Neuer Ortheil-Roman: „Der von den Löwen träumt“ Hemingway sucht Heilung in Venedig

Von Rainer Moritz 

Hanns-Josef Ortheil erzählt in seinem neuen Roman „Der von den Löwen träumt“ vom Großmeister als nachdenklichem Mann.

Es lohnt sich, mit Hanns-Josef Ortheil durch die Lagune zu ziehen. Foto: Veranstalter
Es lohnt sich, mit Hanns-Josef Ortheil durch die Lagune zu ziehen. Foto: Veranstalter

Stuttgart - Ernest Hemingway feiert eine Renaissance, zumindest in der deutschen Gegenwartsliteratur. Während er in Steffen Kopetzkys aktuellem Roman „Propaganda“ als Weltkriegskämpfer in der Eifel Ende 1944 eine wichtige Rolle spielt, taucht er nun bei Hanns-Josef Ortheil ein paar Jahre später, im Herbst 1948, auf. Erkrankt und unter einer vehementen Schreibkrise leidend, sucht er Heilung in Venedig, der „Stadt ohne Weltzeit“.

Zusammen mit seiner vierten Frau Mary und einer Übersetzerin reist der weltberühmte Autor an und erregt sofort Aufsehen. Unterkunft findet er im noblen Hotel Gritti und versucht von da aus, die Gassen Venedigs abseits der Touristenströme zu durchdringen. Als Cicerone verpflichtet er Paolo, den jungen Sohn eines Fischers, der neugierig verfolgt, wie Hemingway sich Fixpunkte in der Stadt sucht und permanent sein Notizbuch füllt.

Unmengen an Prosecco, Valpolicella und Whiskey

Ortheil, ein versierter Venedig-Kenner, zeigt einen Hemingway, der tut, wofür er berühmt ist: Er gibt sich als jovialer Menschenfreund, der sich nicht vereinnahmen lässt, mit seiner Gattin nur das Nötigste spricht und die Einsamkeit sucht, und er trinkt Unmengen an Prosecco, Valpolicella und Whiskey. Und nicht zuletzt braucht er weibliche Reize, um in Fahrt zu kommen. Gegenstand seiner Bewunderung wird die achtzehnjährige Adriana Ivancich (über die in Hemingway-Biografien dieses und jenes gemunkelt wird), eine Adlige, die die Avancen des literarischen Großmeisters gerne entgegennimmt und ihm kaum von der Seite weicht. So entwickelt sich nach und nach eine Romanze, für deren platonischen Charakter man nicht jede Hand ins Feuer legen möchte, eine Romanze, die für Hemingway zum entscheidenden Schreibantrieb wird.

„Der von den Löwen träumt“ zeigt Ernest Hemingway nicht als einen seine Körperlichkeit ausstellenden Rabauken, sondern – ganz im gewohnten Duktus von Hanns-Josef Ortheils langsamer Prosa – als einen nachdenklichen Mann um die fünfzig, der sich eine Wirklichkeit kreiert, um sich zu neuen Romanhöhen aufzuschwingen.

Skandal und Blamage?

Inspiriert durch die Begegnung mit Adriana Ivancich, zieht er sich auf die Laguneninsel Torcello zurück und entwirft ein autobiografisch getränktes Prosastück: In dessen Zentrum steht ein amerikanischer Oberst, Robert Cantwell, der sich von den Kriegsschrecken erholen will, sich nach Venedig zurückzieht und sich – man ist nicht überrascht – von einer sehr jungen Frau namens Renata betören lässt.

Überzeugt davon, Großes zu schaffen, vollendet Hemingway wenig später auf Kuba, wo er damals wohnte, diesen Roman, der 1950 unter dem Titel „Über den Fluss und in die Wälder“ erscheinen wird. Seine Wahrnehmung und die seiner Umwelt klaffen jedoch weit auseinander. Die leidgeprüfte Mary ist entsetzt und fürchtet Skandal und Blamage zugleich; die Literaturkritik geht mit dem Buch meist scharf ins Gericht. Hemingways Akt der Selbstbefreiung mündet nicht in dem erhofften großen Erfolg.

Es lohnt sich, mit Hanns-Josef Ortheil durch Venedig zu streifen, auf Entenjagd zu gehen, in Harry’s Bar einzukehren und die landestypischen kulinarischen Köstlichkeiten quasi auf der Zunge zu spüren. Es geht gedämpft zu, und mitunter, wenn sich Hemingway und der junge Paolo unterhalten, wähnt man sich in einem von Ortheils autobiografischen Romanen, meint man wie in der „Moselreise“ zum Beispiel den Gesprächen zu lauschen, die Ortheil einst mit seinem Vater, einem pädagogisch geschickten Landvermesser, führte.

Wenn Paolo nicht wäre!

Die „Wiederbelebung“, die sich Hemingway in Venedig „abseits der Uhren“ erhoffte, gelingt nur teilweise. Zu vertrackt ist das Verhältnis zu Adriana, zu forciert seine Prosa, die er in seiner Locanda auf Torcello zu Papier bringt. Dass es dieser Vermischung von Fiktion und Realität, dieses Zurechtbiegens des Erlebten vielleicht gar nicht bedarf, dass es besser wäre, auf ein schlichtes und unambitioniertes Setting zu vertrauen, das freilich sieht Hemingway erst mit Verzögerung ein.

Paolo, der kluge Fischersohn, gibt den entscheidenden Hinweis, und so wird Hemingways Werk nicht mit „Über den Fluss und in die Wälder“ versickern. Nein, zwei Jahre später wird er ein ganz anders geartetes Werk vorlegen, eine schmale Erzählung, die von einem alten Mann und dem Meer handelt und Hemingways Ruhm noch einmal anschwellen lässt. Paolo, so scheint es, darf künftig in keiner Darstellung des Hemingway’schen Werkes fehlen.