Neuer Philosophie-Park in Bad Liebenzell Die nackte Wahrheit

Von Bettina Bernhard 

Meditieren beim „großen Om“, in Diogenes’ Tonne in die Sonne blinzeln oder schmökern unter der alten Linde: der neue Philosophie-Park von Bad Liebenzell überrascht.

Eine Holzskulptur zeigt die Köpfe berühmter Philosophen, hier Hannah Arendt. Foto: Sophi-Park
Eine Holzskulptur zeigt die Köpfe berühmter Philosophen, hier Hannah Arendt. Foto: Sophi-Park

Bad Liebenzell - Der Typ steckt verkehrt herum in der Erde, seinen Kopf balanciert er auf den Fußsohlen. Dazu grinst er und außerdem hat er nichts an. Nichts! Ja was ist das denn? „Erwachen“ nennt Bildhauer Clavigo Lampart seine Skulptur. „Wenn der Mensch stirbt, kehrt sein Körper zurück in die Erde. Doch das Bewusstsein existiert weiter“, erklärt der Künstler sein Werk. Lampart ist einer von zehn Kunstschaffenden, die den Park als Spaziergang durch 2500 Jahre Philosophie­geschichte gestalteten. Das Anliegen der Macher, mit solcher Soft Philosophy (Sophi) für Diskussion und Dialog zu sorgen, hat er erfolgreich umgesetzt. „Diese Figur sorgt für den meisten Gesprächsstoff“, beobachtet Tourismus-Direktorin Kerstin Weiss. Manche erregten sich, andere schmunzelten und einzelne Besucher hätten sogar schon die Scham der Figur verhüllt.

Doch von vorn. Den Eingang zum zwei Hektar großen Park bewacht ein riesiger eiserner Vielfüßler – Betreten der Installation erwünscht zwecks Findung neuer Perspektiven. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich das Gewirr aus rostigem und blankem Eisen als zwei Wurzeln, die sich oben treffen und umschlingen. „Getrennt wurzeln, gemeinsam wachsen“ – damit überschrieb die Erfinderin und Stifterin des Sophi-Parks, Ines Veith, ihre Idee. Sie reifte über viele Jahre, denn die Schriftstellerin hatte wie ihr verstorbener Mann schon beim Studium Philosophie als Nebenfach belegt. „Philosophie hilft, wenn das Leben aus dem Tritt geraten ist, es wieder hinzukriegen“, sagt sie. Das Schöne, wenn man sich mit Philosophie beschäftige, sei die Erkenntnis: Ich bin nicht die Einzige, die sich Fragen über den Sinn des Seins stellt. „Philosophie kostet nichts, bietet aber ein Meer der Möglichkeiten – die wollen wir mit dem Park allen eröffnen“, sagt Ines Veith.

Zehn Themenfelder gliedern den Sophi-Park

Möglich macht das eine Stiftung, die für den Unterhalt und die Pflege durch zwei Gärtner Spenden sammelt und verwaltet. Zu den Baukosten von 340 000 Euro trugen Fördermittel der EU und des Landes bei, die Stadt und örtliche Sponsoren beteiligten sich ebenfalls. Drei Jahre wurde geplant, gebaut und gepflanzt, denn zum Konzept gehört auch die Gartenkunst, die mit 4300 Stauden und einer Reihe Rosenschönheiten umgesetzt wurde. Nichts erinnert mehr an die ungenutzte Wiese, die hier am Ufer der Nagold, hübsch gerahmt von den Hängen des Schwarzwaldes, vor sich hin wilderte.

Zehn Themenfelder gliedern den Park, jedes gestaltet mit Kunstwerk, Zitaten, Beeten und Sitzgelegenheiten. „Liebling der Gäste ist die Antike“ berichtet Kerstin Weiss. Eingerahmt von üppig gelb und weiß blühenden Beeten, die so komponiert sind, dass immer etwas gedeiht, sitzt mittendrin die Tonne des Diogenes. Sie lädt zum Einsteigen und Sinnieren ein – beispielsweise darüber, warum der einzige Wunsch des antiken Denkers war, dass man ihm aus der Sonne gehe. Eine Tafel dazu erzählt die Geschichte in Kurzfassung, ein Begleitbuch liefert weitere Hintergründe. Rings um das Themenfeld recken sich farbige Acrylglas-Scheiben an flexiblen Drähten dem Besucher entgegen. Der zupft unwillkürlich daran, um die im Glas eingravierte Philosophen-Weisheit besser lesen zu können, und freut sich königlich, wenn das Glas zu schwingen beginnt und Sonnenstrahlen einfängt. So leuchtstark sind die Farben, dass sie dem Park selbst an Regentagen eine positive-heitere Strahlkraft verleihen.

Obwohl die Stühle aus Leuchtacryl wirklich nicht bequem aussehen – sie sind es, versichert die Touristikerin, die mit ihren Kollegen von der Stadtverwaltung die Sitzgruppe „Moderne“ zwischen Kant & Co. als Favoritenplatz auserkoren hat. Ines Veith liebt das Steinbänkchen mit den Rosenecken, wo Konfuzius und Konsorten inspirieren. Auch der aus frischem Holz und antiken Türen erbaute Bücherschrank unterm Blätterdach der 120 Jahre alten Linde hat schon Stammpublikum.

Auf Kinder wartet eine Kiste voller Spiele

Im Mittelalter tanzt der Tod mit dem Mädchen, erinnert an die Pest und thematisiert die Vergänglichkeit. Passend wählte der Bildhauer den Stein für sein Werk: Muschelkalkblöcke vom abgerissenen Südflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Die Renaissance leuchtet in Violett, in den Zitatscheiben wie im prächtigen Beet. Ein Männlein mit Blitz springt aus einer sich öffnenden Weltkugel und markiert den Zeitensprung. Hermann Hesses „Glasperlenspiel“ kommt als Drahtgeflecht mit grünen Glasbrocken daher, alle Linien starten ordentlich und gerade, dann verknoten und kreuzen sie sich wild. Ihre Botschaft: nicht nach Vollkommenheit streben, sondern sich selbst spiegeln.

Auf die Kinder warten rote Herzen mit Gesichtern, dazu eine Geschichte vom traurigen Herzchen ohne Name und eine Kiste voller Spiele sowie Zitate von Michael Ende, Saint-Exupéry und Astrid Lindgren. Hier geschah der bisher einzige Diebstahl: Ein graviertes Acrylherz verschwand spurlos. Nach Glaswürfel, Eibenstamm mit Philosophengesichtern und dem „großen Om“, einer Messingskulptur, die eigens in Indien gefertigt und im Shivatempel geweiht worden war, erreicht man das Ende des Parks.

Am Schluss lockt ein Bouleplatz

Hier plätschert eine der elf Quellen, die Bad Liebenzell besitzt und die natürlich ihren philosophischen Beitrag leisten: „Reines, klares Wasser steht für reine, klare Gedanken. Vergiftete Gedanken zerstören“, sagt Ines Veith. Das erklärt sie auch immer den Schülergruppen, die sie durch den Park führt. „In Zeiten von Cybermobbing und Hasskommentaren machen sie Zitate wie ,Hassen heißt unablässig morden‘ (José Ortega y Gasset) sehr nachdenklich“, berichtet sie.

Zum guten Schluss verabschiedet Friedrich Schiller die Philosophenjünger. Frei nach des Dichters Spruch „Der Mensch ist nur ganz, wenn er spielt“ lockt hier ein Bouleplatz.