Neuer Öko-Treibstoff HVO100 So läuft der Diesel aus Frittenfett an den Tankstellen an

Soll klimafreundlicher sein als herkömmlicher Diesel: HVO100. Foto: dpa/Christian Charisius

Biodiesel zu 100 Prozent aus alten Speiseölen und anderen Abfällen ist seit Kurzem auch in Baden-Württemberg erhältlich – wie kommt das Angebot bei den Tankstellen an?

Digital Desk: Jonas Schöll (jo)

Die meisten Kunden der Scharr-Tankstelle in Stuttgart-Vaihingen greifen nach wie vor zum Zapfhahn mit dem „klassischen“ Diesel. Einerseits aus Gewohnheit, wohl aber auch, weil der herkömmliche Sprit ein paar Cent günstiger ist als die neue Alternative aus Pflanzenöl, HVO100-Diesel genannt. Als einer der ersten Tankstellenbetreiber im Land hat Scharr ihn ins Sortiment genommen. Markus König von der Geschäftsleitung bereut das nicht. Es erkundigten sich immer mehr Kunden nach dem Treibstoff, der den CO2-Ausstoß von Dieselfahrzeugen um rund 90 Prozent senken soll.

 

Die eigene Flotte mit mehr als 50 Fahrzeugen hat der Brennstofflieferant bereits auf die Diesel-Alternative umgestellt. Und auch mit den Geschäften ist man bei Scharr zufrieden: „Es gibt bereits viele Kunden, die ganz bewusst den umweltfreundlicheren Kraftstoff tanken wollen, und dafür sogar bereit sind, ein paar Kilometer Umweg zu fahren“, berichtet König.

Die Branche schwört auf den Öko-diesel

In Deutschland sind heute gut 14 Millionen Autos, Lastwagen und andere Fahrzeuge mit Dieselmotoren unterwegs. Seit zwei Monaten dürfen diese auch mit 100-prozentigem Biodiesel betankt werden. Für die Herstellung werden alte Fette aus Großküchen verwendet, aber auch Holz- oder Fischreste. Zuvor erlaubte der Gesetzgeber im Diesel nur Biokraftstoff-Beimischungen von 7 Prozent. Dieser B7 ist daher momentan die gängige Dieselsorte an deutschen Tankstellen.

Laut dem Bundesverband Energie-Mittelstand (Uniti), bei dem 40 Prozent der Straßentankstellen organisiert sind, ist HVO100 in der Anlaufphase besonders für die Flottenbetreiber interessant, die damit die CO2 -Vorgaben mit ihren bestehenden Fahrzeugen leichter erreichen können. „Aber auch Endverbraucher, die die CO2-Bilanz ihres Fahrzeugs im Betrieb verbessern möchten, greifen zu HVO100“, schildert der Uniti-Sprecher Alexander Vorbau.

Doch nicht alle teilen die Euphorie für HVO100. Umweltverbände wie der NABU oder die Deutsche Umwelthilfe kritisieren, dass der vermeintliche „Biodiesel“ dem Klimaschutz überhaupt nichts bringe. Ganz im Gegenteil: Diese Agrokraftstoffe seien eine Katastrophe für Klima und Umwelt. Denn was dem Diesel beigemischt werde, stamme nicht nur aus Abfällen, sondern auch aus frischem Palmöl oder Rapsöl, was global zur Entwaldung beitrage. Schon heute seien alte Fette aus Großküchen ein knappes Gut.

„Die Nachfrage nach HVO100 wird weiter steigen“, davon ist Anne Grote vom Bundesverband freier Tankstellen (BfT) überzeugt. „Wir sehen bei Versuchen im Dauerbetrieb, dass es zu weniger Verschleiß und Verrußung der Motoren kommt als bei fossilem Diesel und dass weniger Stickoxide ausgestoßen werden.“

Rückendeckung bekommt die Branche aus Berlin: „Wir wollen den Verbrennungsmotor in eine nachhaltige Zukunft überführen“, sagt ein Sprecher des von Volker Wissing (FDP) geführten Bundesministeriums für Digitales und Verkehr. „Dabei sehen wir HVO100 als Teil eines breiten Spektrums von Lösungen, die auch langfristig eine Rolle spielen können.“

So viele Tankstellen bieten HVO100 an

Beim nächsten Tankstellenbesuch werden sich die meisten Diesel-Fahrer in Baden-Württemberg wohl noch nicht zwischen dem neuen Kraftstoff und dem herkömmlichen Diesel entscheiden müssen. Im Südwesten bieten bislang gerade mal 50 Tankstellen den Kraftstoff an, deutschlandweit sind es 220. Doch „es werden täglich mehr“, sagt Branchensprecherin Grote. Bis Ende des Jahres rechnet der Verband mit 500 Tankstellen, die den neuen Treibstoff in ihr Sortiment aufnehmen.

„Wer kann und das Tankvolumen hat, bietet den neuen Kraftstoff an“, sagt die Branchensprecherin. Doch genau das ist häufig der Knackpunkt: „Bei vielen Tankstellen-Betreibern ist heute schon jede Tankkammer belegt“, sagt Energie-Experte König. Und auch der Preismast biete meist keinen Platz mehr, um über ein zusätzliches Produkt zu informieren. „Hier muss dann entweder eine der bereits eingeführten Kraftstoff-Qualitäten weichen oder es müsste teuer investiert werden“, sagt der Scharr-Vertriebschef.

Die freien Tankstellen fordern, dass Benzin E5 nicht mehr von den Tankstellen vorgehalten werden müsse, damit Platz frei werden könnte für HVO100. Größere Tankstellenbetreiber lösen das Problem den Angaben zufolge, indem sie bewusst fossilen Premiumdiesel zugunsten von HVO100 aus dem Sortiment nehmen.

Für den Biodiesel müssen Verbraucher tiefer in die Tasche greifen als für den Diesel aus Erdöl, da die Produktionskosten höher sind. Allerdings beruhigt ein Sprecher des ADAC: „Autofahren wird dadurch im Mittel um nur wenige Euro pro Monat teurer.“ Erste Stichproben zeigen demnach, dass der neue Treibstoff meist sechs bis zehn Cent je Liter mehr kostet als herkömmlicher Diesel.

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