstuhl da.

Dieser Bereich der Medizin ist relativ „jung“, weil es noch vor wenigen Jahren nicht solche wirksamen schmerzlindernden Medikamente gab. Doch für ihre Anwendung und alle anderen Maßnahmen des neuen Fachs brauche es „spezifisches Fachwissen“, erklärt der Dekan der Medizinischen Fakultät in Freiburg, Professor Hubert Blum. Die Aufgabe des grundsätzlichen Ziels einen Patienten zu heilen, zu Gunsten der Linderung berührt zudem den medizinischen Auftrag im Kern und muss auch ethisch und moralisch und mit hohem kommunikativen Aufwand gestaltet werden. Auch das Pflege- und Betreuungspersonal muss speziell ausgebildet sein.

Die verbleibende Zeit soll möglichst erträglich sein

Eine solche Station ist kein Hospiz, wo es um pflegerische Sterbebegleitung bis zuletzt geht. In der Palliativstation werden der Patient und seine Angehörigen darauf eingestellt, die verbleibende Zeit möglichst erträglich zu gestalten, doch es gelte der Grundsatz „ambulant vor stationär“, betont Gerhild Becker. So viele Betten wie notwendig wären, haben die 300 Palliativstationen in Deutschland nicht. Die in Freiburg kann im Jahr rund 300 Patienten aufnehmen, jedoch bräuchten sieben Prozent aller Patienten palliative Betreuung. Bei einer jährlichen Zahl von 54 000 wären das in Freiburg 3780 Patienten.