Neuer Roman über Stuttgarter Mörderin Gift für den Gatten
Christiane Ruthardt hat ihren Mann vergiftet. Die Ereignisse rund um die Hinrichtung der Stuttgarterin waren so schaurig, dass die Folgen bis heute nachwirken.
Christiane Ruthardt hat ihren Mann vergiftet. Die Ereignisse rund um die Hinrichtung der Stuttgarterin waren so schaurig, dass die Folgen bis heute nachwirken.
Selten war in Stuttgart die Laune so gut. Schon morgens um drei Uhr werden die Kinder aus ihren Betten gezerrt, damit ihnen dieses köstliche Schauspiel bloß nicht entgeht. Die Straßen sind rappelvoll, als Christiane Ruthardt schließlich in einem offenen Wagen in Richtung Feuerbach gefahren wird. Dort wird man ihr den Kopf abschlagen. Freundlich wie eine Dame lächelt sie vor sich hin. Die Stuttgarter stehen am Straßenrand und johlen, solch ein Spektakel kann das tollste Volksfest nicht bieten.
Pech für die schaulustige Menge. Denn der 27. Juni 1845 ist in die Geschichte der Stadt Stuttgart eingegangen. Auch wenn es die einen bedauern, die anderen für einen schweren Fehler halten – an diesem Sommertag findet auf der Feuerbacher Heide die letzte öffentliche Hinrichtung statt. Nie wieder sollen die Menschen mit eigenen Augen zuschauen können, wie der Henker einem Schuldigen mit dem Schwert den Kopf abschlägt. Der Fall Ruthardt war so schaurig, dass er in Württemberg eine Debatte auslöste und letztlich zu einem der vielen Schritte hin zu einem zivilisierten Miteinander führte. Die Presse trieb die Debatte voran und kommentierte deutlich: „Genug von diesem blutigen Spiel. Das Kopfabschneiden tötet die Hydra der Verbrechen nicht.“
Verbrechen? Christiane Ruthardt hätte verneint. Für sie war es schlicht eine Notwendigkeit, ihren Ehemann um die Ecke zu bringen. Sie war eine anständige und tüchtige Frau, klug und kultiviert obendrein. Nicht aus Liebe heiratete sie diesen arbeitslosen Goldarbeiter, sondern um endlich in gesellschaftlich anerkannten Verhältnissen leben zu können. Der Mann aber häufte so viele Schulden an, dass sie sich nirgends mehr blicken lassen konnte vor lauter Scham, bei der Rückzahlung säumig sein zu müssen. So wurde der Gatte „nach und nach eine unerträgliche Bürde“, wie sie unumwunden zugab. Die Lage war so aussichtslos, dass in Christiane Ruthardt die Überzeugung reifte: Die Dinge werden erst wieder ins Lot kommen, „wenn der Mann weggeschafft ist“.
Mordende Frauen haben schon immer fasziniert – einerlei, ob sie das eigene Kind oder den Gatten umgebracht haben. Der Fall Christiane Ruthardt ist aber auf vielerlei Weise außergewöhnlich gewesen. Denn sie mischte dem Gatten nicht einfach Gift ins Essen und schaute sorgenvoll zu, wie er „kotzt in einem fort“. Sie war auch eine der ersten Täterinnen, bei denen ein neues Strafrecht angewandt wurde. Anderthalb Jahre dauerte der Prozess, die Eintrittskarten wurden auf dem Schwarzmarkt zu gigantischen Preisen gehandelt.
„Das Gericht wollte besonders gründlich sein und hat auch wahnsinnig viele Zeugen befragt“, erzählt die Stuttgarter Autorin Jutta Weber-Bock. In diesen anderthalb Jahren wuchs die Gerichtsakte auf Tausende Seiten an. Sie liegen heute in Ludwigsburg im Staatsarchiv. Jutta Weber-Bock hat zwar eigens einen Kurs besucht, um die Handschriften entziffern zu können, gelesen hat sie die komplette Prozessakte freilich nicht. Sie ist froh, dass sich schon andere Historiker und Autorinnen durchgeackert haben. Aber obwohl schon mancher Aufsatz über die Stuttgarter Mörderin verfasst wurde, sind aus Sicht von Jutta Weber-Bock weiterhin viele Fragen offen. Fragen, die sie zu beantworten versucht. Deshalb hat Weber-Bock gerade Teil zwei ihrer Romantrilogie über Christiane Ruthardt veröffentlicht. „Das Vermächtnis der Kurfürstin“ basiert auf den historischen Eckdaten. „Aber es ist eine fiktive Geschichte, weil ich mich gefragt habe, wie ist es ihr ergangen ist und wie Frauen damals lebten“, erzählt die Autorin.
Christiane Ruthardt wollte definitiv nicht so leben, wie es in ihrer Zeit für Frauen vorgesehen war. Sie hat immer Wert darauf gelegt, ihr eigenes Geld zu verdienen. Als sie 1804 in Stuttgart geboren wurde, waren ihre Aussichten allerdings nicht die rosigsten, weil sie zwar die Tochter einer Baronin war, aber unehelich geboren wurde. So wuchs sie in Ludwigsburg in Pflegefamilien auf – und arbeitete sich hoch zu einem tüchtigen, geschätzten Dienstmädchen.
Eine Herrin vererbte ihr 400 Gulden, die sie als Mitgift nutze, um endlich heiraten und in geordneten Verhältnissen leben zu können. Karl Eduard Gottlieb Ruthardt muss ein maulfauler, schrulliger Kerl gewesen sein, der sich in den Kopf gesetzt hat, ein Perpetuum mobile zu erfinden. Um die Familie durchzubringen, schuftet Christiane als Wäscherin und verkauft Gebäck. Aber kaum ist wieder etwas Geld in der Kasse, investiert ihr Mann es in seine aussichtslose Idee oder kauft Bücher. Schillers Werke an, so ist überliefert, hätten ihn enttäuscht.
Bloß: Muss man jemanden umbringen, nur weil er Schulden macht? Mancher Frau ging es ähnlich wie Christiane Ruthardt, weshalb die Meinungen der Stuttgarter auseinander gingen. Die zahllosen Zeugen, die in diesem langen Verfahren befragt wurden, sagten immer wieder aus, dass Christiane Ruthardt eine seriöse, anständige Frau gewesen sei, „eine gescheite, mit vielen Kenntnissen ausgerichtete, stille und brave Person“. Die Presse kolportierte dagegen, dass sie immer schon vergnügungssüchtig und gewalttätig gewesen sei – was man schon an ihrer „stumpig ausgeschweiften Nase“ erkennen könne. Der Staatsanwalt bescheinigte ihr wiederum einen „ungewöhnlichen Grade an Verstand“, wobei es ihr zugleich an Gemüt fehle.
Christiane Ruthardt zeigte offenbar keinerlei Anzeichen von Reue, dabei hätte das ihre Chancen auf Begnadigung erhöht. Warum aber hat sie mehrere Ärzte aufgesucht, um an Arsenik zu kommen, das sie ihrem Gatten in kleinen Dosen ins Essen mischte? Warum schaute sie ungerührt zu, wie er sich krümmte und wimmerte – der Hausarzt schließlich eine Magenentzündung diagnostizierte und den Vergifteten erfolglos mit Brausepulver und Blutegeln behandelte?
Laut Gerichtsakten hoffte Christine Ruthardt auf den Erlös aus den Leichenkassen, erzählt Jutta Weber-Bock. „Das ist mir aber ein bisschen zu wenig, deshalb bin ich dabei, die Motivlage zu erkunden.“ In ihrem zweiten Band hat sie versucht, Ruthardts Wesen besser zu verstehen und dazu allerhand Szenen erfunden, die plastisch machen, welche Schmach diese junge Frau vermutlich erdulden musste, weil sie unehelich geboren wurde. Inzwischen sitzt die Stuttgarter Autorin an Band drei ihrer Trilogie und will darin Antworten geben, was Ruthardt noch zum Mord bewegt haben könnte.
Auch wenn manches zwangsläufig Spekulation bleiben wird – sicher ist, dass die Verurteilung und öffentliche Hinrichtung von Christiane Ruthardt ein Wendepunkt in Württemberg darstellte. Denn ihr Schicksal machte die Rohheit sensationslüsterner Menschenmassen sichtbar. Und auch in Sachen Pietät gegenüber Leichen setzte mit ihrem Fall ein Umdenken ein.
Das wirklich schaurige Spektakel nahm nämlich erst nach der Hinrichtung ihren Lauf. Der Leichnam der 40-Jährigen sollte zur Sektion ins Anatomische Institut Tübingen gebracht werden – obwohl Christiane Ruthardt eigentlich darum gebeten hatte, sie vor Ort zu beerdigen. Ein Fuhrmann wurde beauftragt, ihren Sarg nach Tübingen zu bringen. Während der Fahrt begann dem Mann der Magen zu knurren, sodass er in Dettenhausen eine Vesperpause einlegte, bei der er den Sarg offenbar nicht im Blick hatte. Das war die Gelegenheit für die neugierige Bevölkerung, die schon über Monate hinweg an Ruthardts Schicksal teilgenommen hatte. Jetzt wollte man ihre Leiche sehen und öffnete kurzerhand den Sarg. Sogar Haare schnitt man vom abgeschlagenen Kopf der Toten ab – als eine Art Trophäe.
Aber auch hier endet das schaurige Lehrstück nicht. Als der Leichnam endlich in Tübingen ankam, stand der Sarg mehrere Stunden unbeaufsichtigt im Hof der Anatomie. Der Anatomiediener, der die Leiche hätte versorgen sollen, hatte offenbar anderes zu tun, vielleicht wollte er der Schaulust der Tübinger auch nicht im Wege stehen. Die Leute öffneten wieder den Sarg und verloren jedes Maß. So nahmen sie den abgeschlagenen Frauenkopf heraus und warfen ihn übermütig und lachend umher.
Der Vorfall hatte heilsame Konsequenzen: Der Hausmeister wurde fristlos entlassen, und eine Debatte über den Umgang mit Leichen führte auch im anatomischen Institut für einen sorgsameren Umgang mit menschlichen Überresten. So hat der Fall der Christiane Ruthardt viel angestoßen. Es dauerte zwar noch mehr als 20 Jahre, bis die Todesstrafe auch in Württemberg endgültig abgeschafft wurde. Aber ihre Hinrichtung gab den Anstoß für einen fortschrittlichen Geist, den die Presse scharfsichtig formulierte: „Setzt Köpfe auf, das wird besser seyn, das heißt, bildet das Volk.“
Buch Jutta Weber-Bock: Das Vermächtnis der Kurfürstin, Gmeiner-Verlag Meßkirch, 480 Seiten, 15 Euro, E-Book 11,99 Euro.