Neuer Männerstern am Burlesque-Himmel Eine Rampensau namens Ferkel

Von Uwe Bogen 

Er ist auf dem besten Weg, zum männlichen Burlesque-Star zu werden: Ferkel Johnson spielt mit der Fantasie des Publikums und seinen feminen Seiten. Schlüpfrig, melancholisch und witzig wird der 35-Jährige, zum ersten Mal als Varieté-Conférencier gebucht, im Friedrichsbau zur Rampensau.

Ferkel Johnson im Friedrichsbau mit seinem Knie-Tanz. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Ferkel Johnson im Friedrichsbau mit seinem Knie-Tanz. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Geboren ist er als Merlin, nicht als Ferkel. Sein wahrer Vorname stammt von einem der bekanntesten Zauberer aus der Sagenwelt. Merlin war eine geheimnisvolle Gestalt. Auch wenn sein 35-jähriger Namensvetter sich nun Ferkel nennt, was eindeutige Assoziationen erlaubt, lüftet er in seiner Bühnenfigur nicht alle Geheimnisse.

Einige Rätsel bleiben bei allen Ferkeleien. Immer wieder lässt er die Hosen runter und streckt dem Saal seinen Hintern entgegen. Doch in sein Innerstes lässt er nicht blicken. Begehrt er Frauen oder Männer? Oder beide Geschlechter? Ist er der arme Tropf, der keine Liebe findet? Einer, der unter der Kälte eines Ausgestoßenen leidet und sich anbiedern muss, um nach Hause in ein warmes Bettchen mitgenommen zu werden?

Die Illusion des Merlin, der die Kunst der Pantomime studierte und seit 2011 als Ferkel Johnson auftritt, speist sich aus der Unberechenkeit des Entertainers, der Überraschungen liebt. Er flirtet mit dem Publikum und spielt mit dessen Einbildungskräften.

Noch bis zum 29. Oktober im Friedrichsbau

Wenn hier nun verraten wird, dass der Mann mit den Hüten auf dem Kopf und vor dem Schritt keineswegs ein frustrierter Single ist, dass er nicht auf Männer steht, sondern in Wahrheit mit einer Frau, einer Fotografin aus Basel, zusammenlebt, so ist’s nicht das Zwangsouting, das ein Spielverderber betreibt. Wer Burlesque kennt, die klassische Form des erotischen Tanzes, die mit Andeutungen spielt, weiß, dass erfundene Wahrheiten ein Bestandteil davon sind. Natürlich auch in der Burlesque-Show „Affairs“ (noch bis zum 29. Oktober im Friedrichsbau), bei der sich mehr Männer als Frauen auf der Bühne entkleiden.

Die eine oder andere Wahrheit ist bei Ferkel Johnson, aus dem längst eine Rampensau geworden ist, aber echt. Dass er auf der Waldorfschule war, worüber er seine Witze macht, stimmt beispielsweise. Auch die Geschichte seiner Großmutter erzählt er auf der Bühne so rührend, dass sie nicht erfunden sein kann. In den 1950ern hatte sie sich in einen amerikanischen Soldaten verliebt und war von ihm schwanger geworden. Doch der GI wollte von seiner deutschen Freundin nichts wissen. Er hatte Ferkels Oma nichts von seiner Frau und seinen Kindern in den Staaten erzählt. Schäbig verhielt sich der unbekannte Großvater – doch der strippende Conférencier kann trotzdem nicht wütend auf ihn sein: „Ohne diese Schäbigkeit wäre ich nicht auf der Welt.“

Gay-Edition am 22. Oktober

Und Merlin, der sich Ferkel nennt, ist gern auf der Welt. Vor einigen Jahren hatte er in Berlin Burlesque-Tänzerinnen kennengelernt und sich gefragt, ob diese Kunst nicht auch was für Männer wäre, also speziell für einen Mann wie ihn. Durch Berliner Clubs ist er getingelt, von einer Burlesque-Show zur nächsten – neben seinen Engagements als Clown, mal solo, mal im Duo, oder als Ansager in der Stuttgarter Kinderspielstadt Stutengarten. Als sich seine Mutter einmal lustig machte über seine Auftritte bei Strip-Shows („Du mit deinen Ferkeleien“), hatte er den Namen für seine Kunstfigur gefunden. Ferkel Johnson war geboren.

Erlebt das Land gerade mehr öffentliche Nacktheit, als es ertragen kann? Sind TV-Shows wie „Adam sucht Eva“ nicht erotisch abtörnend? Auch wenn er nackte Haut zeigt, sagt Ferkel Johnson, komme es auf diese gar nicht an. „Time for Tease“ lautet eine Burlesque-Botschaft. Gemeint ist damit die Zeit zum Necken, zum gemeinsamen Fantasieren, zum Scharfmachen in Gedanken.

Immer hängt’s vom Publikum ab, was der Conférencier sagt. Oft sind ältere Damen im Saal, mit denen Johnson gut kann. Dann hält er sich etwas zurück mit anrüchigen Bemerkungen. Am 22. Oktober, 21.30 Uhr, wird er im Friedrichsbau bei der Gay-Edition von „Affairs“ indes umso mehr aufdrehen. Varieté-Geschäftsführer Timo Steinhauer erklärt das Konzept: „Einerseits wollen wir zeigen, dass Schwule, Lesben, Transgender, etc. bei uns willkommen sind. Andererseits wollen wir einen Abend anbieten, bei der Frauen mit ihren Partnerinnen oder Männer mit ihren Partnern Hand in Hand sitzen oder sich küssen können, ohne dass dies mit Blicken anderer Gäste bewertet wird.“

Ferkel wird seinem Namen alle Ehre machen – aber auch Kniepoesie zelebrieren. Auf dem rechten Knie ist ein Schnurrbart tätowiert, auf das linke malt er den Kussmund einer Frau. Und schon sind die beiden Knie im magischen Tanz vereint.

Karten für die Burlesque-Show „Affairs“ und die Gay-Edition am 22. Oktober im Friedrichsbau unter Tel. 07 11 / 2 25 70 70.