Ralf, Marie-Noelle und Nina aus Böblingen sind mit dem E-Bike unterwegs und finden das Bauvorhaben unnötig. Foto: Thomas Morawitzky
In Aidlingen wird am Ortsausgang teuer gebaut: Die Steigung in Richtung Dagersheim, die „Kehle“, soll für Radler flacher werden. Doch die Zielgruppe zweifelt die Sinnhaftigkeit an.
Thomas Morawitzky
29.04.2026 - 12:04 Uhr
Ende April ist das Wetter endlich schön und jene, die gerne mit dem Fahrrad unterwegs sind, hält nichts mehr zuhause. Radler ziehen auch am Aidlinger Ortsausgang vorbei, nicht wenige, alle scheinen gut gelaunt und unternehmungslustig.
Eben dort, an einer Steigung in Richtung Dagersheim, wird gebaut, und zwar für sie, die Radfahrer. Kehle nennt der Volksmund die Steigung, die sich das Würmtal hinaufzieht, entlang der Kreisstraße 1066. Schon 2025 beschloss der Kreistag, den Radweg entlang der Kehle zu verlegen. Bislang steigt die Strecke stark an, bald soll sie eben entlang der Straße verlaufen.
Die Bauarbeiten haben im März begonnen, den Landkreis kommen sie günstig: Rund eine Million Euro wird es kosten, einen Einschnitt in die Böschung vorzunehmen, sie mit einer Spritzbetonschale und 300 Mikropfählen zu sichern. 960 000 Euro davon übernimmt das Land Baden-Württemberg. Dennoch sorgt das Projekt längst für Kritik aus der Bevölkerung: Hier, das finden vor allem Fahrradfahrer, wird sinnlos Geld ausgegeben.
Mit dem E-Bike strampelt es sich leicht die Anhöhe hinauf
Ralf, Marie-Noelle und Nina aus Böblingen sind mit dem E-Bike unterwegs. „Wir haben gerade, als wir über die Steigung gefahren sind und hinuntergeschaut haben, über das Thema gesprochen“, sagt Ralf. „Aus unserer Sicht ist es ganz unnötig. Auch für normale Fahrradfahrer sollte das eigentlich kein Problem sein. Es ist ja wirklich nur ein kurzes Stück.“
Reiner Müller, 70 Jahre alt, sieht die Sache entschieden ebenso: „Total unnötig!“, sagt er. „Die meisten Leute haben heute ein E-Bike, da ist das gar kein Problem. Und wenn ich selber mit dem Fahrrad nicht mehr hochkomme, dann schiebe ich die hundert Meter, dann bin ich auch droben. Es ist die schönere Strecke, und auf der Straße, da rasen die Autos und landen vielleicht auch mal auf dem Radweg.“
Schon kommen die nächsten Radler des Weges. Jörg lebt nicht im Landkreis, ist aber unterwegs mit Heidi, und sie stammt aus Deufringen. „Das Steile“, sagt er, „ist schon eine Herausforderung. Aber ich glaube nicht, dass später dann mehr Radfahrer hier hinauf fahren, nur weil es flacher ist. Wir sind mit E-Bikes unterwegs, aber wer sportlich ist, der schafft die Steigung.“ Eine Million Euro – das, finden beide, ist viel Geld, das man auch für Kinder- und Jugendprojekte verwenden könnte: „Einmal gab es eine Diskussion um einen Pumptrack.“ Also eine künstlich angelegte Mountainbikestrecke.
Foto: Stefanie Schlecht/Archiv
Freilich: Die beiden Radler sehen auch ein Für: „Vielleicht ist es später dann auch sehr gut.“ Aber Heidi scheint die neue Strecke auch gefährlicher zu werden: „Die Autos fahren sehr schnell, und es könnte zu Unfällen kommen, mit Kindern.“ Jörg derweil gibt zu bedenken, dass bei der Straßenplanung sonst oft kaum an Radfahrer gedacht wird: „Es gefällt mir gut, dass es viele Radwege gibt, aber manchmal sind diese Wege dann auch einfach weg und die Autos sind wieder wichtiger.“
Manche Radler ohne Elektromotor schieben ihr Rad die Steigung hinauf
„Ich habe kein E-Bike“, sagt Waltraud, eine Radlerin aus Aidlingen. „Ich schiebe mein Fahrrad die Steigung hinauf und wenn ich oben bin, dann kann ich wieder fahren. Wenn ich in Zukunft die leichte Steigung bergauf fahren muss, dann finde ich das beschwerlicher. Außerdem verläuft der Weg dann direkt an der Straße. Der alte Weg war sehr schön, er war intakt, und ich sehe nicht ein, dass er für eine Million Euro abgebaut wird.“
Eva, 79 Jahre alt, ist auf dem Weg von Grafenau nach Herrenberg, unterwegs auf einem E-Bike, will sich des Urteils eigentlich enthalten, zweifelt doch: „Man weiß ja noch nicht, wie es wird,“ sagt sie. „Aber ich bin einmal dort entlanggefahren, mit meinem Auto, und möchte es lieber nicht mit dem Fahrrad. Eigentlich finde ich es ja auch schöner, wenn es eben ist, aber es gibt ja auch Leute, die fahren extra ins Gebirge. Ich würde die Strecke so belassen, auch weil es ja um viel Geld geht, das im sozialen Bereich ja überall fehlt.“
„Ich hätt’s nicht gebraucht“
Und auch Andrea Märgner aus Aidlingen wundert sich ein wenig über die große Summe, die da ausgegeben wird, und zweifelt ein wenig an der Sinnhaftigkeit des Unterfangens. „Ich hätt’s nicht gebraucht“, sagt sie knapp. „Ich find’s überzogen und überteuert. Aber andererseits – wenn man jetzt die Fördergelder bekommt und sie am Ende des Jahres weg sind, dann liegt es ja grundsätzlich an den Förderrichtlinien.“ Sie kennt die Kehle schon lange und fürchtet sie nicht: „Man ist da auch als Kind hoch“, sagt sie. „Es ging. Man kann ja auch schieben.“
Hier wird seit geraumer Zeit gebaut. Foto: Michael Schwartz
Nun fährt sie ein E-Bike und würde die alte Wegführung deutlich vorziehen: „Der alte Weg soll ja zurückgebaut werden und nur noch ein Feldweg sein, auf dem man nicht mehr fahren kann. Man ist dann also gezwungen, neben den Autos herzufahren. Das möchte ich lieber nicht.“